Wie weit darf Kunst gehen? Wo hört die künstlerische Freiheit auf? Diese Fragen wurden anlässlich der Ausstellung photo15 diskutiert, im Rahmen eines Podiums mit Nicolas Legler, Geschäftsführer der Freikirche International Christian Fellowship (ICF) und Fotograf Christian Lutz. Die beiden kennen sich abseits von Podien, denn sie streiten derzeit vor Gericht. Grund dafür ist eine von Lutz angefertige ICF-Dokumentation, die schliesslich zum Eklat führte.
"Es gibt keine Macht ohne Inszenierung“, sagt Christian Lutz. Der Genfer Fotograf hat sich der bildhaften Darstellung der Inszenierung verschrieben – und daraus eine Trilogie geschaffen, welche Bereiche dokumentiert, in denen Macht eine zentrale Rolle spielt. Er ergründete und dokumentierte Machtverhältnisse in der Politik, der Wirtschaft und, in seiner jüngsten Arbeit, der Religion. Für Letztere begleitete er während eines Jahres die Gottesdienste (sog. "Celebrations") und Camps der Freikirche International Christian Fellowship (ICF), notabene mit deren Einverständnis.
Entstanden ist ein Fotoband, der die ICF in anderer Art und Weise als gewohnt, jedoch authentisch und unverzerrt darstellt. Dies bestätigt auch ICF-Geschäftsführer Nicolas Legler: "Die Bilder sind ein subjektives Abbild eines Teils unserer Kirche.“ Trotzdem sorgte die Arbeit für Kontroversen: Die ICF liess das Buch kurz vor Erscheinen per Gerichtsbeschluss verbieten, mit der Begründung, Einzelpersonen seien mit der Veröffentlichung der Bilder nicht einverstanden.
Ein langwieriges Gerichtsverfahren nahm seinen Anfang, in dem Lutz für die künstlerische Freiheit ein Exempel statuieren wollte – und in der die Verantwortlichen der ICF auf dem Standpunkt des Rechts am eigenen Bild beharrten. Eine Argumentation, die für Lutz stossend ist, sei die Klage doch eindeutig von der ICF organisiert worden, bevor die beteiligten Einzelpersonen die Bilder überhaupt gesehen hätten. Die angeprangerten Fotografien dürfen nun nur noch zensiert gezeigt werden.
Im Anschluss an das Podium vom Montagabend an der photo15 fragte persoenlich.com bei beiden Parteien nach. Wir wollten wissen, ob sich die Wogen mittlerweile wieder etwas geglättet haben.
Herr Legler, Sie haben Herrn Lutz heute zum ersten Mal zu einem Gespräch getroffen. Hat die Diskussion aus Ihrer Sicht etwas gebracht?
Ich möchte zuerst betonen, dass ich überhaupt nichts gegen Herrn Lutz habe. Im Gegenteil: Ich schätze ihn als professionellen Künstler. Wir haben nochmals beide unsere Positionen dargelegt. Dabei geht es um rechtsstaatliche Fragen, beispielsweise darum, wie weit Kunst überhaupt gehen darf und wo die künstlerische Freiheit aufhört.
Trotzdem haben Sie auch in diesem Gespräch stark auf dem rechtlichen Standpunkt beharrt. Können Sie auch Herrn Lutz’ Argumentation ein Stück weit nachvollziehen?
Natürlich verstehe ich seine Sicht und es ist mir bewusst, dass die Angelegenheit für Ihn schwierig zu akzeptieren ist. Es ist mir auch klar, dass man sich als Künstler manchmal auf einem schmalen rechtlichen Grat bewegt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man diese Diskussion führen sollte.
Das Publikum hat sich heute spürbar gegen Sie gewendet, womit Sie an einem Podium während der photo15 auch rechnen mussten. Fiel es Ihnen im Vorfeld schwer, zuzusagen?
Klar, war ich etwas nervös. Schliesslich konnte ich den Abend jedoch ziemlich ruhig angehen, da ich wusste, dass ich einen gerechtfertigten Standpunkt vertreten konnte. Wir hatten eine angeregte und spannende Diskussion.
Herr Lutz, wie zufrieden sind Sie mit dem Gespräch mit Herrn Legler?
Ich bin nicht wirklich zufrieden, da die Diskussion aus meiner Sicht viel zu spät kommt. Wir hätten uns vor dem ganzen Rechtsstreit zusammen an den Tisch setzen müssen, wozu die Verantwortlichen der ICF leider nie bereit waren. Trotzdem halte ich es Herrn Legler zugute, dass er sich der Diskussion gestellt hat. Darauf habe ich nun zwei Jahre gewartet.
Ihre Fotografien dürfen laut Gerichtsbeschluss nur noch zensiert gezeigt werden. Sie bemängelten, die zuständigen Richter hätten sich gar nicht wirklich mit Ihren Bildern auseinandergesetzt. Wie meinen Sie das?
Ich meinte das im Kontext, dass nie ein definitives Urteil gefällt wurde. Das Thema der künstlerischen Freiheit wurde nie behandelt, dementsprechend hat man sich auch nicht mit meinen Bildern befasst.
Was geschieht nun mit den Bildern? Sie hatten immerhin mehr als ein Jahr dafür aufgewendet.
Mit den Bildern kann ich machen, was ich will, so lange ich mich an die Regeln der Zensur halte. Ich habe die schwarzen Balken mit dem Text der Anklageschrift versehen, damit man darüber diskutieren kann. Als Künstler bin ich aber nach wie vor frei und werde mir etwas Gescheites überlegen, was ich mit den Bildern anstellen werde. Ich denke dabei beispielsweise an ein neues Buch, das sich auch den Fragen annimmt, die die ganze Geschichte mit der ICF aufgeworfen hat.
Text: Nicolas Brütsch, Bilder: Christian Lutz/Keystone/ICF Zürich