Der Weg ist voller Schlaglöcher und nur schwierig zu finden. Vorbei an verlassenen Gehöften und Ruinen führt die Strasse durch unwegsames Gelände einen wenig bewachsenen Berg hinauf. Ibizas Edelstrände sind weit entfernt. In der Ferne hört man den Lärm der Autostrasse, die die Hauptstadt Ibiza mit San Antoni verbindet. Die nächste Ortschaft, San Rafael, ist fünfzehn Minuten entfernt. Die Sonne brennt, es ist früher Nachmittag.
Mein Begleiter Manfred Klemann steuert das Mietauto vorsichtig den Holperweg hinauf. Die Vorstellung, dass Österreichs ehemaliger Vizekanzler Strache in diesem Niemandsland vor zwei Jahren eine russische Milliardärin vermutete, ist absurd. Doch manchmal kann man das Prinzip Hoffnung auch auf die Probe stellen.
Das Auffinden der berühmt-berüchtigen Villa erwies sich schwieriger als ursprünglich gedacht. In keinem der unzähligen Berichte ist eine Adresse angegeben; irgendwie logisch, die Strassen in diesem unwegsamen Gebiet sind namenlos. Obwohl ich verschiedene Ibiza-Kenner konsultierte, wusste niemand wirklich, wo sich das Haus befindet. Doch nun sind wir hier. Nur eine Tafel weist darauf hin, dass es sich um «privates Jagdgebiet» handelt. Was das Sicherheitsgefühl eines Besuchers nicht automatisch erhöht.
In meinem Hotelzimmer in Talamanca verglich ich auf dem kleinen Display meines iPhones auf Google Earth Dutzende von Häusern im Umfeld der Ortschaft San Rafael mit den Drohnenaufnahmen des Gebäudes, die ein österreichisches Nachrichtenportal kurz nach Auffliegen des Skandals gemacht hatte. Doch ich hatte Pech: Der Swimmingpool von Straches Ibiza-Villa war auf Google Earth nicht erkennbar. Erst als ich Weggabelungen und Felder verglich, entdeckte ich eine Übereinstimmung. Oder glaubte es zumindest. In dieser Einöde sieht alles gleich aus. Doch wir hatten Glück, wir wurden nach einer Stunde wirklich fündig.
Die Villa der vermeintlichen Milliardärin ist von einer riesigen Mauer umgeben. Ein sonderbarer Ort; allein schon die Tatsache, dass ausgerechnet hier die österreichische Regierung gestürzt wurde, ist unwirklich. Die Luft flirrt, alles ist verdächtig ruhig. Doch Stille kann manchmal unheimlicher sein als laute Töne. Plötzlich taucht hinter der Mauer ein gross gewachsener Mann auf. Sein Oberkörper ist nackt und durchtrainiert. «Haben Sie eine Verabredung?», fragt er auf Spanisch. Dann verschwindet er wieder. Wir erstarren einen kurzen langen Moment, doch nichts passiert. Werden wir von einer Kamera überwacht? Oder ist gar Strache im Haus? Undenkbar eigentlich. Doch gemäss österreichischen Zeitungen ist er auch diesen Sommer auf Ibiza. Und wie heisst es so schön: Man kehrt häufig an den Tatort zurück.
Der Ibiza-Affäre ist eine der eigenartigsten Affären der vergangenen Jahre. Sogar nach vier Monaten ist die Angelegenheit immer noch omnipräsent. Und dies bedeutet viel in einer Zeit, in der die News von heute bereits morgen vergessen sind. «‹Ibiza› treibt Österreichs Politik vor sich her!», titelte die «NZZ» vor wenigen Tagen; zwei Journalisten der «Süddeutschen Zeitung» veröffentlichten soeben ein Buch über die ganze Causa. Wobei die entscheidenden Fragen immer noch offen sind und auch gar nicht gross thematisiert werden: Wer war der Auftraggeber des Videos? Wer war die ominöse Russin und wo ist sie nun? Stecken wirklich Geheimdienste dahinter? Obwohl dies vielfach als «Verschwörungstheorie» abgetan wurde, zeichnet sich gerade die Aufgabe eines Geheimdienstes dadurch aus, dass sich deren Welt im Geheimen abspielt. Ist vom Ibiza-Video die Rede, so werden nur jene Passagen erwähnt, die überall zu sehen waren. Der Rest des Videos, der Drogenexzesse und sexuelle Annäherungen zeigen soll, wurde bis jetzt der Öffentlichkeit vorenthalten. Vielleicht, weil diese Abgründe gar nicht existieren. Wäre dies der Fall, so wäre das berühmte Ibiza-Video das erste Video überhaupt, dessen Inhalt sich vor allem in der Fantasie seiner Betrachter abspielt.
Steht man aber vor der ominösen Villa, die gar keine ist, so drängt sich die Frage auf: Wie konnte sich ein Spitzenpolitiker in einer so abgelegenen Gegend fern der Heimat so gehen lassen? Aber vielleicht ist dies bereits die Antwort: weil es in einer so abgelegen Gegend fern der Heimat war. Doch man lernt: Nicht alles, was auf Ibiza ist, bleibt auf Ibiza. Und überhaupt: Warum wurde Straches Grosskotzgehabe erst jetzt veröffentlicht?
Kaum ist der durchtrainierte Typ wieder hinter den Mauern verschwunden, schnaufen wir durch und fahren hastig über den Holperweg zurück. Investigativ-Journalismus ist wirklich ein hartes Business, denke ich. Als ehemaliger Tele-Züri-Journalist war dies während acht Jahren mein täglicher Job.
Kurz danach treffe ich Roger Schawinski und dessen Frau Gabriella. Für sie ist Ibiza zur zweiten Heimat geworden; aber an einer viel schöneren Ecke. Dafür war vor vierzig Jahren der Weg auf den Pizzo Groppera viel beschwerlicher als zur Strache-Villa.