Wenn Tamedia im Zürcher Umland eine Art Berner Zeitungs-Modell umsetzen will, dann braucht sie dazu auch den "Zürcher Oberländer". Dort hat sie aber nur eine Minderheit. Die Aktienmehrheit wird von FDP-Mitgliedern gehalten, die ihr politisches Heu mit den Werdsträsslern nicht auf derselben Bühne haben. Tamedia stehen zudem noch statutarische Hindernisse im Weg.
Jetzt benötigen Kall, Supino und Consorten politisches Fingerspitzengefühl. Denn beim geplanten Aktientausch im Zürcher Oberland hat die FDP ein zünftiges Wörtchen mitzureden. Vielleicht sollte Verwaltungsratspräsident Pietro Supino deshalb seinen CEO Martin Kall etwas an die Leine nehmen, denn die Scherben, die letzterer vor vier Jahren beim FDP-Mann und "ZürichseeZeitungs"-Verleger Theodor Gut hinterliess, sind nur notdürftig und wohl vor allem dank dem jüngsten Deal gekittet.
Tamedia fehlt ein liberales Bekenntnis
Doch der Reihe nach: Die Zürcher Oberland Medien (ZOM), Herausgeberin des "Zürcher Oberländers", kennt in ihren Statuten Vinkulierungsbestimmungen. Und diese verlangen, dass der Verwaltungsrat jeder Aktienübertragung zustimmt. Gemäss ZOM-Verwaltungsratspräsident Lukas Briner schreiben die Statuten zudem vor, "dass nur ZOM-Aktionär werden kann, wer nachweist, dass er sich zu den Grundprinzipien des Schweizerischen Liberalismus bekennt." Vor wenigen Jahren war dies noch restriktiver formuliert: Aktionäre mussten FDP-Mitglied sein. Aus diesem Grund gehören heute noch die meisten der rund 500 ZOM-Aktionäre der FDP an.
Diese Bekenntnis-Regel galt übrigens auch für den bisherigen Minderheitsaktionär NZZ, war dort aber kein Problem, wie Briner ausführt: "Die NZZ bekennt sich in ihren Statuten ebenfalls zum Schweizerischen Liberalismus." Anders bei Tamedia in deren Statuten fehlt ein solcher Passus. "Streng genommen darf Tamedia also die NZZ-Aktien gar nicht kaufen", meint Briner. Hier manifestieren sich auch politische Gräben. Viele ZOM-Aktionäre scheuen sich, zum politisch eher links eingestuften "Tages-Anzeiger" unter die Bettdecke zu schlüpfen, geschweige denn sich von ihm bestimmen zu lassen.
Aktientausch macht Statutenänderung nötig
Dies alles hat Briner den Herren Supino und Kall auch bereits mitgeteilt an einem gemeinsamen Mittagessen am letzten Freitag, nur ein Tag nach Bekanntgabe des Deals. Was Briner den beiden Herren von der Werdstrasse auch sagte: Dass er vorhat, die Handänderung sauber und statutengemäss abzuwickeln. Das bedingt zweierlei: Eine Statutenänderung an der nächsten Generalversammlung. Und weil diese schon Anfang Mai stattfindet, braucht es dazu vorgängig eine ausserordentliche Verwaltungsratssitzung, um die Traktanden festzulegen. Briner ist derzeit daran, die übrigen VR-Mitglieder zusammen zu trommeln.
Natürlich wusste die Tamedia-Spitze schon vor dem Treffen mit Briner Bescheid über die knifflige Situation und den knappen Zeithorizont bei der ZOM (via NZZ und Gut). Wohl darum wurde der Deal in nur zehn Tagen durchgepeitscht.
Gewisse Chancen für Tamedia
Wie aber stehen die Chancen für Tamedia bei den ZOM-Aktionären? Klar ist: Die NZZ, die 38 Prozent hält, legt der Handänderung bestimmt nichts in den Weg, desgleichen Theoder Gut, der ebenfalls 10 Prozent hält, diese aber bis 2015 nicht verkaufen darf. Der grosse Rest ist hingegen breit gestreut. Ob es für weitere gut 2 Prozent pro Tamedia reicht? Briner will sich nicht festlegen. Doch er kennt die Grundstimmung: "Die NZZ war klar unser Wunschpartner. Mit ihr haben wir sehr gut zusammen gearbeitet. Viele unserer Aktionäre sind vom Deal total überrascht. Und wegen unterschiedlichen politischen Anschauung ist die Skepsis gegenüber Tamedia gross."
Auch der Verwaltungsrat sei vom Ausgang des Deals überrumpelt worden. Zwar habe man unter verschiedenen Varianten eine ähnliche Möglichkeit erwogen und durchgerechnet, sie aber nicht als die Wahrscheinlichste angenommen. Insofern weiss Briner nicht, wie der Verwaltungsgrat sich nun zur neuen Situation stellt. Und er persönlich? "Ich neige zur Meinung, dass die ZOM den Aktientausch samt Statutenänderung schlucken sollte."
Mehrere Berührungspunkte
Der ZOM-Verwaltungsratspräsident, der selbst 14 Jahre für die FDP im Kantonsrat sass und heute Direktor der Zürcher Handelskammer ist, fasst das Ergebnis des Treffens mit Supino und Kall wie folgt zusammen: "Wir haben uns primär kennen gelernt und ein Brainstorming gemacht." Dabei habe er einige von den Tamedia-Ideen erfahren, so dass er auch Berührungspunkte sieht. Positiv wertet er etwa das Berner Modell: "Das passt zu unserem Ziel, publizistisch selbständig bleiben zu wollen." Ein Vorteil sei auch, dass Tamedia die Zusammenarbeit der Landzeitungen nun besser voranbringen kann als das unter den bisherigen Besitzverhältnissen der Fall war.
Auch teilt Briner die Haltung Tamedias zur Eigenregie. Die lokale Regie mache die ZOM ja schon heute selbst, sagt er, und der Vertrag mit der Publicitas für die nationale Akquisition im Rahmen der "Zürcher LandZeitung" laufe in zwei Jahren aus. Bleibt noch die bisher zermürbende Regionalisierungsstrategie des Tages-Anzeigers, die offenbar beibehalten werden soll. Auch diesbezüglich scheint Briner eher positiv gestimmt: "Die Herren Supino und Kall sagten mir, dass sie auch in diesem Bereich nach Synergien suchen wollen."
(Text: Markus Knöpfli)