80 Jahre nach seiner Gründung gehört der Beobachter zu den erfolgreichsten Zeitschriften der Schweiz. Sein Modell, das engagierten Journalismus für Benachteiligte mit professioneller Leserberatung verbindet, hat sich bewährt. Doch kämpft der Traditionstitel heute auch gegen die Überalterung seiner Leserschaft, die Reichweite des Blatts stagniert. Im Interview mit "persoenlich.com" sagt Chefredaktor Balz Hosang, weshalb er an den Grundfesten der Institution Beobachter trotzdem nicht rütteln will.
Herr Hosang, der Beobachter wird in diesem Jahr 80. Steht er heute genauso für die Schwachen ein wie früher?
Unsere Grundhaltung gegenüber den Schwachen bleibt dieselbe. Aber die Schwachen sind nicht mehr die gleichen wie früher. Die Fragestellungen des Beobachters haben sich deshalb verändert.
Wer sind denn heute die Schwachen, für die es zu kämpfen gilt?
Eine wichtige neue Problematik ist heute sicherlich der Datenschutz. Es sind auch neue Abhängigkeiten z.B. im Bereich des Gesundheitswesens und der Justiz entstanden. Die Grundpositionierung des Beobachters bleibt unverändert: Wir sind auch heute kein Instrument der Mächtigen im Land.
Der Beobachter hat sich einen Namen geschaffen, mit Geschichten, die das ganze Land bewegten. Heute ist dies nicht mehr so. Ist das Blatt zahmer geworden?
Wenn ich schaue, wie viele Dossiers von Rechtanwälten bei mir auf dem Tisch liegen, und wie viele Gerichtsverfahren gegen uns angestrengt werden, dann hat sich nicht viel verändert. Im Gegenteil: Unser Kampf ist heute intensiver, als er je war.
Mit welchen Geschichten konnte der Beobachter in letzten Jahren landesweit für Aufsehen sorgen?
Unsere Kritik am Spital Fribourg wurde in diesen Tagen von allen Zeitungen im Land aufgenommen. Im Dezember wurde gar mit einer superprovisorischen Verfügung versucht, die Auslieferung des Beobachters zu stoppen. Wir haben trotz grösstem Widerstand darüber berichtet, wie die Bauunternehmer Bauherren über den Tisch ziehen. Zum Skandal um die "Kinder der Landstrasse", den der Beobachter in den siebziger Jahren aufgedeckt hat, zeigen wir in der Jubiläumsnummer die damit verwandte Problematik auf, dass auch ledigen Mütter die Kinder weggenommen wurden. Das hat bislang niemand geschrieben. Auch diese Geschichte hat einen parlamentarischen Vorstoss ausgelöst und wird das Adoptionsrecht verändern.
Ist das einstige Kampfblatt für die Schwachen heute nicht in erster Linie eine Konsumzeitschrift?
Der Beobachter ist beides. Es ist nicht nur eine Kernkompetenz des Beobachters, Missstände zu benennen, sondern auch nach Lösungen zu suchen, um diese zu beheben.
Der Beobachter wird doch heute vor allem als Ratgeber abonniert, und nicht wegen seiner harten Recherche-Geschichten?
Das stimmt nicht. Wir hätten allein mit den Reaktionen auf die superprovisorische Verfügung ein halbes Heft füllen können. Die Fülle an Leserbeiträgen zeigt uns, dass ein grosser Teil unserer Leser den Beobachter abonniert, weil wir eben die Konfrontation nicht scheuen.
Die Leserschaft des Beobachters wird immer älter. Ist dies ein Problem für den Titel?
Wir sind glücklich, dass wir eine sehr treue Leserschaft besitzen. Wir haben in den letzten Jahren aber in der Tat zu wenig unternommen, um die Leserstruktur zu verjüngen. Wir besitzen zwar rund 300'000 Leser im Alter von unter 35 Jahren, aber längerfristig könnte die Überalterung zum Problem werden. Ab Frühling bauen wir das Heft deshalb aus, ein spezieller, zusätzlicher Teil wird sich ab dann dem Thema Familie widmen.
Reicht das?
Eine Yuppie-Zeitschrift wird der Beobachter nie werden. Er stellt gewisse Anforderungen an den Leser. Aber unsere Sprache ist einfach und wird auch von den Jugendlichen verstanden. Bereits vor zwei, drei Jahren haben wir begonnen, die Problematik des Berufseinstiegs stärker zu behandeln. Hier sind wir also durchaus präsent. Zugleich betreiben wir ausserhalb des Heftes für das jüngere Publikum auch eine Medienpartnerschaft mit DRS 3.
Weshalb wurde die Kooperation mit der SF-Sendung "Quer" aufgelöst?
Ich war der Vater dieser Zusammenarbeit. Ich habe -- damals noch beim Schweizer Fernsehen -- das Sendekonzept für "Quer" geschrieben und die Sendung in der Startphase geleitet. Die Kooperation funktionierte während zehn Jahren bestens. Nun tut es uns leid, dass das Sendekonzept geändert wird. Das Format wird kürzer, die Ausrichtung ändert sich. Wir werden mit "Quer" jedoch auch künftig pragmatisch zusammenarbeiten, das steht ausser Diskussion.
Das Beratungszentrum des Beobachters kostet viel Geld, bringt dem Titel aber mit Ausnahme der Leserbindung kommerziell nichts ein. Wird das Modell längerfristig Bestand haben?
Ich habe diese Frage Mathias Döpfner, dem CEO des Axel Springer Verlags, auch gestellt. Er sagte mir eindeutig: 'Ja, weil es die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg ist.' Unser Beratungszentrum alimentiert uns intern mit Fachwissen, liefert uns Geschichten, bestreitet zu einem grossen Teil unsere Medienpartnerschaften und unterstützt den Buchverlag. Es stellt damit einen wichtigen Teil unseres Erfolgsrezeptes dar -- auch wenn es teuer ist.
Wie teuer?
Über drei Millionen Franken pro Jahr. Was man aber auch sehen muss: Der Beobachter hat -- nicht zuletzt dank der Beratung -- eine sensationell hohe Lesertreue. Über 90 Prozent unserer Abonnenten lösen den Beobachter wieder ein. Ich glaube kaum, dass es hierzulande einen Titel gibt, der auf einen ähnlich hohen Wert kommt.
Die Beratung ist ein echter Mehrwert für den Beobachter. Nur: Warum soll man für diese Leistung künftig kein Geld verlangen?
Jahrelang galt: Für das Jahresabonnement des Beobachters (für derzeit bescheidene76 Franken) erhält der Leser alle zwei Wochen ein Heft -- und Rat, wenn er ein Problem hat. Das ist ein erfolgreiches, sinnvolles Geschäftsmodell. Wir stellen allerdings fest, dass ein grosses Bedürfnis nach einer vertieften Beratung vorhanden ist. Viele würden lieber zu uns kommen, als sich auf einen Anwalt verlassen zu müssen. Wir überlegen uns, ob wir diese vertiefte Beratung, die dann auch kosten würde, aufbauen wollen. Die kostenlose telefonische Beratung jedoch wollen wir unseren Lesern nicht wegnehmen.
Abschlussfrage: Gibt es mit Springer Bestrebungen, das Erfolgsmodell Beobachter auch ins Ausland zu exportieren?
Ich habe von Seiten der Springer-Konzernleitung ein ausserordentlich grosses Interesse am Beobachter verspürt. Ich zweifle jedoch daran, dass es gelingen könnte, das Modell Beobachter von oben nach unten zu implementieren. Wäre dies so einfach, hätte man den Beobachter auch in der Schweiz längst kopiert. Unsere Stärke ist historisch gewachsen; wir sind tief in der Leserschaft verankert. Im Falle einer Neulancierung würde eine personell stark besetzte Beratung die Redaktion wohl kostenmässig zu stark belasten. Realistisch erscheint mir jedoch ein günstigeres Modell, das ausschliesslich auf Online-Beratung setzt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich der eine oder andere Springer-Titel im Ausland durchaus für unsere Technologie interessiert.