"Unsere Leser wünschen sich eine Wirtschaftszeitung mit einem klaren Profil und mit Biss"

- Seit 150 Jahren gibt es die "Handelszeitung". Heute Mittwoch feiert die von Axel Springer Schweiz herausgegebene Zeitung ihr grosses Jubiläum. Im Interview mit "persoenlich.com" erklären Ralph Büchi, CEO von Axel Springer Schweiz (Bild), und Chefredaktor Beat Balzli, welche Rolle die grösste Wirtschaftspublikation der Schweiz heute spielt, warum man kritischer an die Themen ran geht und was die Wirtschaftselite künftig erwarten darf. Das Interview:

Herr Büchi, die Schweizer Wirtschaft steht nach der Krise wieder gut da. Ist das Jahr 2011 also ein ideales Jahr, um als führende Wirtschaftszeitung ein so wichtiges Jubiläum zu feiern?

Das Datum eines Jubiläums sucht man sich ja nicht aus. Tatsächlich hat sich die Wirtschaftspresse aber wieder gut von der Finanzkrise erholt. Nachdem bereits 2010 für die "Handelszeitung" ein erfreuliches Jahr war, stimmen die ersten Monate 2011 zunehmend optimistisch. Dazu beigetragen hat sicherlich die fundamentale Neuausrichtung der Zeitung, die vom Leser- und Werbemarkt sehr gut aufgenommen worden ist.

Die "Handelszeitung" gehört zu den ältesten Zeitungen der Schweiz. Was war sie, als sie 1861 startete, was ist sie heute?

Die "Handelszeitung" war immer das Spiegelbild der wirtschaftlichen Epoche, in welcher sie erschien. Mitte des 19. Jahrhunderts spielten beispielsweise die privaten Eisenbahngesellschaften eine wichtige wirtschaftliche Rolle, deshalb hiess sie damals noch "Schweizerische Eisenbahn- und Handelszeitung". Heute muss die "Handelszeitung" ihre Rolle im digitalisierten Informationsumfeld definieren, und da hat sie als Wochenzeitung klare Vorteile. Die stündlichen und täglichen News werden auf den digitalen Kanälen in "real time" angeboten - auch auf handelszeitung.ch und dem neu lancierten Online-Wirtschaftsnetz von Axel Springer Schweiz. Die Wochenzeitung hingegen bietet ergänzend Recherche, Analyse, Vertiefung und Lesevergnügen. Deshalb wird die wöchentliche Print-Ausgabe der "Handelszeitung" auch in Zukunft weiterhin eine tragende Rolle spielen.

Was sind die wichtigsten Änderungen, welche die "Handelszeitung" im Laufe ihrer Geschichte durchgemacht hat?

Die unterschiedliche Gewichtung der Branchen im Lichte des wirtschaftlichen Wandels, das langsame Erwachen eines eigentlichen Wirtschaftsjournalismus bis hin zum investigativen, absolut faktentreuen Recherchejournalismus von heute, die Personalisierung der Themen, die Entwicklung der Beilagen und Specials, der Boom der Farbanzeigen ab den 80er-Jahren - die Liste liesse sich beinahe endlos verlängern. Inhalt und Präsentation der "Handelszeitung" von heute ist mit Ausgaben vor 30, 50 oder gar 100 Jahren kaum mehr zu vergleichen.

Hat sich die Leserschaft, die heute die "Handelszeitung" liest, im Laufe der Jahre stark verändert?

Ja sicher, parallel zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Eines ist aber gleich geblieben: Die Leserinnen und Leser der "Handelszeitung" gehörten immer zu den meinungsbildenden und bestverdienenden Führungspersönlichkeiten in der Schweizer Wirtschaft. Apropos Leserinnen: Vor 150 Jahren zählte die "Handelszeitung" gewiss noch nicht annähernd 30 Prozent weibliche Leser!

Ein solches Jubiläum ist sehr speziell. Bestimmt haben Sie sich ein hübsches Geschenk für Ihre Mitarbeiter ausgedacht?

Zuerst organisieren wir am 11. Mai einen festlichen Empfang für die Top-Führungskräfte der Schweizer Wirtschaft, stellvertretend für unsere gesamte Leserschaft und unsere Werbekunden. Am 4. Juni offeriert die "Handelszeitung" als Medienpartner der Zürcher Bach-Tage 150 Leserinnen und Lesern ein grosses Bach-Konzert im Zürcher Grossmünster, und im zweiten Halbjahr haben wir natürlich auch noch eine Überraschung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der "Handelszeitung" im Köcher.

Werden am Jubiläumsfest alte und neue Heftmacher gemeinsam anstossen?

Selbstverständlich haben wir auch die früheren Chefredaktoren an den Empfang vom 11. Mai eingeladen.

Herr Balzli, sie sind seit Oktober neuer Chef der "Handelszeitung". Was waren Ihre wichtigsten Entscheidungen, die sie treffen mussten?

Vielen wichtige Entscheidungen habe ich schon vor meinem offiziellen Antritt gefällt, da der Relaunch der neuen "Handelszeitung" bereits für den 20. Oktober geplant war. Parallel zu meiner Spiegel-Tätigkeit entwarf ich zusammen mit einem Kernteam der Redaktion ein neues Konzept für die Zeitung. Es ging darum, die Handelszeitung zu einer echten Wochenzeitung umzubauen. Fernab des täglichen Inforauschens sollte die "Handelszeitung" künftig keine Bäume mehr zählen, sondern den Wald erklären. Das bedingte eine neue Struktur, ein neues Fotokonzept, ein angepasstes Layout sowie eine inhaltliche Neuausrichtung.

Wie kommt das neue Konzept an?

Die Resonanz ist mehrheitlich sehr positiv. Mit konkreten Zahlen kann ich aber leider noch nicht dienen.

Wie gut sind Sie mit der Vergangenheit der "Handelszeitung" vertraut?

Inzwischen bin ich relativ gut damit vertraut. Die Arbeit an der Sonderbeilage für das 150 Jahre Jubiläum ermöglichte mir einen sehr tiefen Einblick in die Geschichte der Handelszeitung. Das Leben des Zeitungsgründers Friedrich von Rothkirch hat mich dabei besonders beeindruckt. Seine Unabhängigkeit im Denken ist als Vermächtnis moderner denn je.

Haben Sie das Gefühl, dass die Prominenz aus Wirtschaft sich und ihre Probleme in der "Handelszeitung" heute wiedererkennen?

Ich glaube, dass wir eine moderne Wirtschaftswochenzeitung machen, die eine breite, wirtschaftsaffine Leserschaft mit klugen Analysen, Hintergrundberichten und exklusiven Firmengeschichte fesselt. Das interessiert sicher auch die Prominenz der Wirtschaft, die zudem jede Woche im grossen HZ-Gespräch ausführlich zu Wort kommt. Aber man darf nie vergessen, dass die "Handelszeitung" auch in der Welt der KMU fest verankert ist. Ihre Probleme sind uns ebenfalls ein sehr wichtiges Anliegen.

Es fällt auf, dass die "Handelszeitung" heute kritischer und härter an die Themen ran geht. Denken Sie, das schätzen Ihre Leser, die in den Verwaltungsratszimmern und Chefbüros sitzen, auf Dauer?

Ich denke, dass gerade unsere anspruchsvollen Leser sich eine Wirtschaftszeitung mit einem klaren Profil und mit Biss wünschen. Es liegt in der Natur der Sache, dass manchmal auch über unbequeme Wahrheiten geschrieben werden muss.

Wo möchten Sie mit der "Handelszeitung" in fünf Jahren stehen?

Ich hoffe, dass die "Handelszeitung" bei Wirtschaftsthemen zu den Meinungsführern in der Schweiz gehört.

Abschlussfrage: Was halten Sie als Wirtschaftsjournalist eigentlich von der Aussage eines prominenten Kollegen "kritische Unternehmensberichterstattung sei unnötig, da die Unternehmen durch ihre Mitbewerber kontrolliert würden"?

Diese Ansicht kann ich nicht teilen. Unternehmen prägen heute das öffentliche Leben auf unterschiedlichsten Ebenen. Es ist Aufgabe der Medien, diese verschiedenen Rollen zu würdigen und mitunter unbequem zu hinterfragen.

(Interview: Christian Lüscher)