Es war der Coup schlechthin: Privat-TV-Pionier Roger Schawinski bekam vor einem Jahr eine eigene Talksendung im öffentlich-rechtlichen Schweizer Radio und Fernsehen. Beim Sendestart von "Schawinski" im August 2011 waren die Erwartungen hoch, mittlerweile ist es ruhiger geworden um die Sendung. Wie zufrieden ist Roger Schawinski mit seiner Gäste-Akquise und warum geht seine Produzentin schon wieder? Persoenlich.com hat kurz vor seiner ersten Sendung nach der Sommerpause nachgefragt:
Herr Schawinski, am Montag startet "Schawinski" ins zweite Jahr. Welche Erinnerungen haben Sie, wenn Sie an den vielbeachteten Start vor einem Jahr zurückdenken?
Das war wirklich Hochspannung pur. Niemand wusste, was da kommen würde, weder die Zuschauer oder mein Gast und selbst ich nicht. Für alle war das absolut neu, sowohl die optischen Element als auch die gesamte Dramaturgie. Heute hat sich dies bei allen Beteiligten eingespielt. Und für mich ist das Studio zu meinem zweiten Wohnzimmer geworden, in dem ich mich wohl fühle. Darum kann ich das Ganze viel cooler angehen.
Sie hatten die damalige Sendung "so gut vorbereitet, wie noch keine andere im Leben". Wie hat sich die Vorbereitungszeit mit zunehmender Anzahl Sendungen verändert?
Die ist immer noch unverändert sehr hoch. Meine Produzentin Marlen Oehler erarbeitet jeweils ein Dossier von gegen 20 engbeschriebenen Seiten. Dort finden sich alle relevanten Fakten, die ich memorieren muss, um sie im entscheidenden Moment präsent zu haben. Dann recherchiere ich selbst bei Informanten. Darauf erarbeite ich nach der Sichtung und Auswahl aller optischen Elemente ein Skript, das den ungefähren Ablauf darstellen soll. Aber natürlich bleibe ich spontan und gehe auf die Antworten meines Gastes ein. Aber fast noch aufwendiger ist die Akquisition der Gäste.
SVP-Nationalrätin Natalie Rickli konnten Sie z.B. nicht akquirieren. Was lief schief?
Das müssen Sie die Dame fragen. Die männlichen SVPler sind viel robuster und stellen sich auch kritischen Fragen. Allgemein zögern Frauen viel mehr, im Fernsehen aufzutreten. Dies betrifft nicht nur meine Sendung. Dies bedaure ich sehr. Meine weiblichen Gäste wie Christa Markwalder, Anita Fetz, Karin Keller-Suter und Doris Fiala waren jeweils sehr angetan vom Stil meiner Sendung, weil sie anschliessend sehr viel positives Feedback erhalten haben. Dafür haben Sie mir denn auch gedankt.
Bei der Sendung mit Sepp Blatter wärmten Sie sich mit einer Flasche Weisswein auf (persoenlich.com berichtete). Ist es Ihnen unangenehm, dass dieses Detail öffentlich wurde?
Ich selbst habe es öffentlich gemacht. Und es war keine Flasche, sondern bloss zwei kleine Schlücklein zum Anstossen. Das geschah nur einmal und ich werde es nie mehr machen. Ich möchte mit meinen Gästen vor der Sendung keinen persönlichen Kontakt, weil dies den Ton des Dialogs beeinflusst.
Sie setzten sich zum Ziel, "Schawinski" als "Must-see-Sendung" etablieren. Wo sind Sie auf dem Weg dahin?
Die Sendung hat sich erstaunlich gut etabliert. Die Hauptkritik ist ganz eindeutig der sehr späte Sendetermin. Um 23 Uhr erreicht man nur ein besonders interessiertes Publikum. Dieses scheine ich gefunden zu haben, wobei natürlich grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Sendungen bestehen. Dabei bin ich auch sehr davon abhängig, wie das Vorprogramm gesehen wird.
Ihre Produzentin Marlen Oehler geht schon wieder, nach nur einem Jahr. Warum?
Marlen wird zum zweiten Mal Mutter. Deshalb hat sie entschieden, dass dies gerade in der ersten Zeit mit dem Job der Produzentin von "Schawinski" nicht vereinbar ist. Ihren Abgang bedaure ich sehr.
Am Montag ist der Schaffhauser Ex-Pfarrer und SVP-Politiker Gerhard Blocher Ihr Gast. Warum diese Wahl?
Ich hoffe vom grossen Bruder neue Einblicke ins "Blocher-Prinzip" zu erhalten.
Die Quoten zeigen, dass es vor allem auf den Gast ankommt, ob die Zuschauer einschalten oder nicht. Nur mit SVP-Politikern (ausser mit Paul Rechsteiner) schafften Sie einen Marktanteil von über 20 Prozent (persoenlich.com berichtete). Ist dies auch ein Grund für die Wahl von Christoph Blochers Bruder als ersten Gast?
Gerhard Blocher ist eigentlich kein Politiker sondern ein Phänomen, das unter anderem über einen Dokumentarfilm die dramatische Abwahl seines Bruders massiv beeinflusst hat. Wenn er nun mit 78 Jahren Politiker werden will, dann ist dies aufsehenerregend. Es ist ein Hinweis darauf, was wir von dieser Familie noch alles zu erwarten haben.
Inwiefern stört es Sie, dass Gerhard Blocher gerade am Mittwoch im Talktäglich bei Tele Züri zu Gast war?
Ich habe die Sendung teilweise gesehen. Ich kann versprechen, dass mein Ansatz ein ganz anderer werden wird, mit viel weniger Gekicher und hoffentlich mehr Einsichten.
Es ist nicht das erste Mal, dass Tele Züri kurz vor "Schawinski" den gleichen Gast im Talk hat.
"Schawinski" kommt nur einmal wöchentlich. Mit einer täglichen Talksendung ist man flexibler. Aber ich finde, dass Konkurrenz gut ist. Das war ja immer mein Ansatz, dass es mehr als ein Fernsehen geben muss.
Noch eine andere Frage: Wie ist eigentlich der Stand im Signet-Streit mit Ihrem Arbeitgeber SRF? Sie haben im Juni die Anwälte eingeschaltet...
Die Gespräche laufen noch. Entscheidungen fallen aber sehr bald.
Interview: Edith Hollenstein