Kurz vor der Ausstrahlung am nächsten Sonntag gibt es noch einmal Wirbel um den "Schweizer Tatort". Die "NZZ am Sonntag" schrieb in ihrer letzten Ausgabe, die wahren Gründe für die Absetzung seien nicht die zu komplizierte Geschichte oder der fehlende Lokalkolorit. Sondern: Eine unsympathische Figur, die ein SVP-Mitglied sein könnte.
Eigentlich hätte "Wunschdenken" schon im April ausgestrahlt werden sollen. Die Kulturchefin von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), Nathalie Wappler, war aber nicht begeistert vom Film. Die Geschichte sei kompliziert erzählt und lasse lokale Atmosphäre vermissen, kritisierte sie etwa. Die Schweizer Eigenproduktion wirke konstruiert, es fehle an Spannung, Witz und Lokalkolorit. Luzern, der Ort des Geschehens, sei zu wenig spürbar. Ausserdem wolle man die "plumpen Schweizer Klischees" entschärfen ("persoenlich.com" berichtete).
Nun soll also eine unsympathische Figur, die ein SVP-Mitglied sein könnte, der wahre Grund für die Überarbeitung sein. "Politiker, rechter Rand, unterste Schublade", so wird Josef Ebnöter im Schweizer Tatort beschrieben. Der Politiker erinnert an Christoph Blocher - und verstummt in der neuen Version des "Tatorts". Laut der "NZZ am Sonntag" ist die siebenminütige Szene mit Ebnöter die einzige, die wirklich geändert wurde. SF-Sprecher Martin Reichlin bestätigt gegenüber "20 Minuten", dass an dieser Szene am meisten gefeilt wurde, wehrt sich aber gegen den Vorwurf der Zensur: "Die Sequenz im Haus von Ebnöter war voller Klischees wie Kuhglocken, Hellebarden und Schweizerfahne an der Wand. Frau Wappler wollte nicht, dass die Figur zur Karikatur wird."
Für Politiker sind das nichts als Ausflüchte: "SF hat hier präventiv einem möglichen Druck der Rechten nachgegeben", kritisiert SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger-Oberholzer auf 20 Minuten Online. Noch schärfere Worte findet SVP-Nationalrätin Natalie Rickli: "Zuerst sagt SF offensichtlich nicht die Wahrheit. Und dann verschleudert es Gebührengelder, um etwas zu vertuschen".
Auf die Frage, ob mit der Überarbeitung eine Ähnlichkeit mit der SVP eliminiert werden wollte, sagt SF-Sprecher Martin Reichlin gegenüber "persoenlich.com": "SRF vermeidet grundsätzlich die klischierte Darstellung von Politikern aller Parteien. In der überarbeiteten Version sind die Szenen realitätsnaher dargestellt, ohne karikierende Überspitzungen. Die Neufassung entspricht damit dem Stil des "Tatort". (cb)