Frau Anliker, zentral+ ist ein neues gratis Onlinemedium aus der Zentralschweiz (persoenlich.com berichtete). Betreiben Sie eine neue Version von 20minuten.ch?
Nein, gar nicht. Wir liefern ja keine News, sondern setzen auf Hintergrundinformationen.
Die LZ-Medien, die unter anderem die 'Neue Luzerner Zeitung' herausgeben, sind in Ihrer Region das etablierte Medienhaus. Wie kommen Sie darauf, dass die Leser etwas Neues wollen?
Zum einen ist in Luzern und Zug der Unmut über die Medieneinseitigkeit in den letzten Jahren gewachsen. Wir setzen uns dafür ein, wieder mehr Medienvielfalt in die Zentralschweiz zu bringen. Und die Leser wollen das auch. Zum anderen wissen wir, dass viele Leser genug vom Häppchenjournalismus haben und hintergründige Artikel vermissen. Das zeigt auch eine Untersuchung der Stiftung für Öffentlichkeitsarbeit. Bei zentral+ ignorieren wir aber die Aktualität nicht – wir wollen ja nicht am Leser vorbeischreiben –, aber wir fokussieren sie auch nicht. Wir nehmen Themen auf, welche die Menschen in der Zentralschweiz bewegen, und wir setzen eigene Themen.
Finden Sie die Medien grundsätzlich zu News lastig? Werden News generell überbewertet?
News sind nicht überbewertet, nein, ich bin ja selbst ein Newsjunkie. Es braucht aber einen Ausgleich zum Newsjournalismus. Natürlich vernachlässigen nicht alle Medien Hintergrundinformationen, aber grundsätzlich sind sie getrieben von Aktualität und haben zu wenig Ressourcen für hintergründige Berichterstattung.
Ist online das richtige Mittel für Hintergrundinformationen?
Online gilt bisher vor allem als Schnellmedium. Wir sehen das als Chance, weil wir uns auf ein noch unbesetztes Terrain begeben. Online und Hintergrund schliesst sich nicht aus, die Leute müssen sich nur daran gewöhnen.
Abgesehen vom Hintergrund: Was unterscheidet Sie von anderen regionalen Onlineausgaben?
Wir setzen stark auf den Dialog mit den Userinnen und Usern. Durch den Austausch merken wir, wo die Leute stehen, was sie bewegt und was geschieht. Und wir erhalten direkte Rückmeldungen auf unsere Arbeit. Jede und jeder kann Mitglied unserer Community werden. Wer sich anmeldet, hat die Möglichkeit, unsere Artikel zu kommentieren und zu bewerten sowie Bilder hochzuladen. Die Resonanz ist bisher gut. Wir werden den Community-Bereich aber noch weiter ausbauen und fördern.
Social Media ist doch aber bei Zeitungen und Magazinen nichts Neues.
Das stimmt, aber die meisten Medien nutzen Social Media standardisiert, Meldungen über Neuigkeiten werden automatisch generiert Bei diesen Medien geht es eher darum, dass die Leser Artikel via Twitter und Facebook weiterempfehlen. Auch wir fördern das, gleichzeitig haben wir den Anspruch, über Social Media den persönlichen und dialogorientierten Kontakt mit unseren Usern herzustellen.
Wer steckt hinter zentral+?
Herausgeberin ist die MMV online AG, die von Geschäftsführer Christian Hug geführt wird. Ich bin Co-Redaktionsleiterin von Zentralplus, eine zweite Redaktionsleitung für Luzern wird derzeit noch gesucht. Verwaltungsrats-Präsident ist der Zuger Unternehmer Nick Mijnssen. Unterstützt werden wir ausserdem durch einen Verein unter der Leitung von Heidi Rebsamen sowie einer in Gründung befindlichen Stiftung. Diesen beiden Gremien gehören Exponenten aller grösseren Parteien aus Zug und Luzern an.
Ihre Onlinezeitung deckt den Raum Luzern-Zug ab, den grössten Wirtschaftsraum der Zentralschweiz.
Das Einzugsgebiet zwischen Luzern und Zug ist gross, weshalb sich Verwaltungsrat und Geschäftsleitung entschieden haben, dort anzufangen. Längerfristig ist geplant, unsere Berichterstattung auf die ganze Zentralschweiz auszudehnen. Eine Marktanalyse bestätigt uns, dass das Potential vorhanden ist.
Ist Print auch ein Thema?
In der Konzeptphase wurden verschiedene Optionen geprüft, so auch eine ergänzende Print-Ausgabe. Die Kostenstruktur sowie das veränderte Medienverhalten haben jedoch zu einem Verzicht geführt.
zentral+ nennt sich 'das unabhängige Online-Magazin'. Was bedeutet 'unabhängig'?
Wir sind unabhängig von einem grossen Verlagshaus. Und wir gehen in Sachen Themen und Position nicht in eine Richtung. Wir bedienen die Interessen der breiten Zentralschweizer Bevölkerung, nicht jene von Interessengruppen.
Beschreiben Sie Ihre Zielgruppe.
Unser Publikum ist neugierig und denkt differenziert. Es ist eher urban orientiert - altersmässig möchte ich die Zielgruppe nicht eingrenzen. Die Leser sind ausserdem Dialog interessiert, schätzen eine unabhängige Meinung und haben hohe Qualitätsansprüche. Wir möchten sowohl junge Leser der Gratiszeitungen ansprechen wie auch NZZ-Leser.
Hat Ihr Magazin ein Vorbild?
Die US-amerikanische Onlinezeitung 'The Huffington Post' ist ein gutes Vorbild. Sie setzt auf Aktualität und Hintergrund und ist in Sachen Social Media sehr stark. Technisch arbeiten wir mit der 'Tageswoche' zusammen. Wir nutzen das gleiche Content Management System und nutzen auch Synergien bei Hosting und Content Partnern. Vom Konzept her ist die 'Tageswoche' jedoch nicht mit uns zu vergleichen, da sie wöchentlich zusätzlich ein Printprodukt herausgibt.
Im Lokaljournalismus sind stets Reporter irgendwo unterwegs. Ihr Team ist allerdings sehr klein. Arbeiten Sie mit vielen Freelancern?
Unsere Redaktion besteht momentan aus vier Leuten: zwei erfahrenen Journalisten, einem Praktikanten und mir. Es ist tatsächlich eine grosse Herausforderung, mit diesem kleinen Redaktionsbestand eine gewisse Anzahl von Artikeln zu erarbeiten, so dass unsere Seite aktuell und mit Inhalt gefüllt ist. Unser erklärtes Ziel ist es, täglich einen neuen Artikel online zu stellen. Doch derzeit ist dies mit den vorhandenen Ressourcen nicht möglich. Auch deshalb sind wir auf die Zusammenarbeit mit freien Journalisten angewiesen.
Werden Sie Ihr Team bald erweitern, wenn die Userzahlen stimmen?
Im März beginnt ein zusätzlicher redaktioneller Mitarbeiter. Daneben suchen wir derzeit erfahrene Redaktoren mit einem guten Netzwerk in der Region Luzern / Zug, aber auch gute Leute für den Verkauf.
Sie selber waren zuvor stellvertretende Chefredaktorin des LZ-Titels 'Neue Zuger Zeitung'. Welchen journalistischen Hintergrund haben Ihre Redaktionsmitarbeiter?
Unsere beiden festangestellten Redakteure Sandra Monika Ziegler und Robert Müller sind gestandene Journalisten mit Erfahrungen in Print und TV. Sandra Monika Ziegler war beispielsweise massgeblich am Aufbau der Lokalredaktion von 20minuten und .ch in Luzern beteiligt. Robert Müller war zuvor Redaktor beim Schweizer Fernsehen SRF.
Ihre Zeitung ist gratis. Schaffen Sie es, sich allein mit Werbung zu finanzieren? Oder hat der Verlag noch andere Standbeine?
Ja, bis auf weiteres ist das Online-Magazin kostenlos. Es ist leider so, dass heute kaum jemand nur durch den Verkauf von Werbung leben kann, sondern zunehmend alternative Finanzierungsquellen erschlossen werden müssen. Wir rechnen damit, in fünf Jahren erstmals schwarze Zahlen zu schreiben. So lange benötigen wir Unterstützung durch den Verein sowie Zuwendungen durch Stiftungen und Gönner.
Wie gewinnen Sie Leser? Wie machen Sie auf sich aufmerksam?
Aktuell läuft noch unsere Launch-Kampagne bei verschiedenen Online-Medien. Daneben sind wir sehr aktiv auf Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook und setzen auf den Verein, der als Sprachrohr gegen aussen dient.
Welche Reaktionen erhalten Sie auf das neue Onlinemagazin?
Die Reaktionen sind sehr positiv und wohlwollend – auch schon vor der Lancierung. Die Leute begrüssen es, eine Alternative zu den bereits bestehenden Medien zu erhalten. Es gibt auch Kritik, man kann nie alle Erwartungen erfüllen. Manche fragen sich aber auch, ob ein Projekt wie zentral+ längerfristig existieren kann.
Es ist mutig, in dieser medienwirtschaftlich schwierigen Zeit ein neues Medium zu schaffen. Ist Ihnen nicht etwas mulmig?
Es ist eine Herausforderung, ja, aber mulmig ist mir deswegen nicht. Im Gegenteil, ich spüre Abenteuerlust und bin überzeugt, dass es zentral+ braucht. Wir glauben daran, dass wir auch längerfristig bestehen werden.
Was sehen Sie als Ihre Mission?
Unser Ziel ist, dass sich zentral+ als weiteres Medium in der Zentralschweiz etabliert und dass wir unsere Userzahlen sukzessive steigern können.
Interview: Claudia Thöny
Bilder: Keystone/zentral+