Verlegertreffen in Moskau mit Tücken

- Das 59. Treffen des Weltverbands der Zeitungsverleger startete diesen Montag im Kreml mit gleich zwei Eclats: Putin kam zu spät und Demonstranten hatten sich unerkannt eingeschlichen. Zudem nutzten vierzig Schweizer Medienvertreter den Anlass zum Austausch und zum Pläne schmieden. Zeitungen gab es an diesem Zeitungskongress keine. Niemand konnte sich erklären, ob sie der Zensur oder der Bürokratie zum Opfer gefallen waren.

Dass der Kongress in Moskau stattfinden sollte, war stark umstritten, da die Meinungsfreiheit in Russland stark eingeschränkt ist. Trotzdem kam man zur Auffassung, dass man gerade darum nach Moskau gehen sollte. Dass die Regierung von der Presse tatsächlich nicht viel hält, stellte Präsident Wladimir Putin gleich unter Beweis. Er liess die 1700 Medienschaffenden zwei Stunden warten. Die Zeit dazwischen hatte Stardirigent Wladimir Spiwakow vom Russischen Nationalen Philharmonie-Orchester aufzufüllen.

Als Putin dann endlich doch noch kam, sprang ein halbes Dutzend Demonstranten von den Stühlen, um Putin zu beschimpfen. Das Publikum erschrak. Bodyguards kämpften sie nieder, doch die Kameras hatten ihre Bilder. Putin liess sich nichts anmerken. Verbandspräsident Gavin O'Reilly kritisierte die mangelnde Pressefreiheit im Land, die Zensur und Selbstzensur. Die Anklage wirkte fast unhöflich, ist aber Usus im Weltverband. Präsident Putin hörte gelassen zu und meinte, die Pressefreiheit sei nur ein Teil der Aufgaben, die anstünden. Man müsse eine Balance der Interessen von Oekonomie und Gesellschaft erwirken.

Der Kongress

Der Kongress fand sodann im angrenzenden Kongresszentrum statt. Manche Vortragsredner benutzten ihre Präsentation für Eigenwerbung. Wirklich Neues gab es selten. Die beiden besten Vorträge waren die von Carolyn McCall, CEO vom Guardian und Observer, und Martin Kall, Tamedia-Chef. Beide machten nicht bloss Werbung für ihre Medienhäuser, sondern zeigten strukturelle Entwicklungen ihrer Häuser auf. Frau McCall erwirkte in nur zwölf Monaten eine komplette Umstellung des Guardian aufs Berliner Format. Sie zeigte auf, was dies bedeutete: für den Druck, die Kommunikation nach innen, gegenüber der Werbung und der Öffentlichkeit. Heute gilt der Guardian weltweit als die Zeitung mit dem besten Design.

Martin Kall stellte die Euphorie der Tamedia nach dem Börsengang dar und wie bedrohlich der Einbruch danach war. Tamedia baute daraufhin rund ein Drittel der Mitarbeiter ab, investierte aber in den Print, -- in 20 Minuten und in die Regionalisierung. Heute weist das Zürcher Medienhaus auch dank erholtem Stellenanzeiger wieder satte Gewinnen aus. Beide Interviews sind im nächsten "persönlich rot" nachzulesen.

Die Schweizer

Von den Schweizern wurden die Verleger der Häuser Tamedia, Südostschweiz, Schaffhauser-Nachrichten, Mittelland-Zeitung, Neue Luzerner Zeitung, Zürichsee-Zeitung gesichtet. Hans-Heinrich Coninx und Hanspeter Lebrument scheinen sich wieder zu vertragen nach dem Distributionskrimi um die Sonntagsausgabe der Südostschweiz. Sie assen am Sonntag zu Abend mit Holtzbrinck-Chef Michael Grabner und Vorarlberger-Chef Eugen Russ. Peter Hartmeier kam haarscharf in den Genuss eines Interviews mit Präsident Putin. Es klappte dann aber doch nicht, dafür kam er im Mausoleum Lenin nahe. Pietro Supino, der sich auf seine Aufgabe als Tamedia-Präsident vorbereitet, sammelt weltweit Erfahrungen, demnächst in New York.

Daniel Kaczynski, der auch zur Tamedia-Familie gehört und sein Amt als Schweizer Presse-Chef abgibt, fand Gelegenheit, sich mit seinen Verwandten abzusprechen. Norbert Neininger, Russland-erprobt durch viele Besuche in den achtziger Jahren, findet heute Grossmacht-Strategien weniger gefährlich als Regionalisierungs-Strategien. Jürg Weber konnte nicht genug bekommen von Russland und reiste nach der Ankunft in Zürich gleich ins Bellerive Museum zu den Fabergé-Eiern weiter. Peter Wanner tauschte sich rege aus mit einem asiatischen Verleger. Tobias Trevisan will immer noch nichts sagen über seine Frankfurt-Strategien.

Hans-Peter Rohner empfindet das Geschäften in China und Indien viel ungefährlicher als in Russland. Und Martin Kall, der seine Rede nicht nur in einwandfreiem Englisch vortrug, sondern auch billig mit der Aeroflot flog, musste am Flughafen gewärtigen, dass sein Rückflug in die Schweiz nicht um acht Uhr am Morgen, sondern am Abend war. Der Tamedia-Chef musste dann doch noch auf die teure Swiss umschwenken. PS: Noch früher, und täglich, war "persönlich rot"-Chefredaktor Matthias Ackeret unterwegs, der jeweils um sechs joggenderweise den Kreml umkurvte.