"SRF ist nach wie vor mit Abstand Marktführer in der Deutschschweiz, von Quotenschwäche kann daher keine Rede sein"

- Die Einschaltquoten des Schweizer Fernsehens sind in diesem Frühling so tief wie noch nie. Sendungen wie 10vor10, Kassensturz, Rundschau oder Arena sehen sich mit einem Zuschauerrückgang konfrontiert. In einem Artikel mit dem Titel "Dürre am Leutschenbach" machte die "NZZ am Sonntag" die Situation zum derzeit grossen Medienthema. Wie dramatisch ist die Entwicklung wirklich? "persoenlich.com" fragte bei SRF nach. Die Antworten gab Andrea Hemmi, Leiterin Unternehmenskommunikation. Das Interview:

Frau Hemmi, das Schweizer Fernsehen verliert Quote. Die Marktanteile in den Monaten April und Mai sind die tiefsten Werte seit die Zuschauerzahlen erhoben werden. Wo sehen Sie die Gründe für den Zuschauerschwund?

Entscheidend ist: Mit einem Marktanteil von 31 Prozent im Schnitt der ersten fünf Monate 2011 sind wir auf Kurs. Dass einzelne Monate höhere und andere etwas tiefere Marktanteile haben, ist nichts Neues. Die aktuellen Zahlen bestätigen den seit längerem sichtbaren Trend, dass unser Publikum zunehmend das Internet nutzt, insbesondere bei Newssendungen. Gleichzeitig gibt es viele Formate mit sehr treuem Publikum im klassischen TV, beispielsweise "Reporter", "DOK", "Kulturplatz", "Happy Day" oder "SF bi de Lüt". Die Messwerte von Radio, TV und Internet lassen sich derzeit nicht direkt vergleichen, ausser mit der Nutzungsdauer, und die ist mehr als zufriedenstellend: Insgesamt nutzen im Durchschnitt alle Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer (ab 15 Jahre) 14,3 Stunden pro Woche die Angebote von SRF (Radio, TV, Internet).

Was wäre jetzt eine logische Verhaltensweise, um die Quoten zu retten?

Die Entwicklung ist alles andere als dramatisch. SF bewegt sich seit Jahren bei einem Marktanteil von etwas über 30 Prozent.

Ist das Quotentief auch ein Resultat des Sparzwangs?

Gespart wird in den administrativen Bereichen. Die engere Zusammenarbeit von Radio und Fernsehen hat zum Ziel, im publizistischen Bereich das Angebot steigern zu können.

Während die Zuschauerzahlen im Fernsehen sinken, steigt die Nutzung des Informationsangebots im Internet. Kann das Onlineangebot den Zuschauerschwund wettmachen?

Aufgrund der unterschiedlichen Messgrössen von Fernsehen und Internet ist ein direkter Vergleich bzw. eine Hochrechnung wie oben ausgeführt nicht möglich. Tatsächlich wird das Internetangebot von SRF aber immer stärker genutzt. www.sf.tv zählte 2010 12,5 Millionen monatliche Visits; das Wachstum gegenüber Vorjahr betrug somit +52 Prozent. Und die Zahlen steigen weiter: Im Mai 2011 zählte www.sf.tv rund 16 Mio. monatliche Visits.

Das Interesse an 10vor10, Kassensturz, Rundschau und Arena haben nachgelassen. Hat SF es verpasst, diese Quotenbringer weiter zu entwickeln?

SRF analysiert und entwickelt sämtliche Sendungen laufend weiter. Insbesondere die Newsformate werden stärker im Internet genutzt, bei den einzelnen Sendungen gibt es starke Schwankungen, die immer auch mit der direkten Konkurrenz auf dem jeweiligen Sendeplatz zu tun haben. So hat beispielsweise die "Rundschau" starke Konkurrenz durch parallel laufenden Sport auf SF zwei. Die "Arena" liegt mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 21 Prozent in den ersten fünf Monaten 2011 nahezu gleichauf wie im Vorjahr (21.7 Prozent).

In der Medienszene ist oft zu hören, dass man den Hunger nach Neuem und nach Kreativität in der Programmgestaltung vermisse. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

Diese Kritik ist angesichts der diversen Neuerungen, mit denen SRF bereits in den ersten fünf Monaten von sich reden macht, nicht nachvollziehbar. Die Musiksendung "Alpenrose", der Talk "Schawinski", aber auch die Verlagerung vom "Kulturplatz" auf einen prominenteren Sendeplatz sind nur einige Beispiele. Zur Kreativität in der Programmgestaltung gehört übrigens auch, dass schnell reagiert wird, wenn etwas nicht wie erwartet funktioniert, wie beispielsweise bei "Ab in die Küche".

Es fehlt in diesem Jahr an sportlichen Grossereignissen. Wie will man trotzdem Marktanteile zurückerobern?

Dass in Jahren ohne Sportgrossereignisse die durchschnittlichen Quoten etwas tiefer ausfallen als in Jahren mit Sportgrossereignissen, ist normal - davon gehen wir aus. Ausserdem hat SRF einen Service-public-Auftrag zu erfüllen und geht darum nicht einfach auf Quotenfang, sondern setzt insgesamt auf ein ausgewogenes, qualitativ hochstehendes Angebot. Dieses Jahr steht mit den Wahlen in Herbst ein wichtiger Event an - der in punkto Publikumswirksamkeit nicht mit einer Fussball-WM zu vergleichen ist, aber für den Service public eine absolut zentrale Bedeutung hat.

Nun schreibt die "NZZ am Sonntag", dass SRF deshalb die Quoten nicht mehr aktiv kommuniziere, weil die Zahlen schlecht seien. Regionaldirektor Rudolf Matter habe dies angeordnet. Warum informiert SRF nicht mehr?

SRF publiziert nach wie vor die täglichen und monatlichen Zuschauerzahlen auf dem SRF-Medienportal. Jeder Journalist hat hier Zugriff. Da hat sich nichts geändert.

Letzte Frage: Wie wird sich die Quotenschwäche auf den Werbemarkt auswirken?

SRF ist nach wie vor mit Abstand Marktführer in der Deutschschweiz, von Quotenschwäche kann daher keine Rede sein. Mit der oben erklärten teilweisen Nutzungsverlagerung weg vom linearen TV, hin zum Internet sieht sich der Werbemarkt indes schon länger konfrontiert.

Interview: Christian Lüscher