"Die digitale Revolution wird viel bedeutender sein als es damals die Einführung des Farbfernsehens war." Dies erklärte Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre gleich zu Beginn des Mediengesprächs über die digitale Zukunft des Schweizer Fernsehens (SF). Sie werde stark von der technischen Entwicklung und dem Verhalten der Zuschauer geprägt.
SF hat festgestellt, dass die Zuschauer im Wohnzimmer mehr Spektakel wollen, das heisst sie verlangen nach besserer Bild- und Tonqualität. Aber auch der zeit- und ortsunabhängige Empfang des Fernsehens ist immer mehr gefragt. Um diesen Trends gerecht zu werden, sind bei SF verschiedene technische Veränderungen im Gang.
Digitaler terrestrischer Empfang dank DVB-T
Weil der Bundesrat aus sicherheitspolitischen Überlegungen wünscht, dass auch künftig rein terrestrisch Fernsehprogramme empfangen werden können, baut die SRG zurzeit das DVB-T-Netz auf. In den vergangenen Tagen haben in der Deutschschweiz gleich mehrere Sender den DVB-T-Betrieb aufgenommen. Wer über ein entsprechendes Empfangsgerät verfügt, kann somit digital die Programme SF 1, SF zwei, tsr1 und TSI 1 verfolgen.
Haushalte, die bisher über eine Dach- oder Zimmerantenne ihre Fernsehprogramme analog empfangen, werden das künftig nicht mehr tun können. In der Deutschschweiz wird das analoge Signal im November 2007 eingestellt. Das letzte analoge Netz in der Schweiz wird 2009 abgeschaltet. Dies bedeutet gemäss Ingrid Deltenre immerhin für ca. 150'000 Haushalte, die heute noch Fernsehen analog terrestrisch empfangen, eine Umstellung der Empfangsgewohnheiten.
SF erhöht die Empfangsqualität von Bild und Ton
Seit 22. Mai 2006 ist SF zwei über Satellit in DVD-Qualität empfangbar, ab 2007 auch SF 1. Auch das Sounderlebnis wird massiv verbessert. In den nächsten Jahren wird beim Empfang schrittweise der dreidimensionale Dolby Digital Sound 5.1 eingeführt. Auch der 16:9-Programmanteil wird sukzessive erhöht. Derzeit sendet SF lediglich 23 Prozent seiner Programme im 16:9-Format. Bereits 40 Prozent der Haushalte -- bis zur Fussball WM könnten es sogar 50 Prozent sein -- verfügen aber über einen Breitbild-Fernseher.
SF hat sich entschieden, die gesamte Fussball-WM im Breitbildformat auszustrahlen. Danach folgt Schritt für Schritt die Umstellung bei den eigenproduzierten Sendungen. Im Jahr 2008 soll dann das gesamte Programm des Schweizer Fernsehens im 16:9-Fullformat ausgestrahlt werden. Damit wird auch eine wichtige technische Voraussetzung für HDTV geschaffen, das bei SF bald zur Realität werden soll.
Der Fahrplan sieht vor, dass ab 2008 erste Testausstrahlungen in HDTV auf einem separaten Kanal stattfinden. Ein Ziel ist es gemäss Ingrid Deltenre, die Fussball-EM 2008 in HDTV übertragen zu können. Ab 2010 sollen erste Programme in den Regelbetrieb gehen. Das herkömmliche Fernsehen wird aber mindestens zwei Jahre lang parallel produziert.
Mobile TV
In Sachen Mobile TV bietet SF als Pilotprodukt eine "Tagesschau" für UMTS-fähige Handys an, die in 100 Sekunden stündlich aktualisiert einen Überblick über das aktuelle Geschehen gibt. Die vorgeführte Pilotsendung der "Tageschau in 100 Sekunden" entpuppte sich als eine Art "Pendler-Tagesschau. Zwischen An- und Schlussmoderation durch eine Tagesschausprecherin wurden die wichtigsten Ereignisse in Kürzestfassung im Schlagzeilen-Stil aneinander gereiht. Zurzeit sucht SF Telekom-Unternehmen, die die "Handy-Tageschau" in ihr Angebot aufnehmen wollen. Einzelne Firmen hätten bereits Interesse signalisiert.
Geplantes Videoarchiv als neuer Zankapfel
Der Webauftritt von SF wird gemäss Ingrid Deltenre rege genutzt. Der Ausbau der Online-Plattform im Zuge der sogenannten "Added Value"-Strategie hat aber auch zu Knatsch mit den Verlegern geführt. "Wir sind an einer konstruktiven Lösung mit den Verlegern interessiert", erklärte Ingrid Deltenre. Es würden zurzeit "lose" Gespräche geführt. Man habe allerdings festgestellt, dass sich die Verleger untereinander nicht einig seien. Die Beschwerde des Verbands Schweizer Presse beim Bundesamt für Kommunikation gegen die Internet-Projekte der SRG läuft weiter.
Es hat sich auch bereits ein neuer Zankapfel ergeben. Als zukünftiger "Added Value" für die Zuschauer strebt SF eine Öffnung des Videoarchivs via Internet für private, schulische und wissenschaftliche Zwecke an. Der Zugang zum Archiv sollte eigentlich kostenlos sein. Dagegen wehren sich aber erneut die Verleger, da dieses Vorhaben ihre kostenpflichtigen Online-Angebote konkurrenzieren würde. Es dürfte dem Gebührenzahler aber schwer zu erklären sein, warum er für Inhalte, die er bereits durch seine Abgaben mitfinanziert hat, nochmals bezahlen soll.
Video on Demand und Interaktivität
Im Zentrum der SF-Multimediastrategie stehen die Bereiche "Video on Demand" und Interaktivität. SF will auf dem Webportal Sendungen, für die die entsprechenden Rechte vorliegen, möglichst rasch nach der Erstausstrahlung in publikumsgerechter Übertragungsqualität zur orts- und zeitunabhängigen Nutzung anbieten. Interaktive Angebote wie Weblogs, Foren, Chats und Spiele sollen laufend ausgebaut werden. Der Oline-Community-Gedanke ist SF offenbar nicht fremd.
Das neu geschaffene Multimediazentrum (MMZ) setzt die Multimedia-Strategie um. Im MMZ ist seit 1. Mai 2006 auch die deutschsprachige Teletextredaktion integriert. Das MMZ umfasst damit alle Multimediaktivitäten von SF. Ziel ist es, Inhalte nur noch einmal herzustellen und sie dann auf die verschiedenen Multimedia-Vektoren (Webauftritt, Teletext, Mobile-Dienste, digitales Fernsehen, Podcast) auszugeben.
Ingrid Deltenre betonte am Mediengespräch, dass SF nicht einfach ein Programmanbieter mit drei Fernsehkanälen und einer Website sei. SF müsse plattformübergreifend denken und das publizistische Angebot individuell für die verschiedenen und auf den verschiedenen Plattformen anbieten. Man sei sich bewusst, dass SF sich mit der plattformübergreifenden Programmstrategie zu einem gewissen Teil selber kannibalisiere. Dies sei aber notwendig, um auch in Zukunft erfolgreich zu bleiben.
Trotz aller Technik steht Programm im Vordergrund