Die Ringier Journalistenschule war auf Eis gelegt: Letztes Jahr stellte der Verlag die Ausbildung der Volontäre ein - unter anderem aus finanziellen Gründen. Jetzt soll ers richten: Hannes Britschgi - der neue Schulleiter. Wie der Medienprofi den Nachwuchs drillen will, was er von ihm erwartet und wie sich seine Schule von anderen, beispielsweise dem MAZ, abhebt, erläutert er im Gespräch mit "persoenlich.com".
Hannes Britschgi, Sie sind seit Anfang Jahr Leiter der Ringier Journalistenschule. Was reizt Sie an der neuen Herausforderung?
Erstens ist es spannend, für Ringier den besten Nachwuchs zu suchen. Durch diese Arbeit bin ich am Puls der jungen Menschen, was mir besonders gut gefällt. Zweitens darf ich das Schulprogramm entwerfen, und drittens macht es mir auch Spass, neu über meinen Beruf nachzudenken.
Wie muss man sich Ihre Funktion vorstellen, was genau machen Sie?
Seit Anfang Jahr bin ich auch für die Schule im Einsatz. Unser Ziel war es, im August einen neuen Volontariatskurs zu starten. Wir mussten sofort den Kurs ausschreiben. Es haben sich gegen 300 Leute gemeldet - eine Riesenwelle. Ich selbst habe 150 Dossiers studiert und zusammen mit einer Mitarbeiterin von der Personalabteilung 65 Einzel-Interviews durchgeführt. Anschliessend erstellten wir eine Shortlist: Für jeden Ausbildungsplatz drei potentielle Volontäre. Die Chefredaktoren und Ressortleiter konnten dann selbst bestimmen, wer von der Shortlist definitiv gewählt wird. Auf der anderen Seite arbeite ich kontinuierlich am Schulprogramm.
Wie viele Schüler werden es sein?
Es werden 18 Personen sein. So wie es aussieht, mehr Frauen als Männer. Die Ausbildung dauert ein Jahr, 75 Prozent on the job (bei den Redaktionen) und 25 Prozent off the job (in der Schule). Ich habe ein Blocksystem eingeführt: Die Volontärinnen und Volontäre arbeiten einen Monat lang auf der Redaktion, dann eine Woche in der Schule usw.
Verschiedene Dozenten werden an der Ringier Schule unterrichten. Wen konnten Sie schon verpflichten?
Ich möchte noch keine Namen nennen. Es werden vor allem berufstätige Journalisten sein. Mir ist diese Praxisorientierung sehr wichtig. Im Idealfall schaffe ich es, für jedes Fach einen Profi von der Front aufzubieten, der unseren Schülern sein Handwerk vermitteln kann. Nicht in Frontalunterricht, sondern in Übungen. Die Volontäre sollen in Workshops schreiben, recherchieren, filmen. Üben, üben und nochmals üben.
Werden nur Ringier-Leute dozieren?
Nein, nicht nur. Ich hole natürlich auch externe Journalisten, manche sogar aus dem Ausland. Aber es ist auch ganz wichtig, dass Ringier-Leute unter den Ausbildern sind. Denn wir haben sehr gute Journalisten im Haus und die will ich in der Schule haben. Sie werden damit auch wertgeschätzt. Zum Beispiel ein Peter Hossli, ein hervorragender Senior-Reporter mit viel Auslanderfahrung. Er übernimmt den Reportage-Workshop. Und das ist die Idee: Die besten Praktiker sollen ihr Know-how an unseren Nachwuchs weitergeben.
Und Sie selbst?
Ich sehe meine Funktion vor allem als Schulleiter, der ein gutes Programm zusammenstellt, tolle Dozentinnen und Dozenten holt. Hin und wieder werde ich aber sicher auch das eine oder andere selbst mit den Schülern üben. Das steht aber nicht im Vordergrund.
Welches Fach?
Die Disziplin des Interviews.
Wie sieht die aus?
Das Wichtigste ist: gut zuhören. Dazu kommt die exzellente Vorbereitung: Ein Interview ist eine intensive Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit, die man vis-à-vis hat. Gleichzeitig verlangt die Disziplin auch, dass man sich fachlich professionell auf den Inhalt eines Interviews vorbereitet.
Im Moment gibt es keine Volontärausbildung bei Ringier. Was ist der Grund?
Es gibt zwei Gründe: Einerseits kostet die Ausbildung sehr viel Geld. Die beiden letzten Jahre waren wirtschaftlich hart für alle Verlagshäuser. Da musste das Haus auch bei den Ausbildungskosten sparen. Bei Ringier stand zudem das Grossprojekt Newsroom an. Es hatte Priorität, daneben fehlte wohl die Energie für anderes.
Was kostet Riniger ein Volontär?
30'000 Franken.
Dann sollte er danach auch bei Ringier bleiben?
Natürlich. Es ist die Absicht, dass nach dem erfolgreichen Schulabschluss möglichst alle einen Vertrag bei Ringier erhalten. Deshalb wird auch nur an die Schule zugelassen, wer für sich eine berufliche Perspektive bei Ringier sieht.
Und wenn er Ringier danach trotzdem verlässt?
Mindestens zwei Jahre möchten wir die erfolgreichen Schulabsolventen bei uns behalten. Gehen sie vorher, müssen sie einen kleinen Teil der Ausbildung selbst bezahlen. Das ist im Vertrag so geregelt.
Ihre Schule war früher die "Glamour"-Werkstatt für angehende Journalisten. Heute gibt es Fachhochschulen und Studiengänge an der Uni, die sich dem Journalismus widmen und das MAZ. Spüren Sie die Konkurrenz - wollen heute weniger an Ihre Schule?
Die grosse Zahl der Bewerbungen zeigt, dass unser Ruf immer noch ganz hervorragend ist. Die Antwort heisst deshalb: Nein.
Was machen Sie besser als die Konkurrenz?
Als innovatives Verlagshaus ist Ringier als Marke per se interessant. In Bezug auf die Schule kommt noch dazu, dass wir eine unheimlich starke Verknüpfung haben zwischen Praxis und Theorie. Und wir können unseren Volontären eine Anstellung im Betrieb in Aussicht stellen. Das ist einmalig.
Wo stehen Sie im Vergleich mit dem MAZ? Was machen Sie besser, wo können Sie dazu lernen?
Das habe ich noch nicht im Detail studiert. Auf jeden Fall zeichnet uns aber die enge Verknüpfung zwischen Praxis und Schule aus, samt dem Arbeitsvertragsversprechen. Der Vorteil am MAZ ist vielleicht dessen Unabhängigkeit. Wer dort einen Kurs besucht, trifft auf angehende Journalisten von anderen Verlagen. Dieser verlagsübergreifende Austausch ist bestimmt interessant.
Ist es ein Nachteil, dass die Ringier Schule auf Boulevard spezialisiert ist?
Ganz im Gegenteil: Das ist für uns ein Vorteil. Boulevard ist ein wichtiger Bestandteil der Ringier-Kultur, die es sonst in der Schweiz so nicht gibt. Aber primär bringen wir den Volontären das Grund-Handwerk des Journalismus bei und zeigen, wie man recherchiert, eine Geschichte erzählt.
Welchen Stellenwert haben Social Media und Onlinejournalismus in der Ausbildung?
Im Schulprogramm ist das Digitale auf verschiedenen Ebenen berücksichtigt. Wir beschäftigen uns beispielsweise mit der Recherche im Internet. Sie ist heute tägliche Realität. Wir werden uns auch mit den Suchmaschinen auseinander setzen und Spezialisten werden uns zeigen, was die alles hergeben. Eine ganze Woche widmen wir zudem dem Video-Journalismus. Am Schluss der Woche sollten alle Schüler in der Lage sein, einen einfachen Beitrag mit der Kamera zu realisieren. Das ist gerade auch für den Onlinebereich sehr wichtig.
Müssen Ihre Schüler auch auf Facebook und Twitter agieren?
Das ist ein Must. Der ganze Social Media Bereich ist enorm wichtig. Das berücksichtigten wir schon bei der Rekrutierung. Interessant war, dass alle Kandidaten auf Facebook vertreten sind, aber sie twittern noch nicht. In der Schule werden wir uns mit beidem befassen. Es ist wichtig, dass die Schüler hier die Zusammenhänge und Möglichkeiten verstehen. Denn hinter den meisten Meldungen steht heute am Anfang eine Twittermeldung.
Das heisst, Sie selbst sind auch auf Facebook und Twitter?
Nein, noch nicht. Bei Facebook habe ich mich bisher absichtlich an die Fersen meiner Töchter geheftet. Ich bin dort also nur indirekt dabei. Auf den Schulanfang hin werde ich aber selbst aktiv werden, da wir Facebook für die schulinterne Kommunikation brauchen. Sie sehen, es gilt: Nicht nur darüber reden, sondern brauchen, machen, tun. Neue Kanäle zum integrierten Bestandteil der eigenen Kommunikation machen.
Welches Rüstzeug brauchen die Journalisten von morgen sonst noch?
Sie müssen sich mit einer ungeheuren Neugier einen breiten Horizont erschliessen und sie sollten sich angstfrei mit neuen Entwicklungen auseinander setzen. Sie sollen Lust auf Neues haben und eine grosse Flexibilität zeigen. Sie müssen wissen, wie sie an Informationen kommen und wie sie aus diesen eine gute Geschichte machen können. Es braucht einen intelligenten Kopf, der verstehen will, wie die Welt funktioniert und eine hungrige Seele, die aufsaugen will, was die Welt zu bieten hat. Journalismus ist ein wunderbarer Beruf!
Sie schreiben und moderieren daneben weiterhin für die Ringier-Gruppe. Haben Sie keine Angst, dass Sie zuviel machen und sich verlieren?
Ich bin Publizist bei Ringier und schreibe und arbeite für alle Kanäle über alle Titel hinweg. Auch moderiere ich die Sendung "Standpunkte" und Podien. Daneben mache ich nun die Schule. Die Angst, dass alles zu viel wird, ist real. Ich mache tendenziell eher zu viel und habe Mühe, mich selbst zu bremsen. Es ist eine Gratwanderung, die ich schaffen muss.
Welches sind Ihre beruflichen Ziele bis Ende Jahr?
Ich will die Schule gut zum Laufen bringen. Und wir stehen auch in einem Wahljahr. Das ist hochspannend. Ich möchte publizistisch mit guten Geschichten mitmischen...
Noch vergessen haben Sie Ihr Engagement bei TeleZüri. Bis Ende Jahr hat Ringier Zeit, es zu kaufen...
Ringier bietet viele Entwicklungsmöglichkeiten. Nun konzentriere ich mich voll auf den eingeschlagenen Weg. TeleZüri ist ja noch nicht verkauft und für mich deshalb kein Thema... (lacht).
Interview: Christine Schnyder