Frau Amanpour, wie lernt man Ihr Handwerk?
Ich war bereits drei Jahre bei CNN in New York, bevor ich 1990 ins Ausland geschickt wurde, in die ehemaligen Ostblockländer, wo erste Wahlen stattfanden. Das war ein weicher Start. Meine erste grosse Geschichte war der erste Golfkrieg. Ich flog, wie die meisten Journalisten, nach Dubai, wir wohnten alle im gleichen Hotel, weil die Telefonleitungen gut waren. Man konnte weder in den Irak noch nach Kuwait. Das war eine ziemliche Herausforderung. In Dubai passierte gar nichts, der Krieg fand in Kuwait statt, und ich hatte weder gute Informationen aus dem Irak noch aus Kuwait.
Was haben Sie den Zuschauern berichtet?
Genau das, was wir wussten und nicht wussten. Es dauerte zwei Wochen, bis die ersten Journalisten in den Irak konnten. Dann beschloss der Gipfel der Arabischen Liga in Kairo, Saudi-Arabien zu verteidigen, also reisten wir nach Saudi-Arabien. Und da fing unsere Geschichte an, als 500 000 alliierte Soldaten sich an der saudi-arabischen Grenze sammelten, um Saddam Hussein zu entmachten. Wir waren vier Monate lang täglich draussen in der Wüste und berichteten über militärische Vorgänge und persönliche Geschichten.
Sie lernten praktisch vor der Kamera?
So baut man nicht nur Wissen auf, sondern lernt auch, Informationen analytisch zu präsentieren. Es war der Anfang von CNN International, wir berichteten erstmals rund um die Uhr über Diplomatie weltweit, vom Uno-Sicherheitsrat in New York, aus Genf, aus Russland, aus Saudi-Arabien und Bagdad, und alle, nicht nur die Journalisten, hatten ein Gefühl von grosser Dringlichkeit. Und weil CNN so neu war und so anders berichtete, sahen alle CNN, in den USA, in Europa und im Nahen Osten. Es war Weltdiplomatie live.
Wie viel Angst haben Sie, wenn Sie in Kriegsgebieten arbeiten?
Schwierig zu sagen. Natürlich hat man Angst, wenn Bomben und Kugeln fliegen. Man will am Leben bleiben. Die Frage ist, wie man mit der Angst umgeht. Das hat mit Erfahrung, Zeit und Adrenalin zu tun. Jeder nennt uns Adrenalin-Junkies, aber Adrenalin hält uns am Leben. Wenn Adrenalin ausgestossen wird, ist man alert: Entweder man flieht vor der Gefahr, oder man stellt sich ihr.
Viele Kriegsreporter haben sich selbst als kriegssüchtig beschrieben.
Ich finde es das grösste Klischee über unseren Beruf, dass wir ohne Krieg nicht leben können. Es klingt so romantisch, so selbstbezogen zum Kotzen. Ich denke ganz anders darüber. Ich habe ein gesundes Leben, eine gesunde Familie, gesunde Freundschaften. Ich brauche nicht in Kriegsgebiete zu fahren, um mich lebendig zu fühlen. Natürlich gibt es langweilige Arbeit und aufregende Arbeit, und unsere Arbeit ist zweifellos aufregend. Ich würde sicher lieber für den Rest meines Lebens da draussen arbeiten als hinter einem Pult.
Was ist Ihre Motivation?
Mein Bedürfnis ist, diese Geschichten zu erzählen, weil ich wirklich glaube, dass die Geschichten dieser Leute erzählt werden müssen. Ungerechtigkeit macht mich wütend, die Behandlung von Frauen und Kindern als Bürger zweiter Klasse macht mich wütend, Armut macht mich wütend. Und je mehr Erfahrung ich in diesem Beruf habe, desto sicherer bin ich, dass Journalismus vor Ort eine Möglichkeit ist, zu ihrer Bekämpfung beizutragen. Das ist es, was mich motiviert, nicht die Aussicht auf Nervenkitzel. Krieg als Droge ich bitte Sie. Ein Mensch, der eben erschossen wurde, ist keine Droge, sondern etwas, wogegen man angehen muss.
Mord ist die häufigste Todesursache unter Kriegsreportern. Ohne lokale Sicherheitsleute können sie sich kaum noch bewegen. Das wiederum können sich nur noch wenige Medienunternehmen leisten.
Das hat sich völlig verändert. Heute können wir ohne enorm teuren Schutz fast nirgends mehr hinfahren. Das heisst, man ist umgeben von einer Horde von Sicherheitsleuten, die behaupten, einen zu schützen. Manchmal sind sie sehr hilfreich, weil sie auch Generatoren flicken können, manchmal haben sie uns wirklich geschützt. Aber es hat absurde Ausmasse angenommen und unseren Beruf entscheidend beeinflusst.
Tatsache ist, dass die Anzahl der Kriegsreporter immer geringer wird. Wer oder was kann sie ersetzen?
Viele glauben, dass Laien die Reporter ersetzen können. Das Resultat dieses social networking sieht man auf Twitter oder Facebook. Es sind individuelle Informationen, die man nicht überprüfen kann. Sie verschafften einen wichtigen und nützlichen Einblick, wo sie vorhanden waren, beispielsweise im Iran. In Haiti spielten sie praktisch keine Rolle. Aber man kann sich auf diese Informationen nicht verlassen. Es gibt keinen Ersatz für professionellen Journalismus, der Fakten checkt. Twitter oder Facebook sind ein Plus, niemals ein Ersatz.
Seit vergangenem September moderieren Sie auf CNN International täglich die Nachrichtensendung "Amanpour" aus New York. Wollten Sie einen ruhigeren Job?
Nein. Ich wollte nicht aus London weg. Aber mein Mann war meinetwegen nach London gezogen, als sein Job in der Clinton-Regierung 2000 beendet war. Es war klar, dass diesmal er dran war. Er wollte in die USA, um wieder Politik zu machen, deswegen bin ich umgezogen. Und ich musste hier eine Arbeit finden. Mein Sohn war neun, es wurde immer schwieriger, so lange auf Reisen zu sein, wie ich das früher getan hatte und wie ich das ehrlich gesagt noch immer gern tun würde. Aber das geht nicht mit einem Kind, wenn es grösser wird.
Mögen Sie die Studioarbeit?
CNN International wollte sein Programm verändern und bot mir eine Sendung an. Und ich hatte mir immer gewünscht, nicht nur Aktualität zu machen, sondern auch Zusammenhänge, Hintergründe, Nebenaspekte und menschliche Zusammenhänge hinter den dürren Fakten aufzeigen zu können. Ich dachte, die Studioarbeit würde etwas völlig Neues sein. Aber ich bin immer noch Reporterin, ob im Studio oder draussen. Ich interviewe Direktbeteiligte. In meiner Sendung kommen viel weniger Experten und Analytiker als die Players zu Wort, die Entscheidungen treffen. Und ich breche Interviews nicht nach drei Minuten ab, was in den USA die Standardlänge für News-Interviews ist.
Sie flogen erst zwei Wochen nach dem Erdbeben nach Haiti, mehrere Ihrer CNN-Kollegen waren längst vor Ort. Was war an Ihrer Berichterstattung anders?
Das letzte Mal war ich 1994 in Haiti gewesen, nach der US-Intervention, um Demokratie zurückzubringen. Wie wir alle wissen, verlief das Experiment nicht besonders gut. Und jetzt steht das Land wieder vor einer kaum lösbaren Aufgabe. Heute im Studio sehe ich die Langzeitperspektive besser: Ich bin der festen Überzeugung, dass Haiti nicht schon wieder ein neues Pflästerchen braucht, ein paar Wochen Aufmerksamkeit, weil es ein Katastrophengebiet ist. Es braucht einen geduldigen, ausgereiften Langzeitaufbau, eine Entwicklung als Nation. Und ich war wirklich erstaunt, dass alle traditionellen Geldinstitute von Weltwährungsfonds bis Weltbank mit Obama, Sarkozy, Brown und anderen übereinstimmten, dass es jetzt darum geht, ein Land aufzubauen, das auf eigenen Füssen stehen kann.
(Ein Interview von Freelancerin Beatrice Schlag, in ganzer Länge erschienen in der aktuellen "Weltwoche". Hier nachzulesen. Bild: CNN)
Christiane Amanpour
Ihr Gesicht und ihre energische Stimme mit dem britischen Akzent wurden weltweit bekannt, als Christiane Amanpour 1990 auf dem noch jungen 24-Stunden-News-Sender CNN über den ersten Golfkrieg berichtete. Seither bereiste sie für CNN alle Krisenregionen der Welt. Für ihre Berichterstattung über die Völkermorde in Bosnien und Ruanda erhielt sie zwei Emmys und Dutzende von Journalistenpreisen. 2007 wurde sie von Queen Elizabeth für ihre "höchst markanten, innovativen Beiträge" zum Commander of the Order of the British Empire (CBE) ernannt. Die Tochter einer Britin und eines Iraners wuchs in Teheran und London auf und studierte in den USA Journalistik. Im vergangenen Jahr gab die 52-jährige CNN-Chefkorrespondentin ihren Wohnsitz in London auf und zog nach New York, wo sie täglich die halbstündige Sendung "Amanpour" zu Auslandthemen moderiert.