"Überrascht, wie gering das Sicherheitsdispositiv war".

Sportinformation - Chefredaktor Roman Eberle blickt im Interview auf Sotschi zurück.

Roman Eberle ist siet Beginn dieses Jahres Chefredaktor der Sportinformation Si und erlebte als Journalist soeben seinen ersten Grossanlass in Sotschi. Im Gespräch mit persoenlich.com lässt er die Olympischen Winterspiele nochmals Revue passieren und berichtet von seinen Eindrücken am Schwarzen Meer. Das Sicherheitsdispositiv ist genau so Thema wie die Zusammenarbeit der Agentur mit den verschiedenen Abnehmern. Zudem versichert er, dass man sich noch lange an die Medaillengewinner von Sotschi erinnern wird. 

Herr Eberle, wie haben Sie die Olympischen Spiele in Sotschi erlebt? 
Sehr positiv. Arbeitsbedingungen und Infrastruktur sind sehr gut gewesen. Es waren für mich die ersten Olympischen Spiele, weshalb ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe. Aber ich habe von erfahrenen Kollegen gehört, dass es von der Organisation und der Infrastruktur her die besten Spiele waren, die sie bisher erlebt haben.

Viele Journalisten haben bei ihrer Ankunft in Sotschi von miserablen Bedingungen im Bezug auf die Unterkunft berichtet. Wie erlebten Sie die Situation vor Ort? 
Bei uns war alles einwandfrei. Wir hatten zwei Standorte: Unten im olympischen Park und oben in den Bergen. Ich war oben in Krasnaja Poljana stationiert, wo alles sehr zufriedenstellend war. Natürlich waren einige Strassenarbeiten noch nicht fertiggestellt und vor einigen Einkaufszentren steht womöglich jetzt noch "opening soon". Das Organisatorische lief bestens ab, so hatte ich von Beginn weg ein positives Gefühl.

War das Sicherheitsdispositiv wirklich so hoch, wie es vor den Spielen verkündet worden war? Konnten Sie sich als Journalist frei bewegen?
Es war so, wie es bei allen Grossanlässen mittlerweile ist. Es war nicht übertrieben, zu Beginn war ich sogar etwas überrascht, wie gering das Sicherheitsdispositiv war. Man wurde einmal kontrolliert, und wenn man in der sogenannt sicheren Zone drin war, wurde man in Ruhe gelassen. Die Busse wurden versiegelt, aber es ging trotzdem alles meist relativ speditiv.

Welches waren die Probleme im Bezug zu der Kontaktaufnahme mit den Sportlern? 
Das wird generell immer schwieiriger, hat also nichts mit Sotschi zu tun. Es gab in jeder Sportart einen Disziplinen-Treff, der von Swiss Olympic organisiert wurde. Diese waren vorgegeben und eigentlich die einzigen Chancen, um mit den Sportlern in Kontakt zu kommen. Neben der Mixed-Zone und den Sieger-Pressekonferenzen hatte man lediglich noch Kontakt-Möglichkeiten, wenn die Sportler nach ihren eigentlichen Einsätzen noch in Sotschi verweilten. Olympia ist schon sehr extrem. Man hat auch keine Exklusivität mehr. Die Medien arbeiten grundsätzlich alle mit den gleichen Aussagen.

Jeder Zuschauer veröffentlicht heutzutage Resultate und Bilder über Twitter, Facebook und co. Inwiefern hat sich Ihre Arbeit durch Social Media verändert? Was können Sie zusätzlich bieten? 
Als Agentur ist die Exklusivität weniger zentral. Wichtig ist, dass wir die Informationen schnell bekommen und verbreiten. Wir haben dafür gute Kontakte zu Swiss Olympic oder zu den einzelnen Verbänden. Und was Social Media anbelangt, sind unsere Reporter auch angehalten, die verschiedenen Kanäle der Sportler zu verfolgen. Sei es auf Twitter oder Facebook, vieles wird heutzutage über diese Plattformen mitgeteilt. Aber es ist sehr schwer den Überblick bei der ganzen Flut an Information zu behalten.

Mit wie vielen Leuten war die Si vor Ort? 
Es waren acht Reporter von Zürich und deren zwei von Genf.

Wie gross war der Anteil der Olympia-Berichterstattung in Schweizer Zeitungen, der von der Si kam? 
Das werde ich in den kommenden Tagen genau analysieren. Im Vergleich zu unserem Output war er allerdings nicht extrem gross, wobei dies von Zeitung zu Zeitung stark variiert. Wir müssen uns für die Zukunft überlegen, ob wir nicht ein wenig zurück fahren, nach dem Motto „Weniger ist mehr“. Olympische Spiele werden künftig auch vom Personalbestand her nicht mehr gleich abgedeckt werden können. Auch wir sind hier wirtschaftlichen Restriktionen unterworfen. Wir sind aber im Verhältnis zu anderen immer noch ziemlich gut aufgestellt, hatten deshalb auch den Anspruch, alle Sportarten abzudecken, bei welchen Schweizer im Einsatz standen. Dies ist uns auch bis auf wenige Ausnahmen gelungen. Bei Winterspielen sind nicht bloss sehr viele Schweizer Athleten im Einsatz, oftmals zählen sie auch noch zu den Medaillen-Kandidaten. Wir mussten auch immer wieder kurzfristig umdisponieren, denn die Medaillen-Feiern konnte man ja nicht zuvor einplanen. Es hatte dann zwei, drei Events gegeben, bei denen wir nicht vor Ort waren, hätten dort aber bei Bedarf auf andere Kontakte zugreifen können.

Haben Sie hierfür auch mit anderen Agenturen, beispielsweise aus Deutschland zusammengearbeitet? 
Nein.

Si-Infos sind in Zeitungen oft versteckt neben eigenen Berichten. Ist das ein Anerkennungs-Problem? 
Natürlich freut sich jeder Journalist, wenn seine Berichte fast 1:1 abgedruckt werden. "Si" steckt aber häufig nicht  nur dort drin, wo "Si" steht, manchmal wird statt des Si-Kürzels auch der Autorenname verwendet. Aber wir arbeiten nicht nur für Zeitungen, wir liefern auch Hintergrundinformationen für Fernsehen und Radio und vor allem auch fürs Internet, was wir je länger je mehr machen müssen. Eine Agentur arbeitet nicht nur dafür, damit alles Eins zu Eins in den Zeitungen abgedruckt wird, sondern bietet auch einen Hintergrund-Rahmen für andere Journalisten.

Wie ist generell die Zusammenarbeit mit den Abnehmern? 
Gut, je nach Sportart aber verschieden. Medien, die mit weniger Personal vor Ort waren, haben natürlich primär auf die grossen Sportarten wie Ski alpin, Ski nordisch, oder Eishockey gesetzt. In den übrigen Sportarten, beispielsweise beim Biathlon, war unsere Arbeit mitunter besonders gefragt. Deshalb ist es wichtig, dass wir alles abdecken.

Wir leben heute in einer sehr schnelllebigen Zeit. Werden die Olympiasieger Ihrer Meinung nach überleben? Werden ihre Namen auch in 10-20 Jahren noch ein Begriff sein? 
Ja, weil es keine Fülle an Olympiasiegern gibt. Als Beispiel gilt Mike Schmid, der 2010 in einer Randsportart triumphierte, dessen Name jedoch ein Begriff ist. Es gab in Sotschi fünf Schweizer Olympiasieger. Das sind nicht so viele, die werden den Leuten schon in Erinnerung bleiben. An Events, die nur alle vier Jahre stattfinden, können sich Leute immer besser erinnern, als an eine Klassierung der Eishockey-Nationalmannschaft an einer Weltmeisterschaft, die jedes Jahr stattfindet.

Wie werten Sie den Olympiasieg von heute im Vergleich zu einem von Sapporo 72 beispielsweise? 
Es gibt ja immer Leute, die versuchen die Goldmedaillen untereinander zu vergleichen. Olympiasieg ist Olympiasieg und jeder Sportler hat für sich eine riesige Leistung erbracht. Man soll und kann die Sportarten untereinander nicht vergleichen.

Wie stufen Sie die Möglichkeiten der Medaillen-Gewinner am hiesigen Werbemarkt ein? 
Das ist schwer zu sagen. Ich denke eine extrovertierte Person wie Podladtchikov kann für bestimmte Marken sehr interessant sein, zumal er ja für einen bestimmten Lifestyle steht. Aber ich bin kein Fachmann, deshalb kann ich das nur schwer beurteilen.

Hatten Sie Kontakt mit Einwohnern aus Sotschi? Was für Feedback erhielten Sie von den Russen? 
Ehrlich gesagt, hatte ich nur mit Volunteers Kontakt und da redete man ganz spezifisch nur über die Spiele selbst. Oder im Hotel mit Angestellten, alles übrigens sehr freundliche und zuvorkommende Menschen. Aber wenn Sie Menschenrechts-Themen ansprechen, über solche Dinge wurde nicht diskutiert.

Spürte man die politischen Unruhen in der Ukraine an den Spielen? 
Die Unruhen in Kiew bekam man natürlich mit, aber Thema vor Ort war primär der Sport.

Welches war ihr persönliches Highlight in Sotschi? 
Ein Highlight war sicherlich das Wetter. Damit hatte man gar nicht gerechnet. Auch die Athleten schwärmten vom Wetter, den Bedingungen und den Unterkünften. Natürlich ist es auch ein Highlight wenn man live dabei sein darf, wenn Schweizer Sportgeschichte geschrieben wird. Ich durfte zweimal bei den Goldmedaillen von Dario Cologna dabei sein. Da freut man sich natürlich auch mit, gerade bei dieser Vorgeschichte. Der Tag, als Cologna Gold holte, am Berg vis-a-vis Sandro Viletta in der Superkombination triumphierte und Minuten später Selina Gasparin im Biathlon noch Silber holte, war schon sehr speziell. Das war wirklich ein sporthistorischer Tag für die Schweiz. Ein Schweizer Medaillengewinn im Biathlon war vor ein paar Jahren noch undenkbar. 

Interview Marco Lüthi, Bild: zVg.