Sylvia Egli von Matt blickt nach vorn

WOZ-Interview - Die MAZ-Direktorin über die Zukunft der Zeitungen.

Das folgende, gekürzte Interview mit Sylvia Egli von Matt ist der aktuellen Ausgabe der "WOZ" entnommen.

Sylvia Egli von Matt, Sie sind Leiterin des Medienausbildungszentrums (MAZ), der wichtigsten Schweizer Journalistenschule. Unser Eindruck: Es gibt immer mehr Journalismusausbildung und immer weniger journalistische Qualität.

Ich frage mich, ob die Aussage stimmt. Die klassische Journalistenausbildung wird doch eher abgebaut. Aus der Medienwissenschaft an der Universität Bern zum Beispiel wird jetzt Politische Kommunikation. Ringier hat die interne Ausbildung verkürzt und sistiert sie in schwierigen Zeiten ganz. Eigentlich bemühen sich – neben kleinen privaten Instituten – nur noch die Fachhochschule Winterthur und das MAZ um eine richtige Journalistenausbildung. Wobei ein grosser Teil der Winterthurer Absolventen in die Unternehmenskommunikation geht, nicht in den Journalismus. Also die Aussage stimmt nicht, dass es mehr Ausbildung gibt.

Jedenfalls gibt es mehr ausgebildete Journalistinnen und Journalisten als früher.

Ja, man bereitet sich heute als Journalist auf das Berufshandwerk vor – endlich! Wir selber wurden früher direkt auf der Redaktion in den Beruf eingeführt, wir hatten Mentoren, "Götti", die uns am Anfang betreuten. Solche "Götti" gibt es immer weniger. Deshalb braucht es eine externe Ausbildung. Und nun zu Ihrer Frage: Wird der Journalismus trotz Professionalisierung nicht besser, sondern schlechter?

So scheint es doch? Boulevardisierung und Beliebigkeit nehmen zu, Ungenauigkeit und schluddrige Berichte. Es gibt auch viel mehr Druck auf die Journalisten ...

... genau! Die Arbeitsbedingungen sind schlechter. Das Arbeitstempo wird ständig beschleunigt. Das ist es, was den Journalismus schlechter macht. Davon möchte ich nicht ablenken, aber ich sehe auch grosse Bemühungen um guten Journalismus. Heute gibt es an manchen Orten Lokaljournalismus von einer Qualität, die wir früher nicht kannten. Die "Sursee-Woche" zum Beispiel, der "Landbote" in Winterthur, das «Bieler Tagblatt». Diese Zeitungen – vielleicht nicht zufällig mit Frauen an der Spitze – haben hohe Ansprüche in der lokalen und regionalen Berichterstattung. Oder die "Mittelland Zeitung" und der "Sonntag" im Aargau: Sie bilden sehr viele Leute aus, obwohl sie fast kein Geld dafür haben. Ausbildung ist zwar noch keine Garantie für Qualität, aber eine der Voraussetzungen.

Sie haben in einem Bildungsurlaub zahlreiche Redaktionen in den USA und in Skandinavien besucht. Können Sie uns sagen, wie die Zeitung der Zukunft aussieht?

Wenn uns etwas verbindet, ob in den USA oder in Europa, dann die Unsicherheit über diese Frage. Eigentlich sind es verschiedene Unsicherheiten. Erstens die Unsicherheit, wie die Zeitung aussehen wird. Dann die Unsicherheit, welche Rolle welches Medium spielen wird. Und schliesslich die Unsicherheit, wie das alles finanziert werden soll. Jedes Medium muss sich heute ganz neu positionieren und seine Stärke bestimmen, seinen Mehrwert anderen Medien gegenüber. Bei den Printmedien stellt sich dabei die grosse Frage, ob es in Zukunft mehr Hintergrundberichterstattung gibt. Ob die Tageszeitung sich quasi zum Magazin entwickelt, weil Hintergrund das ist, was sie von anderen Medien unterscheidet. Gewisse Zeitungen haben Erfolg damit, andere haben keinen Erfolg. Ich persönlich glaube eher an das Konzept "News plus", wie es etwa der "Tages-Anzeiger" anstrebt.

News plus Hintergrund?

Die News sind in der Zeitung, und die Redaktion überlegt sich ständig, was für zusätzliche Aspekte sie dazu bringen kann: Sei es Analyse, seien es Hintergründe, sei es Kontext.

Gibt es in zwanzig Jahren noch Tageszeitungen?

Ich glaube, dass wir auch in zwanzig Jahren jeden Morgen ein Informationsmagazin erhalten werden. Es wird aber sicher nicht mehr in den Briefkasten geliefert.

Die Zeitung kommt elektronisch?

Ja, und wir drucken sie aus oder schauen sie als E-Paper an.

Wie viele Schweizer Zeitungen wird es noch geben?

Das Land teilt sich immer mehr in sieben Grossregionen auf: Genfersee, Mittelland, Nordwestschweiz, Zürich, Ostschweiz, Zentralschweiz, Tessin. Danach richten sich auch die Zeitungen. Überregional wird der Einheitsbrei dabei stärker. Lokal wird jedoch investiert.

Was halten Sie vom folgenden Szenario: Es gibt immer mehr Pressekonzentration wie vor ein paar Jahren bei den Brauereien, nur noch zwei Einheitsbiere, und plötzlich entstehen überall ganz viele neue Kleinbrauereien? Das Monopol schafft Nischen für alternative Medien.

Das wird es schon geben, aber nur im Internet und nicht im Print. Niemand kann sich mehr leisten, Druck und Vertrieb von Grund auf aufzubauen. Aber im elektronischen Bereich ist diese Aussicht spannend.

Wie reagiert die journalistische Ausbildung auf die massiven Veränderungen des Berufs?

Im Moment dünkt mich das Wichtigste, dass wir die Leute fit machen für eine unsichere Zeit. Wir versuchen, ihnen beizubringen, dass sie selber handeln und ihre eigenen Stärken aufbauen müssen, um in ihrer Redaktion quasi unentbehrlich zu werden. Und sie müssen lernen, multimedial zu denken. Sie müssen wissen, wie die verschiedenen medialen Plattformen funktionieren und angewandt werden. In mindestens zwei Medien müssen sie selber ausgebildet sein.

(Interview: Stefan Keller. Das vollständige Gespräch mit Sylvia Egli von Matt ist in der aktuellen Ausgabe der "WOZ" erschienen)

Die "WOZ" widmet sich in ihrer aktuellen Ausgabe ausschliesslich und ausführlich der Krise der Medien. Unter anderem mit einem sehr lesenwerten Artikel von Kaspar Surber über den geplanten Newsroom von Ringier (hier nachzulesen).