In St. Gallen, etwas ausserhalb von der Stadt und nur wenige Meter vom Stadion des FC St. Gallen entfernt, befindet sich das neuste Medienprojekt der Schweiz. Die Onlineplattform FM1Today ist Ende September gestartet und möchte mit Information und Unterhaltung die Ostschweizer Medienlandschaft aufwühlen.
Zeit für einen Augenschein vor Ort. persoenlich.com hat die Redaktion besucht, die zwischen den Radiostudios von FM1 und der Redaktion des Lokalfernsehens TVO beheimatet ist. Was ist das für ein Medium, das zur NZZ-Mediengruppe gehört, aber auf Boulevard und schnelle Klicks setzt? Wir treffen den Redaktionsleiter Thomas Bächle an einem Mittwochmorgen. Gleich nach der Redaktionssitzung bittet er in sein Büro.
Herr Bächle, Sie haben eine neue Onlineplattform lanciert. Können Sie überhaupt bestehen neben 20minuten.ch, Watson.ch oder Blickamabend.ch?
Wir erhalten viele positive Rückmeldungen. Unsere Nutzer interessiert es, was ihr Nachbar so macht. Diese Nähe dank der Verankerung in der Ostschweiz fehlt bei den bestehenden Portalen.
Wen wollen Sie mit FM1Today erreichen?
Ein junges, radioaffines Publikum, das sich für News und Unterhaltung interessiert. Das zeigt sich auch beim Namen, den wir ja von Radio FM1 übernommen haben.
Was ist für Sie ein junges Publikum?
Das sind für uns generell Nutzer zwischen 15 und 30 Jahren, aber durchaus auch jung gebliebene Ü30er.
Sie sind nun seit sieben Wochen online. Welche Schwierigkeiten haben Sie bislang erlebt?
Wir sind eine kleine Redaktion. Das Tempo ist eine grosse Herausforderung. Wir möchten schnell sein und dennoch muss der Beitrag solide gemacht sein. Die Konvergenz erfordert einen hohen Grad an Koordination. Bisher läuft es sehr gut, wir haben uns langsam eingespielt und liegen sowohl beim Traffic als auch bei den Werbeeinnahmen im Businessplan.
Auch wenn das Portal noch mit der einen oder anderen Herausforderung kämpft: Die Voraussetzungen sind gut. An einem Ort ist die Technik und das Personal versammelt für die trimediale Produktion von Inhalten. Das neue Projekt hat auch zusätzliche Stellen geschaffen. Sieben neue Mitarbeiter wurden eingestellt, sagen die Verantwortlichen. Einer von ihnen ist René Rödiger. Seit 15 Jahren ist Rödiger Online-Redaktor, zuletzt bei Tagblatt.ch.
In der konvergenten Redaktion müsse man die Arbeit gut koordinieren, erzählt Rödiger. So werde etwa im Radio auf ein Video hingewiesen, das anschliessend auf der Online-Plattform zu finden ist. "Bereits nach wenigen Wochen ist das Gärtchen-Denken verschwunden. Wenn jemand vom Fernsehen oder vom Radio eine Geschichte hat, informiert er auch immer uns", so Rödiger.
Insgesamt arbeiten 23 Journalisten für die Plattform. Viele davon sind jedoch nicht ausschliesslich Onlinejournalisten, sondern arbeiten auch für den Radio- oder den Fernsehsender. Christoph Fust beispielsweise ist neben seiner Arbeit für FM1Today auch Videojournalist bei TVO.
"Bei FM1Today kann ich Geschichten erzählen, die ich beim Fernsehen nicht machen kann", erzählt Fust. Beim Fernsehen müsse ein Beitrag immer die Region Ostschweiz betreffen. Nicht so bei FM1Today: "Dort kann ich Themen einbringen, die mir auch im Alltag begegnen. Mich interessiert zum Beispiel Kino und Fernsehen, auch wenn das überhaupt nichts mit der Ostschweiz zu tun hat."
Herr Bächle, arbeiten alle bei FM1 und TVO auch für das neue Portal?
Nur teilweise. Es gibt Leute, die ausschliesslich für ihren Kanal arbeiten – beispielsweise die Moderatoren. Es wäre nicht sinnvoll, wenn alle plötzlich in jedem Bereich tätig wären. Natürlich ist am Schluss jeder irgendwie involviert, weil wir die Informationen untereinander austauschen. Es ist eine Mischform zwischen Konvergenz und Spezialistentum, gutes Teamwork ist da essentiell.
Sie haben also keine totale Konvergenz?
Überall dort wo es sinnvoll ist, wollen wir konvergent arbeiten. Wenn ein Videojournalist für TVO filmt, dann schneidet er auch noch etwas fürs Online-Portal. Dennoch wissen wir, dass es unterschiedliche Jobs gibt und jeder eigene Anforderungen und Ansprüche hat.
Was sind die Vorbilder von FM1Today?
Wir haben mit Vol.at aus Österreich Erfahrungen ausgetauscht. Gerade die Vorarlberger sind uns geografisch recht nahe. Aber Vol.at hat im Unterschied zu uns kein Fernsehen im Hintergrund. Da es ein vergleichbares regionales und konvergentes Onlineportal bislang nicht gab, hat FM1Today keine wirklichen Vorbilder. FM1Today ist einzigartig. Und darauf sind wir stolz.
Sie können auf viele Ressourcen zurückgreifen. Wieso wurde das "St. Galler Tagblatt" nicht auch miteinbezogen?
Auch mit dem "Tagblatt" arbeiten wir zusammen. Wir nutzen zum Beispiel deren Bildarchiv. Das Zielpublikum von Tagblatt.ch, dem Onlineauftritt des "Tagblatts", ist aber nicht das gleiche wie bei uns.
Wie unterscheiden sich die beiden Seiten?
Wir richten uns an ein jüngeres Publikum.
Dann ist Tagblatt.ch also für Senioren und FM1Today für die Teens?
Das ist jetzt etwas zu schwarz-weiss. Wir kommen aber schon eine Spur jünger und frecher daher als sie. Tagblatt.ch lehnt sich ans Printprodukt an, wir orientieren uns am Radioprodukt, da wir in etwa die gleiche Zielgruppe wie FM1 ansprechen.
Auch René Rödiger, der vor FM1Today für Tagblatt.ch arbeitete, sieht keine Kanibalisierung der beiden Produkte. "Nein, es ist eine komplett andere Zielgruppe und auch ein anderer Stil." Zwar liefere auch FM1Today Hard-Facts, aber zusätzlich auch viele People-Geschichten.
FM1Today hat im Impressum keinen Chefredaktor aufgeführt. Weshalb?
Wir haben in der konvergenten FM1Today-Redaktion flache Hierarchien, das Teamwork steht bei uns im Vordergrund. Martin Oesch ist unser Channel-Leiter Radio und Daniel Sager ist Channel-Leiter Fernsehen. Gemeinsam haben sie die publizistische Leitung. Online unterscheiden wir zwischen News und Unterhaltung: Im Newsbereich habe ich gemeinsam mit Ralph Weibel die Leitung inne. Den Unterhaltungsbereich leitet Martin Oesch. In den Unterhaltungsbereich von FM1Today gehören zum Beispiel diverse Quiz-Formen oder humorvolle Listicles.
Wie wichtig sind für Sie Klickzahlen?
Natürlich sind Klickzahlen eine harte Währung für uns und dementsprechend sehr wichtig. Mindestens genauso wichtig sind uns aber die Qualität der Beiträge und dass wir einen breiten, spannenden Themenmix aus News, Unterhaltung und Services anbieten können.
Was waren bisher die Highlights?
Wir hatten Highlights wie die Liveübertragung des legendären "Säulirennens" von der Olma. Diese hat gezeigt, dass unterhaltende Elemente sehr gut ankommen und es geschätzt wird, wenn FM1Today auch bei Anlässen vor Ort – am Puls des Geschehens – ist. Auch Toni Brunners Lachflash beim humorvollen Interview mit einem vermeintlich unwissenden FM1-Praktikanten war tagelang Gespräch in der Region. Auf der Newsebene hatten wir ebenfalls gute Geschichten: In Teufen gab es einen Streit zwischen der Gemeinde und der Geschäftsprüfungskommission. Den haben wir über drei, vier Tage weiterverfolgt und das kam auch bei unserem Publikum sehr gut an.
Wir sprachen bereits über Vorbilder und über Partner. Wer ist Ihre Konkurrenz?
Wir sind das erste regionale Onlineportal der Schweiz, aber theoretisch ist unsere Konkurrenz jedes andere Onlineportal. Dank unserer konvergenten Redaktion bieten wir aber mehr audiovisuelle Beiträge und Videoreportagen als vergleichbare Plattformen und konzentrieren uns auf die Berichterstattung aus und für die Ostschweiz.
Obwohl der Start nur wenige Wochen zurückliegt, ist bei der neuen News-Plattform keine richtige Pionierstimmung spürbar. Als Teil der Tagblatt-Medien ist FM1Today schlicht eine zusätzliche Abteilung der bestehenden Redaktion. Doch das Konzept ist bestechend: Viele vorhandenen Ressourcen können für eine markante Reichweitensteigerung genutzt werden.
Da liegt ein Blick in die Zentralschweiz auf der Hand: Auch dort verfügt die NZZ-Mediengruppe über ein Radio und einen TV-Sender. Ob dereinst – wie persoenlich.com vernommen hat – Radio Pilatus und Tele 1 das Ostschweizer-Konzept übernehmen werden, möchte die NZZ auf Anfrage nicht bestätigen.
"Im Rahmen unserer Regionalmedienstrategie sind diverse Projekte denkbar. In einem ersten Schritt werden wir uns jetzt einmal darauf konzentrieren, FM1Today weiterzuentwickeln", sagt dazu Caroline Thoma, Leiterin Reichweitenmedien der Mediengruppe.
In St. Gallen arbeitet Thomas Bächle mit einem motivierten Team täglich an dieser Weiterentwicklung. Gemeinsam mit den Radio- und Fernsehkollegen beliefert er aus einem Grossraumbüro die gesamte Region mit Nachrichten und Unterhaltung. Das bringt allerdings mit sich, dass die Medienkonzentration im Raum St. Gallen weiter zunimmt. Denn nun ist der regionale Monopolplayer im Internet angekommen.
Interview, Text und Videos: Boas Ruh