Verleger Urs Gossweiler im Interview

- "Wir erhalten ständig Bewerbungen."

Verleger Urs Gossweiler will mehr: Nachdem er mit der "Jungfrau Zeitung" und der "ONZ" bereits zwei Mikrozeitungen lanciert hat und erfolgreich führt, hat er nun die Stadt Zürich im Visier. Gleich 12 Quartierblätter sollen im Dezember 2012 an den Start gehen. Dazu sucht er derzeit nicht weniger als 180 Journalisten und Verlagsspezialisten. persoenlich.com hat sich mit dem umtriebigen Unternehmer über sein neustes Projekt unterhalten. Das Interview:

Nach Jungfrau-Region, Obwalden und Nidwalden wollen Sie mit "Mikrozeitungen" die Stadt Zürich erobern. Wie sieht das Konzept genau aus?

Auch in Zürich wird jede einzelne Mikrozeitung hundert Prozent lokale Inhalte permanent auf den relevanten Plattformen wie Web, Mobile, iPad und iPhone publizieren. Darüber hinaus wird dieser Newsfluss zwei Mal pro Woche als Mehrbund-Zeitung auf Papier ausgegeben. Damit bieten wir nahe Informationen und zielgruppengerechte, multimediale Werbeplattformen ohne Streuverlust. Die Mikrozeitung ist eine Antwort auf Google local und eine Ergänzung zu den hervorragend gemachten drei Tageszeitungen ("Tagi", "NZZ" und "Blick") in Zürich.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Wurde es Ihnen langweilig auf dem Land?

Die Familie Gossweiler ist ein altes Zürcher Zunftgeschlecht. Meine Mutter ist auf dem Papier zwar Appenzellerin, jedoch an der Schaffhauserstrasse aufgewachsen. Meine Eltern haben 1966 in der Stadt Zürich geheiratet und wir "mussten" als Kind bereits vor dem Kindergartenalter alle Tramlinien auswendig lernen. Mein Götti wohnt in Zürich, meine Gotte in Männedorf. Viel wichtiger aber ist etwas anderes: Die Stadt Zürich verfügt über neun Wahlkreise. Drei davon haben exakt gleich viele Einwohner wie der Mikrokosmos Jungfrau. Die übrigen unwesentlich mehr oder weniger. Darüber hinaus ist Zürich international hoch angesehen und ist somit ein hervorragendes Schaufenster für unser Modell, das insbesondere im Ausland auf grosse Resonanz stösst.

Es ist nach der "ONZ" bereits die zweite Expansion. Läuft das Geschäft so gut?

Die ONZ bespielt die Kanäle seit dem Start während sieben Tagen pro Woche in hoher Qualität. Noch nie ist eine gedruckte Version ausgefallen und die Kosten haben wir mehr als im Griff. Bei den Abonnenten müssen wir in fünf Jahren auf 10'000 Haushalte kommen, ein Jahr nach Start bereits ist ein Drittel erreicht. Die Zugriffe auf die elektronischen Devices steigen von Monat zu Monat und übertreffen unsere Erwartungen. Einzig im Werbemarkt erreichen wir erst zwei Drittel der gesteckten Ziele. Aber auch hier werden wir das Ziel erreichen. Ja, wir sind auf Kurs.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Konzentration auf das Lokale und dieses mit einem integrierten System konsequent multimedial zugänglich machen. Sowohl bei den publizistischen als auch den kommerziellen Inhalten.

Das Modell "Mikrozeitung" funktioniert bis jetzt in eher ländlichen Regionen. Warum soll das Modell auch in der grössten Schweizer Stadt gelingen?

Die Stadt Zürich ist die Summe von ehemals stolzen Gemeinden wie Höngg, Seebach, Wollishofen oder Affoltern. Seit einigen Monaten bin ich Wochenaufenthalter im Kreis 6. Dort gibt es einen eigenen Fussballclub, den FC Unterstrass, ein jährliches Kulturevent mit tausenden Besuchern, das Stolze Open Air, von jeder Partei eine eigene Sektion mit Vorstand und eigenen Wahllisten sowohl auf kommunaler als auch kantonaler Ebene. Es gibt Frauenzmorgen in der Kirche, Yogakurse, Jassabende oder Debatten über Strassenerschliessungen und Kehrichtabfuhren. Genau gleich wie an meinem Hauptwohnsitz in Brienz.

Gibt es in den Stadtquartieren überhaupt die nötige Identifikation der Bewohner mit Ihrem Kreis?

Wer die Statistiken betrachtet, wer wo hin umzieht in Zürich, der stellt eine enorme Schollenverbundenheit fest. Fast nie zieht jemand von links der Limmat nach rechts. Mehrheitlich ziehen die Leute innerhalb des Kreises oder in den Nachbarkreis um. Früher waren die Zünfte zuständig für die Zugehörigkeit, heute ist es der Kreis und innerhalb dessen das Quartier.

Lanciert werden sollen die 12 Zürcher Plattformen (9 Wahlkreise, je 1 für die beiden Züriseeufer und 1 für den Raum Dietikon) am 12.12.2012 um 12 nach 12. Warum genau dann?

Weil wir ein Jahr Vorlaufzeit benötigen, wenn wir alle Plattformen gleichzeitig bedienen wollen.

Wieviele Personen sollen für die Zeitungen arbeiten? Haben Sie schon mit der Rekrutierung begonnen?

Pro Mikrozeitung benötigen wir acht Journalisten, vier Verlags- und drei Produktionsspezialisten. Insgesamt also 12 x 15 Leute. Für Wunschkandidaten führen wir bereits Listen. Ständig kommen weitere Bewerbungen.

Suchen Sie vor allem Zürcher für das Team oder ist Quartierkenntnis zweitrangig?

Aufgrund der Erfahrungen bei der Jungfrau Zeitung und der ONZ Obwalden und Nidwalden Zeitung ist beides nötig. Kenntnisse vor Ort und der Blick von Aussen.

Wie steht es mit der Finanzierung des Projekts?

Die Gespräche mit Investoren sind im Gang.

Ihr Plan ist gemäss dem "Tages-Anzeiger" vom Montag ein Frontalangriff auf den Tamedia-Verlag, die NZZ mit ihrem "Tagblatt der Stadt Zürich" sowie auf SVP-Vizepräsident Walter Frey, der mit seiner Lokalinfo AG ebenfalls Quartierjournalismus betreibt. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Dass unser Modell ein Frontalangriff sein soll ist Interpretation der "SonntagsZeitung". Wir verstehen uns eher als Antwort auf Google local.

Wie heben Sie sich von der Konkurrenz ab?

Indem jede Mikrozeitung das Privileg hat, sich auf Ihre klar definierte Zielgruppe konzentrieren zu können. Und das in allen Belangen.

(Interview: Corinne Bauer)