Was haben Sie gegen die Berner Zeitung?
Publizistisch überhaupt nichts. Wir haben uns vor drei Jahren schon mal mit dem Gedanken eines Zusammengangs beschäftigt. Die BZ macht ein gutes Produkt. Wenn ich als Chefredaktor aber wählen kann, ziehe ich ein Modell, das mir mehr Möglichkeiten lässt einem vor, das mir weniger Gestaltungsraum gibt. Heute besitze ich bei der Solothurner Zeitung selbst die Mantelkompetenz über Inland, Wirtschaft und Kultur. Es ist wohl klar, dass ich lieber für eine ganze Zeitung arbeite als nur für einen Lokalteil. Das hat aber mit meinen Beruf, und nicht mit dem Verlag zu tun.
Trotzdem wünscht sich die Redaktion der Solothurner Zeitung wünscht den Verbleib im Verbund der MittellandZeitung. Warum?
Wir hatten eine solche unsichere, von Spekulationen geprägte Situation wie heute schon vor drei Jahren, bevor SZ und MZ ihre Kooperation beschlossen. Die Zusammenarbeit haben wird damals sehr argwöhnisch beurteilt, inzwischen sind wir eines besseren belehrt worden. Wir haben auch einiges investiert, bestanden ursprünglich doch zwei sehr unterschiedliche Redaktionskulturen. Jetzt würden wir die Früchte eben gern ernten können. Zumal die Kooperation mit der MZ rein publizistisch betrachtet einfach gut ist: Wir sind sehr eigenständig, und der Partner bietet einen guten Mantelteil. Eine solche Zusammenarbeit wäre mit keinem anderen möglich.
Man könnte Ihnen also schlicht Bequemlichkeit vorwerfen?
Das könnte man natürlich. Ich möchte aber nochmals betonen, dass unsere Überlegungen publizistisch sind. Nicht zuletzt profitiert die Region von der Konkurrenzsituation, die zwischen uns und dem BZ-Titel Solothurner Tagblatt besteht. Sie fordert uns und unsere Leute, und das ist spannend.
Sie haben gemeinsam mit der Redaktion ein Manifest zuhanden Ihres Verwaltungsrats unterschrieben. Was steht da drin?
"Manifest" tönt so kämpferisch... Nachdem von Redaktionen täglich verlangt wird, dass sie Stellung beziehen, wollten wir auch in diesem Fall die Fakten festhalten: Nämlich, dass die betroffenen Blätter beim heutigen Modus am eigenständigsten bleiben. Wir haben deshalb geschrieben: Denkt bitte nicht nur an Inseratemillimeter!
Wie haben Sie von den Gesprächen zwischen den Verwaltungsräten Schuhmacher und von Graffenried erfahren?
Nachdem das Gerücht in Journalistenkreisen die Runde machte, kamen verschiedene unserer Redaktoren auf mich zu. Ich sprach daraufhin unseren CEO Christian Müller an, der mir den Verhalt bestätigte.
Wann wird aus Ihrem kleinen Aufstand denn ein grosser?
Im Moment geht es nur darum, klar die Meinung zu äussern; wir sind gewillt, unsere Stimme zum Tragen zu bringen -- es ist ja übrigens auch unsere Geschäftsleitung einstimmig für die MittellandZeitung. Wenn sich nun die ganze Belegschaft für ein gutes Modell ausspricht, das sich auch finanziell rechnet, wird sich der Verwaltungsrat dieses bestimmt anschauen und hoffentlich einen entsprechenden Antrag an den Stiftungsrat, der die Mehrheit an unserem Konzern besitzt, stellen.
Und sonst? Wie würden Sie selber bei einer Kooperation von Vogt-Schild/Habegger und Espace Media reagieren?
Ich mache mir keine Illusionen. Die Redaktion ist innerhalb der Firma mit ihrer Druckerei, den Titeln und den insgesamt rund 450 Mitarbeitern nur ein Rädchen. Unsere Mittel sind also begrenzt. Trotzdem wollten wir unsere Meinung sagen.
AZ-Verleger Peter Wanner hat bereits Asyl angeboten. Würden Sie es annehmen?
Wir haben natürlich geschmunzelt, als wir davon gelesen haben. Ich kann mir derzeit allerdings nicht vorstellen, wie eine solche Übernahme der Redaktion konkret aussehen sollte. Die Option ist in der heutigen Situation ein reizvoller Gedanke, mehr nicht.
Über ein mögliches Ausscheren der SZ aus dem MZ-Verbund wurde schon früher spekuliert, der Vertrag läuft aber noch anderthalb Jahre. Warum wird die Geschichte gerade jetzt virulent?
Das könnte mit der anstehenden Strategietagung unseres Hauses zusammenhängen. Wahrscheinlich ist sich der Verwaltungsrat da nicht ganz einig. Nach meinem Wissen gibt es eindeutige Bekenntnisse zur MZ, andere Räte wiederum stehen einem Wechsel offener gegenüber. Die genauen Kräfteverhältnisse kenne ich aber nicht genau. Im übrigen wurden auch vor der Vereinbarung mit der MZ zwei Jahre lang verhandelt. So gesehen ist es fast logisch, dass das jetzt schon anläuft.
Welches sind die Interessen des Verwaltungsrats und insbesondere von Präsident Fritz Schuhmacher, dessen Rolle im VR derzeit bekanntlich von der Weko untersucht wird?
Schuhmachers Vorgänger war klar gegen Bern, was ihm vermutlich zum Verhängnis wurde. Daraufhin hat man einen weniger belasteten VR-Präsidenten gesucht. Dass sich dieser nun neue Lösungen ansieht, finde ich normal. Rein geografisch schien der "Blinddarm" Dietikon-Grenchen schon vor zwei Jahren weniger Sinn zu machen als die kompakte und homogenere Region Gross-Bern -- wobei wir nun in der Praxis erfahren konnten, dass man trotzdem eine gute Zeitung machen kann.
Wie stark bei Schuhmacher persönliche Beziehungen -- etwa zu von Graffenried -- eine Rolle spielen, weiss ich nicht. Letztlich spielt ja immer auch eine irrationale Komponente mit.
Insgesamt geht es aber sicher ums Finanzielle. Ich weiss nicht, mit welchen Zugeständnissen die Berner operieren. Immerhin investieren sie aber jedes Jahr 6 Mio. Fr. in ihr Kampfblatt Solothurner Tagblatt. Das könnten sie als Zückerchen für eine Kooperation mit uns einsetzen.
Ästhetische, irrationale und diffuse finanzielle Motive der Antrieb für Schuhmacher scheint nicht ganz klar.
Möglicherweise erscheint ihm von Graffenrieds bekanntermassen erfolgreiche Espace Media Groupe, zu der die Berner Zeitung ja gehört, langfristig die sichere Variante zu sein als die Kooperation mit der MZ. Aber das ist nur eine Interpretation meinerseits. Sicherlich ist es so, dass sich die EMG ihr Gebiet abgesteckt hat, und da gehört Solothurn nun mal dazu. Dass sich unser VR-Präsident das zweifellos attraktive Angebot aus Bern ansieht, ist doch normal.
Welche Vorteile könnte ein Zusammengang der Solothurner Zeitung mit der Berner Zeitung für die Publigroupe haben?
Da sehe ich keine. Sicherlich kann man die Inserate der BZ aber jetzt mit dem "Berner Modell", also dem Teil-Zusammenschluss mit dem Bund, nicht noch teurer machen.
Wie wahrscheinlich scheint ein Wechsel der Solothurner Zeitung zur BZ aus Ihrer Sicht?
Ich tippe mit 51 zu 49 Prozent Gewissheit auf einen Verbleib bei der MittellandZeitung.