Grund für die Streichungen im Korrektorat sei die Umstellung der Tamedia-Redaktionen auf Mobile First. Mit dieser neuen Strategie änderten sich die Produktionsabläufe so, dass in Zukunft alle Artikel nur noch einmal korrigiert werden, nämlich bei der digitalen Publikation. Dies sagt Nicole Bänninger, Kommunikationsverantwortliche Tamedia, auf Anfrage von persoenlich.com. Dadurch sinke das Arbeitsvolumen, was eben auch eine Reduktion des Korrektorat-Teams zur Folge habe.
Zwei Leute entlassen, drei frühpensioniert
Bei der Bildverarbeitung sei das Arbeitsvolumen insbesondere durch den Wegfall der beiden Zeitschriften Annabelle und 20 Minuten Friday stark geschrumpft, wie Bänninger weiter sagt. Aus den bereits erwähnten Gründen des Strategiewechsels mussten im Korrektorat zwei Kündigungen ausgesprochen werden, in der Bildverarbeitung waren drei Personen von einer Frühpensionierung betroffen.
Bei Tamedia versuche man stets, personelle Anpassungen über Fluktuation, interne Wechsel oder andere Möglichkeiten zu vollziehen. «Wir bedauern, dass dies nicht immer möglich ist. Die betroffenen Mitarbeitenden haben einen freiwilligen Sozialplan erhalten, zudem haben wir ihnen Unterstützung bei der Neuorientierung angeboten», so Bänninger.
Tamedia setzt auf Rechtschreibprogramme
Auf Twitter gaben insbesondere die neuen Richtlinien zu reden, dass «Print-only»-Artikel, Blog-Texte oder Leserbriefe gar nicht mehr korrigiert werden sollen.
Ab Juli werden sich die Leser*innen der @Tamedia-Zeitungen über deutlich mehr Fehler ärgern.
— Dennis Bühler (@DennisBuehler) June 23, 2020
Ende März waren mehrere Korrektor*innen entlassen worden, heute wurden die neuen Regeln intern kommuniziert: Sehr viele Artikel werden vor dem Druck nun schlicht gar nicht mehr gelesen. https://t.co/AJY7l1ci8H pic.twitter.com/D4i9VFWlVq
Auf die Frage, wie man vermeiden wolle, dass es vermehrt zu Schreibfehlern in den Titeln kommt, heisst es bei Tamedia, Print-Only-Artikel gebe es im neuen Workflow kaum mehr. Ausnahmen seien Frontseiten, die ja weiterhin korrigiert werden, oder Leserbrief- und Glückwunschseiten. Ausserdem verweist man auf die Printrevision.
Darüber hinaus sei im Hinblick auf die Umstellung auf Mobile First bei den Tamedia-Zeitungen eine Produktionsredaktion geschaffen worden, die sich gezielt um die Zeitungsproduktion kümmere. Zur Qualitätssicherung integriere man auch einzelne Korrektorinnen und Korrektoren in diese Produktionsredaktion. Überdies würden die Redaktorinnen und Redaktoren bereits beim Schreiben ihrer Texte auf die Orthografie achten und man setze Rechtschreibprogramme ein.
Fehlerfreiheit gehört zur Basis des journalistischen Handwerks
Doch wie rechtfertigt Tamedia gegenüber zahlenden Leserinnen und Lesern Schreibfehler in den Qualitätstiteln? Bänninger sagt, bis auf wenige Ausnahmen wie etwa Leserbrief- und Glückwunschseiten oder die Agenda werde auch im Print weiterhin kein Artikel erscheinen, «der nicht das Korrektorat durchlaufen hat». Darüber hinaus gehöre Fehlerfreiheit wie korrekte Fakten zur Basis des journalistischen Handwerks. «Unsere Redaktorinnen und Redaktoren verfassen ihre Texte mit der grösstmöglichen Sorgfalt. Unsere Berichterstattung wird von Menschen verfasst und von Menschen korrigiert – und selbst Rechtschreibprogramme sind nicht immer hundertprozentig exakt», sagt Bänninger.
Organisation und Kosten werden überprüft
Im Zuge der Coronakrise wird wohl der nächste grössere Stellenabbau in nicht allzuweiter Ferne sein – könnte man meinen. Dazu Bänninger: «Aufgrund der anhaltenden negativen Marktentwicklung, die sich durch die Coronakrise weiter verschärft hat, sind wir gefordert, unsere Organisation und Kosten laufend zu überprüfen und nach Optimierungspotentialen zu suchen. Denn wir wollen auch in Zukunft ein gesundes, profitables Geschäft mit unseren Medien und dem damit verbundenen Qualitätsjournalismus betreiben. So haben wir vor Kurzem unsere Verlags- und Nutzermarktorganisation neu aufgestellt, um damit den Bedürfnissen unserer Leserinnen und Leser noch besser gerecht zu werden. Darüber hinaus sind wir aktuell dabei, das Leistungsangebot der zentralen Dienste unseren Ansprüchen bei Tamedia entsprechend anzupassen. Beides sind Projekte, die bereits seit längerem und unabhängig von der Coronakrise geplant waren.»
Mitarbeit: Michèle Widmer