11.02.2013

Weltwoche

"Strehle hat sich vom militanten Linksdenken nie distanziert"

Seit letztem Donnerstag sorgt die "Weltwoche"-Titelgeschichte "Der Tagi-Chefredaktor und die Terroristen" schweizweit für Gesprächsstoff. Res Strehle sieht im Artikel "eine klare Form von Kampagnen-Journalismus" und prüft eine Klage, der Presseratspräsident Dominique von Burg stellt den aktuellen Zusammenhang in Frage. Nun nimmt "Weltwoche"-Chef Roger Köppel ausführlich Stellung. "Die verdrängte Vergangenheit vieler Linker ist ein interessantes und wichtiges Thema", sagt er gegenüber persoenlich.com.
Weltwoche: "Strehle hat sich vom militanten Linksdenken nie distanziert"

Herr Köppel, was werfen Sie und Philipp Gut Res Strehle genau vor? 
Der Artikel beschreibt die irritierende Nähe des heutigen Tagi-Chefs zu linksextremen Kreisen und Terroristen in den achtziger und neunziger Jahren. Res Strehle verkehrte als Überdreissigjähriger in Wohngemeinschaften mit Terroristen, er arbeitete mit verurteilten Terroristen zusammen, und er feierte Terroristen, Bombenleger und Mörder in Artikeln noch als Übervierzigjähriger. Davon hat er sich nie distanziert, er hat diesem militanten Linksdenken auch nie öffentlich abgeschworen. Bis heute nicht. Warum eigentlich nicht? 

Was war Ihre Motivation für diese Geschichte?
Die verdrängte Vergangenheit vieler Linker ist ein interessantes und wichtiges Thema. Gerade die Leute, die überall Transparenz und Moral einfordern, scheinen ein grosses Problem zu haben, wenn man ihre eigenen Massstäbe auf sie selber anwendet.

Die Geschichte hat hohe Wellen geschlagen. Haben Sie dies erwartet?
Die meisten Artikel, die erschienen sind, gehen am Problem vorbei und sind unseriös. Es wird verharmlost, verdrängt und bagatellisiert. Es geht hier doch darum, dass einer der wichtigsten und sicher anerkanntesten meinungsbildenden Journalisten der Schweiz bis ins Erwachsenenalter mit linken Gewalttätern nachweislich verkehrte und ihre Taten verherrlichte. Ich würde gern wissen, warum Res Strehle einmal so radikal war und ob er heute seine Meinung wirklich geändert hat. Ich glaube auch, dass die Tagileser einen Anspruch haben, das zu erfahren. 

Sie sehen anscheinend seinen engen Umgang mit Terroristen als gegeben an. Ist er in Ihren Augen als Tagi-Chefredaktor noch tragbar?
Das müssen andere entscheiden. Res Strehle soll doch einfach hinstehen und sich erklären. Wir haben Res Strehle eingeladen, in der "Weltwoche" zu schreiben, wie er die Sache sieht. Davon könnten alle etwas lernen.

Es geht um Geschehnisse vor knapp dreissig Jahren. Unser Rechtssystem kennt die Verjährung. Wieso bringen Sie die Geschichte zum jetzigen Zeitpunkt? Herrscht bei der Weltwoche derzeit Themenmangel?
Wenn es so irrelevant ist, warum machen Sie mit mir ein Interview? Es ist doch zeitgeschichtlich hoch interessant und relevant, den Linksextremismus in der Schweiz zu untersuchen. Diese Abgründe sind kaum ausgeleuchtet, vermutlich deshalb, weil prominente Journalisten wie Res Strehle mittendrin waren. Auch die historische Forschung hat sich des Schweizer Linksextremismus kaum angenommen. Viele sind auf einem Auge blind.

Der Text beginnt und endet mit dem Fall von Ex-SVP-Schulpfleger Alexander Müller, der von Newsnet/tagesanzeiger.ch laut Aussage der Weltwoche "an den Pranger gestellt" wurde. Stellt der Artikel den bürgerlichen Vergeltungsschlag dafür dar?
Der Fall Müller illustriert sehr schön, wie sich der Tagi-Chef  anhand einer nach fünf Minuten gelöschten Twittermeldung zum zuständigen Moralapostel und Linienrichter des "gesellschaftlich Diskutierbaren“ (Strehle) aufschwingt. Strehle hat in zahlreichen, nicht gelöschten Artikeln die Erschiessung von Unternehmern im "bewaffneten Kampf“ nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu verherrlicht.  Wer über die "Grenzen des Diskutierbaren“ richtet, sollte dies auch bei sich selber tun. Sonst ist er unglaubwürdig.

Res Strehle sagt, dass er zum einen an keiner der im Artikel erwähnten Gewalttaten beteiligt gewesen sei, und dass er mit einzelnen der im Beitrag erwähnten Personen wissentlich nie ein Wort gewechselt habe. Hat die Weltwoche hier einen Zusammenhang konstruiert?
Wir unterstellen Res Strehle keine Straftaten. Wir weisen nach, dass er im linksextremen Milieu lebte und nachweislich mit Terroristen zusammenwohnte. Ausserdem schrieb er zahlreiche Artikel, in denen seine Begeisterung für den bewaffneten Kampf dokumentiert ist. Das sind keine Texte eines Schülers, sondern eines Hochschulabsolventen im Erwachsenenalter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein so sorgfältiger, intelligenter und tiefsinniger Mensch wie Res Strehle, den ich selber zum Tagimagi als meinen Stellvertreter holte und gut kenne, nicht gewusst haben soll, mit wem und in wessen Umkreisen er verkehrte. 

Auf ihrer Website musste die Weltwoche bereits eine Richtigstellung publizieren. Daniele von Arb und Daniel von Arb wurden verwechselt. Wie wasserdicht ist der Rest der Geschichte?
Nach unseren Informationen war Res Strehle mit allen erwähnten Personen bekannt. Die Bildverwechslung mit den gleichlautenden Namen bedauern wir. Wir haben den Fehler umgehend selber korrigiert.

Im Zusammenhang mit der Geschichte wird der Weltwoche Kampagnenjournalismus vorgeworfen. Ihre Meinung?
Dass ausgerechnet der Tagi-Chef, dessen Zeitung zuvor Dutzende Artikel über die Beamtenpensionskasse oder den Fall Mörgeli verbreitete, sich nach einem einzigen Strehle-Artikel beklagt, ist lächerlich. Wir haben eine detailreiche Recherche zu einem wichtigen Thema hingelegt und werden selbstverständlich in der nächsten Ausgabe dranbleiben. 

Interview: Adrian Schräder/Bild: Keystone



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