Nach nur 40 Minuten eskalierten am Freitag die Gespräche im Weissen Haus. Trump warf dem ukrainischen Präsidenten Undankbarkeit vor und drohte, die Ukraine im Stich zu lassen, sollte kein Friedensabkommen mit Russland zustande kommen. Die geplante Unterzeichnung eines Rohstoff-Deals zwischen den beiden Ländern wurde abgesagt. Die Reaktionen in den Schweizer Medien fallen unterschiedlich aus – von Verständnis für Trumps Position bis hin zur fundamentalen Kritik an dessen Aussenpolitik:
Arthur Rutishauser, SonntagsZeitung
«Ob die Scherben, die Selenski in Washington hinterlassen hat, überhaupt wieder zusammengeklebt werden können, bleibt abzuwarten. Aber dass das ohne Entschuldigung Selenskis möglich wird, ist unrealistisch. Trump will auch aus diesem Kampf als Sieger vom Platz gehen. In dem Sinn bleiben dem Ukrainer eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder er tritt zurück und ein anderer handelt im Namen der Ukraine einen Deal mit den USA und Russland aus, oder er lenkt Trump gegenüber ein, so ungerecht das erscheinen mag.»
«Der denkwürdige Besuch des ukrainischen Präsidenten im Weissen Haus führt der Welt vor, wie Diplomatie nicht aussehen sollte. (…) Wohl noch nie zankte man sich so heftig vor laufenden Kameras wie beim Treffen Wolodimir Selenskis mit Donald Trump. (…) Trump, Vance und Selenski fielen sich gegenseitig ins Wort, sprachen durcheinander und streckten sich gegenseitig die Zeigefinger ins Gesicht. (…) Die ganze Episode machte klar, wie fundamental sich Selenski und Trump hassen. Trump geht davon aus (…), dass Selenski den Krieg gegen Russland nicht gewinnen könne.»
«Was in den ersten beiden Monaten 2025 an Gewissheiten geschleift wurde, ist historisch einmalig. Die bisherige westliche Sicherheitsarchitektur implodierte, getrieben von Trumps nihilistischer Umwertung aller Werte. Sein Abkanzeln von Wolodimir Selenski im Oval Office zeigt, wie sehr sich die Vereinigten Staaten inzwischen um eine regelbasierte Weltordnung foutieren. Die USA, wie wir sie kannten, sind nicht mehr. Mit unabsehbaren Folgen für die Ukraine, die Nato und Europa.»
«Jahrelang hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski im Umgang mit Donald Trump einen bewundernswerten Hochseilakt vollführt. (…) Das war taktisch geschickt. Doch an diesem schwarzen Freitag brannten Selenski offenkundig alle Sicherungen durch. Die Folgen werden drastisch sein.»
«So unsouverän wie am Freitag wirkte Donald Trump noch nie. Das Video vom Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski im Weissen Haus dokumentiert einen beispiellosen Eklat zwischen den beiden Staatsoberhäuptern. Selenski mag mit der Missachtung diplomatischer Gepflogenheiten einen schweren Fehler begangen haben – bei seinem Gegenüber trifft er jedoch einen Nerv (…).»
«Viel Geschirr zwischen den USA einerseits und Europa und der Ukraine andererseits wurde bereits in den vergangenen Wochen zerschlagen. Jetzt ist es noch deutlich mehr. Und möglicherweise gar irreparabel. Denkbar ist, dass die Trump-Regierung merkt, dass es eine schnelle Einigung mit Russland ohnehin nicht geben wird, trotz aller Zugeständnisse an den Kreml. Immer deutlicher wird auch, dass sie keine wirklich durchdachte Strategie besitzt. Und deshalb sucht man nun für das Scheitern bereits einen Sündenbock – und da bietet sich die Ukraine an.»
«In dem verhängnisvollen Meeting im Weissen Haus hat Vance Selenskyj ganz gezielt in die Falle gelockt. (…) Anders als Donald Trump gilt Vance als analytisch und hochintelligent. Er gilt auch als heimtückisch und verschlagen. (…) Die Intrige von Vance ist damit aufgegangen. Zuerst in München sich mit den Europäern zoffen, dann die Ukraine verraten. Er ist seinem Ziel, die USA in einen autoritären, christlich-nationalen Staat zu verwandeln, ein Stück näher gekommen. (…) Man muss den US-Präsidenten nicht auf die Couch legen, um seine Motive zu erforschen. (…) Doch letztlich tickt er wie Don Corleone. (…) Die inszenierte Demütigung Selenskyjs könnte Trump dereinst auf die Füsse fallen.»
Mathias Döpfner, Welt am Sonntag
Zum Schluss ein Blick über die Grenze. Interessant ist die Einschätzung von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, der in seinem Kommentar eine 180-Grad-Wende vollzieht gegenüber seiner früheren Position: «Viele Transatlantiker – auch ich – wollten in den letzten Wochen immer noch hoffen, dass hinter provozierenden Reden und Posts doch irgendwie ein konstruktives Konzept steht. (…) Diese Hoffnung ist zerstört. Trump meint, was er sagt. Und das hat nichts mehr mit dem Amerika zu tun, das rechtsstaatlich gefestigt über Jahrzehnte an der Seite Europas stand.» (nil/cbe)