Vor rund drei Wochen versendete die "Weltwoche" eine E-Mail-Umfrage an SF-Info-Journalisten. Damit wollte man Aufschluss über die Parteizugehörigkeit von Journalisten gewinnen. "Waren Sie jemals Mitglied einer politischen Partei? Und wenn ja, welcher?" lautete eine der Fragen (vgl. Abbildung unten). Wie viele und welche SF-Mitarbeitenden ein solches Umfrage-E-Mail erhalten haben, weiss man bei SRF nicht. Andrea Hemmi, Leiterin Unternehmenskommunikation, sagt auf Anfrage: "Wir haben die Anfrage der "Weltwoche" nach Namenslisten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgelehnt. Welche Mitarbeiter danach alle von der Weltwoche direkt angefragt wurden, wissen wir nicht. Gewisse Mitarbeitende haben uns kontaktiert. Wir haben es ihrer persönlichen Entscheidung überlassen, an der Umfrage teilzunehmen."
Nun wirbelt diese Aktion viel Staub auf, vorallem weil am Mittwochmorgen das Schweizer Syndikat Medienschaffender (SSM) zum Protest aufgerufen hat ("persoenlich.com" berichtete). Was genau bezweckt diese Umfrage? "persoenlich.com" hat bei Andreas Kunz, Ressortleiter Gesellschaft der "Weltwoche", nachgefragt:
Herr Kunz, Ihre E-Mail-Umfrage mit den Fragen zur Parteizugehörigkeit hat beim SRF ziemlich grossen Wirbel ausgelöst. Als Aufhänger für die Story nannten Sie den Wechsel von Matthias Aebischer in die Politik. Was hat dieser Jobwechsel mit der politischen Gesinnung von Journalisten zu tun?
Wenn jemand, der jahrelang für die Tagesschau des Schweizer Fernsehens Berichte verfasst und moderiert hat, plötzlich für die SP als Nationalrat kandidiert, wirft das Fragen auf: Wie neutral war dieser Mann während seiner Zeit beim SF? War er damals schon SP-Mitglied? Gibt es noch andere SRG-Informationsjournalisten, die Mitglied einer Partei sind? Was hält die SRG-Führung davon? Als Gebührenzahler möchte ich doch wissen, ob ich von einem SP-Mitglied oder von einem parteilosen Journalisten informiert werde. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die eigene politische Vorliebe nicht auf die Berichterstattung abfärbt.
Wen genau haben Sie befragt?
Eigentlich wollte ich alle Info-Redaktoren des SRF befragen. Doch SRF weigerte sich, uns diese Namen bekannt zu geben, mit der Begründung man hätte keine Impressumspflicht. Wie es dann heraus gekommen ist, steht in der nächsten "Weltwoche", sorry.
Warum haben Sie nicht alle Informationsjournalisten befragt, sondern nur diejenigen der SRG?
Die SRG finanziert sich hauptsächlich durch Gebührengelder. Gemäss Konzessionsauftrag sind ihre Journalisten verpflichtet, das politische Geschehen in der Schweiz ausgewogen abzubilden. Daher erachten wir es als zwingend, dass diese Journalisten eine allfällige Parteimitgliedschaft offenlegen müssen. Intern sind sie dazu ja auch verpflichtet. Ich wüsste nicht, warum dies die Zuschauer nicht erfahren dürfen.
Aber auch private Medienunternehmen erhalten Konzessionsgelder. Diese Journalisten hätten Sie auch befragen müssen.
Die SRG ist das mit Abstand grösste Medienunternehmen der Schweiz und besitzt ein staatlich subventioniertes Quasi-Monopol. Die anderen Medienunternehmen bekommen nur einen ganz kleinen Teil des Gebührenkuchens oder bleiben bewusst vollständig unabhängig, wie zum Beispiel die Weltwoche. Meistens legen die Redaktionen von privaten Medien auch offen, ob ein Mitarbeiter politisch aktiv ist. Bei der "NZZ" wusste man zum Beispiel immer, dass die meisten Journalisten ein FDP-Parteibuch besitzen.
Ich meine eher die konzessionierten Radio- und TV-Stationen.
Im Verhältnis zur Forderung nach Transparenz bei der SRG erachte ich dies als unerheblich. Zudem gibt es ja genügend andere Journalisten, die allfälligen Interessenkonflikten von anderen Medien nachgehen. Leider nur immer, wenn jemand im Verdacht steht, rechts zu sein, wie die aktuelle Kampagne gegen die "Basler Zeitung" oder die ewigen Verschwörungstheorien um die "Weltwoche" zeigen. Links sein ist im Medienbetrieb offenbar derart normal, dass eine entsprechende Interessenbindung niemanden interessiert.
Wie war die Resonanz: Gab es SF-Journalisten, die Ihnen geantwortet haben?
Ja, genaueres können Sie in der nächsten "Weltwoche" lesen.
Hier drängt sich die Frage auf: Ist diese Umfrage eine Notlösung, weil Sie eine These haben und dazu keine Studien finden, bzw. weil es keine Studien über dieses Thema gibt?
Am Anfang stand keine These, sondern der Wechsel von Matthias Aebischer in die Politik. Ich machte mich aber tatsächlich auch auf die Suche nach Studien über die Parteizugehörigkeit von Journalisten. In Deutschland wurde eine solche durchgeführt. Sie zeigte, dass eine grosse Mehrheit der deutschen Journalisten links-grün wählt. Nur eine kleine Minderheit wählten CDU oder FDP. Ich finde es erstaunlich, dass die Schweizer Medienwissenschaftler noch keine solche Studie gemacht haben. Im Gegensatz zu den vielen anderen Studien, die jedes Jahr mit öffentlichen Geldern gemacht werden, würde eine solche Umfrage sicher auf grosses Interesse stossen.
Laut Kurt Imhof von der Universität Zürich macht man in der Schweiz keine Studien über die Parteizugehörigkeit von Journalisten. Er sagt, solche Studien seien nicht aufschlussreich, da das Antwortverhalten immer strategisch motiviert und durch das Selbstverständnis der Befragten bestimmt sei.
Dann dürfte Herr Imhof überhaupt keine Umfragen mehr machen und könnte sein Institut schliessen, denn das Antwortverhalten ist in jeder Befragung strategisch motiviert und vom Selbstverständnis der Befragten bestimmt. Auch Claude Longchamp könnte sich seine politischen Erhebungen sparen. Als Wissenschaftler gilt es, diese Unschärfefaktoren möglichst auszumerzen, darauf hinzuweisen und dem skeptischen Leser zu vertrauen.
Sie wollten jedoch bei Ihrer Geschichte bleiben und entschieden sich für einen anderen Weg. So kamen Sie auf die Idee eine Umfrage zu starten.
Wie gesagt: wenn die Medienwissenschaftler das Thema nicht bearbeiten wollen und die anderen Journalisten sich nur auf rechte Verschwörungstheorien konzentrieren, füllen wir bei der "Weltwoche" diese Lücke gerne.
Aber Ihre ursprüngliche These zu verwerfen, wäre keine Alternative gewesen.
Im Gegenteil: Die Abwehrhaltung der SRG hat mich nur zusätzlich angespornt. Offenbar haben die Journalisten, die jetzt bei diesem Protest mitmachen, etwas zu verstecken. Ironischerweise sind es dieselben Leute, die bei privaten Unternehmen immer vollständige Transparenz einfordern.
Das Syndikat Medienschaffender hat den Eindruck, die "Weltwoche" wolle SRF ausschnüffeln. In einem Brief werden die Journalisten zum Protest angehalten. Was halten Sie davon?
Ich staune. Wenn die Parteizugehörigkeit eines SRG-Informations-Journalisten zur Privatsphäre gehören soll, dann sollte es auch meine private Entscheidung sein dürfen, ob ich Gebühren bezahlen will oder nicht. Dieser Protestaufruf zeigt, wie nötig meine Recherche ist. Die SRG kann nicht neuerdings eine Mediensteuer für alle verlangen und gleichzeitig ihr Image als Black Box zementieren.
Das Syndikat Medienschaffender verschickte die Protest-Aufforderung nicht nur an die SRF-Journalisten, sondern an alle Deutschschweizer Redaktionen. Was halten Sie davon?
Ich danke für die Gratiswerbung.
Gingen bisher bereits Feedbacks ein?
Einige Syndikat-Mitglieder meldeten sich bei mir. Sie finden diesen Protest peinlich und haben mich ermuntert, meine Recherche voran zu treiben.
Wie ist Ihre persönliche Situation: Sind Sie Mitglied einer politischen Partei?
Nein, ich war nie in einer Partei und habe auch nicht vor, einer beizutreten. Auch in einer Gewerkschaft bin ich nicht.
Bei einer NGO?
Nein, aber ich bin Facebook-Fan von Roger Federer und Jeffrey "the Dude" Lebowski.
Und wie ist Ihr Abstimmungsverhalten?
Jetzt könnte ich sagen, dass ich dies nicht unbedingt offenlegen muss, da ich nicht von Gebührengeldern bezahlt werde. Aber ich kann das schon beantworten: Ich bin Wechselwähler.
Das sagen Journalisten immer, wenn sie sich herausreden wollen. Gibt es eine Tendenz?
Tendenziell nicht links.
Mehr über den Protest-Aufruf des SSM lesen Sie im Interview mit Stephan Ruppen.
Interview: Edith Hollenstein