"Stars wie Penelope Cruz sind sich gewöhnt, gut auszusehen. Ihre Bilder werden immer aufgebessert."

- Er kennt nicht nur die Schoggiseiten der Stars: Der berühmte Schweizer Fotograf Alberto Venzago arbeitet immer wieder Schulter an Schulter mit Prominenten aus der ganzen Welt. Gerade im Moment begleitet er die neue Imagekampagne von Vögele mit Penelope Cruz und Till Schweiger. Wie er sich dabei fühlt, was ein gutes Bild ausmacht und wer seine wichtigsten Werbekunden sind, erzählt der geheimnisvolle Künstler im Gespräch mit "persoenlich.com". Zum Interview:

Alberto Venzago, Ihr grösster Werbekunde ist Japan Tobacco International. Haben Sie keine Skrupel für Zigaretten zu werben?

Nein. Ich bin kein Moralist. Zudem habe ich mein ganzes Leben noch nie eine Zigarette geraucht. (Lacht). JTI macht mit anständigen Gewinnen so viel für die Philanthropie und für die Kultur in unserer Gesellschaft, dass ich den Kunden grossartig finde.

Was machen Sie bei JTI?

Ich bin filmisch und fotografisch für einen Teil des Erscheinungsbildes verantwortlich. Die Liste ihrer Sponsoring Partner ist auf höchstem Niveau und dem entsprechend attraktiv. Um nur einige zu nennen: La Scala in Mailand, Salzburger Festspiele, Beyeler Fondation, Mariinsky Orchestra, Seji Ozawa Academy, etc. JTI ist ein toller, angenehmer Kunde voller Überraschungen. Der Konzern pflegt den Nachhaltigkeitsgedanken und das entspricht mir sehr: Ich kann Filme realisieren, die in mir drin sind. Produktewerbung mache ich keine.

Können Sie ein konkretes Beispiel machen?

In der Schweiz unterstützt JTI beispielsweise die Rückführung der Sans Papiers. Dank ihrer Hilfe können diese Menschen mit einem guten Startkapital in ihrer Heimat einen Neuanfang wagen. Ich habe eine Sans Papiers mit der Filmkamera nach Gambia begleitet. Es war sehr eindrücklich und toll zu sehen, was mit Geld erreicht werden kann.

Sie begleiten auch die Vögele-Kampagne mit Penelope und Monica Cruz und Till Schweiger filmisch. Haben Sie Spass?

Ja sehr. Ich filme das Making-off der aktuellen Vögele-Kampagne. Das ist sehr spannend. Ich kann den englischen Starfotografen Mert Alas und Marcus Piggott bei der Arbeit zusehen und das Verhalten der Protagonisten mit der Filmkamera festhalten.

Ist es nicht schwierig, anderen Fotografen beim Arbeiten still zuzusehen? Möchten Sie nicht eingreifen und sagen, wo es lang geht?

Nein, ich geniesse es. Es ist ein Privileg bei Starfotografen dabei zu sein. Auch wenn ich Vieles anders machen würde. Denn ich habe meine eigene Handschrift, an der man mich erkennt.

Was würden Sie anders machen?

Bei der Werbefotografie wird Vieles vom Kunden genau definiert: Er schreibt dir eine Mood vor, welchen Hintergrund das Bild haben soll und welches Licht du nehmen musst. Er hat oft eine klare Vorstellung davon, wie ein Plakat danach aussehen soll und wie die Werbebotschaft vermittelt wird. Meine eigenen Ideen spielen da eine untergeordnete Rolle. Bei Charles Vögele mag man aber meine Art des Arbeitens, sie sind grosszügig und weltoffen. Wir sind schon zum vierten Mal zusammen und es ist immer noch wie ein Honeymoon. Was will ich noch mehr?

Nehmen Sie Werbeaufträge hauptsächlich zum Geldverdienen an?

Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich kommerzielle Aufträge machen kann um damit meine privaten Projekte zu finanzieren. Und wenn die kommerziellen Aufträge so sind, dass ich nicht darunter leide, sondern sie spannend finde, dann wird die Fotografie besser, der Kunde ist zufriedener und mein Herz lacht.

Welche Werbekunden haben Sie sonst noch?

Ich arbeitete für das Mariinski Orchestra mit Valery Gergiev, für die Mailänder Scala und für die Festspiele in Salzburg. Im Moment bin ich bei Beyeler engagiert um den Aufbau der Maman-Spinne von Louise Bourgeois filmisch und fotografisch zu dokumentieren. Sie steht diesen Monat in Zürich am Bürkliplatz. Zudem habe ich mit Freude den letzten und den diesjährigen Geschäftsbericht der Credit Suisse bebildert. Eine sehr spannende und aufwendige Inszenierung.

Die Musik spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Leben. Sie besuchten das Konservatorium in Luzern. Wer inspiriert Sie sonst noch bei der Arbeit?

Meine Freundin Sandra ist Psychoanalytikerin. Mit ihr kann ich tiefgehende Gespräche führen, das ist unglaublich bereichernd und findet oft auch unbewusst Niederschlag in meiner Arbeit. Ich hinterfrage mehr und habe gelernt, noch sensibler auf meine Portraitierten einzugehen.

Ihre Bilder gehen um die Welt. Was machen Sie besser als andere?

Als Fotograf bin ich wie ein Psychologe. Ich höre den Leuten sehr gut zu, versuche mich in sie hinein zu fühlen, ihnen gerecht zu werden und dementsprechend ein Bild zu machen. Ich denke, der Erfolg meiner Fotografie ist, dass die Leute sich gerne so wiedersehen, wie ich sie fotografiere. Ich versuche ihren Charakter darzustellen und nicht in erster Linie ihre Schönheit. Eine Person, die sich fallen und mich in ihre Seele reinschauen lässt, finde ich eigentlich an sich schön.

Für Sie ist ein gutes Bild nicht in erster Linie ein schönes, sondern ein wahres. Warum?

Ein Foto soll vor allem emotional berühren. Ist es näher an der Wahrheit, gelingt dies besser. Das schliesst aber nicht aus, dass es nicht ebenfalls einem ästhetischen Kritikpunkt entsprechen kann und auch schön ist. Primär finde ich aber den Inhalt eines Bildes wichtiger als seine Verpackung.

Was beinhaltet denn ein gutes Bild?

Ein gutes Foto zeichnet sich dadurch aus, dass es mehrere Ebenen hat. Man schaut es nicht bloss einmal an, sondern immer wieder. Denn man entdeckt jedes Mal wieder etwas Neues. Wenn es dann auch noch einen Wahrheitsgehalt hat, dann erfüllt es den Anspruch eines guten Bildes.

Sie arbeiten mit Weltstars zusammen. Wollen nicht gerade prominente Menschen einfach gut aussehen auf dem Bild und Unschönes kaschieren?

Natürlich wollen alle Menschen gut aussehen und dem Schönheitsideal entsprechen, das uns andere Fotografen mit im Foto Shop aufgepimpten Bildern vorgeben. (Lacht). Stars wie Tina Turner und Penelope Cruz sind sich natürlich gewöhnt, gut auszusehen. Ihre Bilder werden immer ein bisschen aufgebessert. Der Charakter darf dabei aber nie verloren gehen. Das ist ganz wichtig. Und: Da sie vorher zwei Stunden lang in der Maske gestylt werden, sehen sie logischerweise auch immer entsprechend aus. Über das Foto selbst bestimme aber ich selbst - auch bei solch prominenten Leuten. Sie schreiben mir nichts vor.

Wie ist das, wenn man als Star einen Star fotografiert?

Ich bin doch kein Star. Ich stehe einfach hinter der Kamera. Aber es ist spannend: weil ich ein bisschen älter bin, haben beide etwas Respekt voreinander und hören aufeinander. Das ist schön.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den beiden Cruz-Schwestern?

Mit Monica ist es verbal schwierig, da sie nur Spanisch und kein Wort Englisch spricht. Ein Smile ist aber bei ihr eh besser als Worte. Aber mit Penelope ist es super gut. Ich lernte sie durch ihren Mann Xavier Bardem kennen. Wenn ich eine Frau wäre, würde ich alles fallen lassen und ihm an den Hals springen. Er ist der erotischste Mann der Welt. (Lacht schallend). Kennengelernt habe ich ihn beim Film mit Wim Wenders über die vergewaltigten Frauen im Kongo. Xavier Bardem war der Produzent. Meine Beziehung zu Penelope Cruz ist sehr professionell. Wir arbeiten zusammen und haben dazwischen kaum Zeit über Privates zu reden.

Hat sie Starallüren?

Meine Erfahrung ist die: Je grösser der Star, desto kleiner seine Allüren. Oft sind die Agenten das grössere Problem. Die führen sich auf wie Diven. Wenn du mit den Leuten selbst arbeitest, sind sie eigentlich ganz normal. Das trifft auch auf die Cruz-Schwestern zu.

Ihre typischen Bilder sind meistens schwarzweiss und etwas verwischt. Warum rücken Sie Ihre Models oder Sujets in diese vage, düstere Szenerie?

Das ist ein Stilelement. Mir gefällt schwarzweiss besser. Die Bilder sind reduzierter und dadurch aussagekräftiger.

Irgendwie sind Ihre Bilder ja durch diesen schwarzweissen Filter auch der Realität entrückt?

Das finde ich nicht. Die Wahrheit ist immer auch reduziert auf den Kreis rund um die Wahrheit.

Spielen Sie mit der Melancholie?

Nein gar nicht. Schwarzweiss ist meine Handschrift. Ich hebe mich dadurch von anderen Fotografen ab. Viele Berufskollegen haben das Problem, dass sie nichts Eigenes kreieren. Sie reproduzieren einfach das, was sie gelernt haben. Ihre Bilder sind untereinander austauschbar. Die Kunst ist aber die Schwierigkeit, etwas aus dem gelernten Handwerk weiter zu entwickeln, an dem man dann auch erkannt wird.

Sie befassten sich beim Fotografieren mit Kinderpornografie, Mafia und Voodoo. Woher kommt die Faszination am Bösen oder Unheimlichen?

Ich war auch schon in der Jury der Miss Schweiz. Das finde ich sehr lustig und amüsant. Aber das Schwarzweisse, Düstere interessiert mich mehr. Wo kein Licht ist, gibt es auch kein Schatten. Es ist also ehrlicher.

Ganz anders wirken Sie selbst - Alberto Venzago strahlt immer und gilt als einer der unsterblichen Womanizer. Wie erklären Sie sich diese Gegensätze?

Unsterblich klingt gut!!! Ich bin ein fröhlicher Mensch und trotzdem auch von der anderen Seite angezogen. Und lachen bedeutet auch nicht immer lustig sein. Es ist oft einfach nur eine Larve für etwas. Viele sehen in mir den Womanizer. Das empfinde ich nicht als Kompliment. Es mag zwar schmeicheln, aber ist ja nur eine Facette von mir. Sprechen sie aber länger mit mir, merken sie, dass da noch etwas ganz anderes dahinter steckt.

Was ist eigentlich wichtiger, der Fotograf oder das Bild?

Das Bild ist natürlich wichtiger. Denn es überlebt im Idealfall den Fotografen.

Dass Sie das Bild nennen, war zu erwarten. Doch wie wichtig ist der Kultstatus um einen Starfotografen?

Er ist sehr hilfreich und wichtig, gerade in der heutigen Zeit. Es ist wie in der Mode: Man braucht einen Stil und eine Persönlichkeit; dann geht es viel einfacher. Als Fotograf muss ich beweisen, dass ich etwas bewirken, etwas machen kann und zeigen, dass ich ein charismatisches Feuer in mir habe. Nur so kann ich mich durchsetzen und das Gegenüber anstecken.

Wie verändert sich die Kunst des Fotografierens durch die neuen Medien?

Leider gibt es im Moment eine regelrechte Foto-Invasion. Jeder, der ein Handy hat, knipst wild darauf los und multipliziert das Resultat über Twitter und Facebook. Und auch in den Magazinen ist alles reduziert auf kleine Fotos. Früher war das ganz anders. Da bekam man 20 Seiten um eine Geschichte zu erzählen. Das gibt es heute nicht mehr. Ich hoffe, dass man in Zukunft nicht mehr nur Massen von Bildern produziert, sondern sich wieder zurück besinnt auf den Ursprung der Fotografie und weiss, was ein Bild ist.

Wie oft drücken Sie ab für das richtige Bild?

Zwei-, vielleicht dreimal. So wie früher in der kostspieligen analogen Fotografie. Ich überlege mir zuerst, was ich möchte, führe Gespräche und entwickle so eine Idee. Ich finde es grauenhaft, wie man mit den digitalen Kameras einfach darauf los schiesst und erst später, wenn überhaupt, schaut, was dabei herausgekommen ist.

Welchen Fototraum möchten Sie sich bis Ende Jahr noch erfüllen?

Ich bin jeden Tag daran, mir einen Traum zu erfüllen. Aber meine grossen Geschichten gären lange in mir drin. Ich muss mich zuerst intensiv einlesen und dann vor Ort recherchieren gehen. Sich auf ein neues Projekt einlassen ist ja wie schwanger werden: Die Idee trage ich über Monate mit mir herum und überlege sehr ernsthaft, ob ich über längere Zeit Freude mit meinem neuen Kind haben werde... Auch heute bin ich mit einem Langzeitprojekt beschäftigt, das seit zwei Jahren in meinem Kopf brodelt. Nächstes Jahr fange ich mit dem Fotografieren an. Mehr darf ich noch nicht verraten. Da bin ich abergläubisch. In drei Jahren wird das Werk dann fertig sein: Es hat etwas mit Musik zu tun...

Interview: Christine Schnyder