Der britische Sender Sky News hat nach eigenen Angaben geheime Daten von 22'000 mutmasslichen Mitgliedern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zugespielt bekommen. Während einige Experten von einer Goldgrube sprechen, zweifeln andere an der Echtheit der Dokumente.
Die Daten seien ihm von einem enttäuschten ehemaligen IS-Kämpfer zugehalten worden, erklärte der TV-Sender am späten Mittwoch. Der von den syrischen Rebellen zu der Terrormiliz übergelaufene Mann habe die Daten von Kämpfern aus 51 Ländern dem Chef des internen Sicherheitsapparats des IS gestohlen.
Sky News zufolge handelt es sich bei den Daten um Bögen mit 23 Fragen, die neue Kämpfer ausfüllen mussten, bevor sie vom IS aufgenommen wurden. Enthalten sind darin neben Namen, Adressen und Telefonnummern auch Angaben zur Kampferfahrung, zum Verständnis der Scharia und sogar zur Blutgruppe.
Anfang der Woche hatte der Rechercheverbund aus «Süddeutscher Zeitung», NDR und WDR bereits über ähnliche Dokumente berichtet. Auch dabei handelt es sich demnach um 23 Fragen zur Person und der Erfahrung der Kämpfer.
Unbehelligt durch «Risikoländer» gereist
Ein Datensatz liste «Märtyrer» auf, die sich zu Selbstmordanschlägen bereiterklärt hätten und dafür trainiert worden seien, hiess es bei Sky News. Unter den Männern seien viele, die gleich mehrfach unbehelligt durch «Risikoländer» wie den Jemen, Libyen, Pakistan und Afghanistan gereist seien.
Da sie aber nicht kontrolliert und überwacht wurden, konnten sie im syrischen Bürgerkrieg kämpfen und danach wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Genau solche kampferprobten und radikalisierten Rückkehrer fürchten westliche Sicherheitsbehörden.
Man habe die Behörden informiert, teilte Sky News weiter mit. Unter den übermittelten Namen seien auch die von bislang unbekannten Dschihadisten unter anderem aus Nordeuropa, den USA und Kanada.
Die Behörden müssten nun genau schauen, inwiefern das Material im Kampf gegen den IS eingesetzt werden könne, sagte eine Sprecherin des britischen Premierministers David Cameron. Sollten die Dokumente echt sein, dürften sie Geheimdiensten dabei helfen, Kämpfern auf die Spur zu kommen, die nach Syrien und in den Irak ausgereist sind.
Auch die Schweizer Bundesanwaltschaft hat Kenntnis von den Dokumenten. Man habe die nötigen Schritte bereits eingeleitet, sagte André Marty, Informationschef der BA, am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.
Goldgrube oder Fälschung?
Richard Barrett, ein ehemaliges ranghohes Mitglied des britischen Geheimdienstes MI6, sagte zu dem Datenleck, dieses wäre eine absolute «Goldmine an Informationen», sollte es echt sein. Auch ein Sicherheitsexperte des unabhängigen britischen Forschungsinstituts Rusi nannte den Datensatz eine «Goldgrube».
Doch an der Authentizität der Bögen haben Experten sowie auch die syrische Opposition erhebliche Zweifel. Sie verweisen vor allem auf sprachliche Unstimmigkeiten und Nachlässigkeit im Umgang mit Symbolen.
Bei ihm läuteten «grosse Alarmglocken», sagte etwa Charlie Winter von der Georgia State University. So wird etwa der arabische frühere Name des IS, Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS), in zwei verschiedenen Varianten geschrieben. Ausserdem benutzen die Verfasser das Wort «Todesdatum», obwohl die gängige Bezeichnung unter Dschihadisten «Märtyrertum» ist.
Das syrische oppositionelle Nachrichtenportal «Saman al-Wasl» berichtete zudem von tausenden Wiederholungen in den Dokumenten, sodass letztlich nur die Namen von 1700 statt 22'000 Menschen identifiziert werden könnten. (sda)