Das gab es in der Schweizer Filmgeschichte noch nie. Nur vier Jahre nach dem Swissair-Grounding startete in den Kinos ein aufwändig inszenierter Film über das Ende des Nationalheiligtums. Produzent Peter-Christian Fueter schildert in der aktuellen Ausgabe von "persönlich rot", warum er dieses geschäftliche und auch juristische Wagnis eingegangen ist. Das Risiko hat sich gelohnt: Knapp drei Wochen nach dem Kinostart haben schon 177'000 Kinobesucher "Grounding gesehen.
Herbst 2002. In den Schulferien können sich meine Frau und ich für ein paar Tage in unser Häuschen in der Toskana zurückziehen. Ich liege mit einer schweren Erkältung im Bett. Das immer wiederkehrende Phänomen: Kaum hört der Berufsstress auf, fällt das Immunsystem zusammen, und man liegt im Bett. Schliesslich hat man jetzt Zeit dazu. Zeit gleich Bett gleich Lesen -- endlich. Und nicht nur Berufliches.
Also der Griff nach einem der Dutzend Bücher, die jeweils beim Gang durch die Buchhandlungen vor der Abfahrt eines Zuges oder ähnlich den Weg in den Einkaufskorb und dann auf den Nachttisch finden. Dort allerdings blieb es bis anhin liegen. Und jetzt die ersehnte Möglichkeit, sich den Wunsch zu erfüllen. Der Fall der Swissair von René Lüchinger heisst das Buch und behandelt den Niedergang der Swissair.
Besonders ausführlich und präzise beschreibt es die letzten Tage der Swissair. Was da zwischen dem 29. September und dem 2. Oktober abläuft, ist ein veritabler Krimi. Und worum es geht, ist das Symbol der Schweiz, das für alles steht, wofür unser Land bis dato im Ausland bewundert wird: die Verbindung von Weltoffenheit und Solidität durch und durch.
Da ich am 2. Oktober und die darauf folgenden Tage an einem Kongress eines internationalen Filmproduzentenverbandes im Ausland weilte, bekam ich vom eigentlichen Grounding und den Tagen zuvor und nachher nur mit, dass am Wochenende der Grossteil meiner Freunde, die aus der ganzen Welt mit Swissair nach Amsterdam gekommen waren, nun äusserst zeitraubend und kostspielig ihre Heimflüge mit anderen Airlines organisieren mussten.
Klar, dass ich mich für den Niedergang unserer fliegenden Bank mit verantwortlich fühlte und deshalb beflissen jede mögliche Unterstützung gewährte. Übrigens konnte ich mir der tief empfundenen Anteilnahme meiner Freunde gewiss sein, obwohl bislang natürlich 9/11 die emotionale Agenda besetzt hatte.
Warum die Amerikaner?
Wahrscheinlich machte mich die Lektüre von Lüchingers Buch besonders betroffen, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt sozusagen vom Grounding verschont geblieben war. Jedenfalls sagte ich nach der Lektüre zu mir selber: Wow, das ist ein Kinostoff -- als Thriller und wegen des Gewichts seiner Thematik. Und mit dem mangelnden Selbstbewusstsein eines Schweizer Filmproduzenten dazu: Daraus würden die Amerikaner einen grossen Spielfilm machen.
Die Amerikaner?, war dann allerdings nach einer Denkpause die Frage an mich selber. Und die Antwort kam rasch: Unsere Produktionsgesellschaft. Natürlich tauchten dann aber gleich wieder Bedenken auf. Kann man bei uns, wo free speech weniger hoch und Persönlichkeitsschutz höher gehängt werden als in den USA, einen Spielfilm vor dem Hintergrund wahrer Ereignisse und realer Zeitgenossen machen?
Einigermassen beruhigt hat mich in diesem Augenblick schliesslich die Feststellung, dass offensichtlich niemand zumindest die Veröffentlichung des Buchs Der Fall der Swissair verhindert hatte, obwohl es mit Einschränkungen happige Vorwürfe an nicht ganz unbekannte und mächtige Persönlichkeiten unserer so genannten Elite richtete.
Januar 2006. Am 15. Januar soll an einem Sonntag -- vormittags in Bern, nachmittags in Basel und abends in Zürich -- Premiere des Films sein. Vorgängig wird es keine so genannten Pressevorführungen geben, obwohl die schreibende Zunft dafür wenig Verständnis hat, weil sie gern das Meinungsmonopol für sich beansprucht.
Nun geht es mir primär keineswegs darum, ihr dieses Privileg wegzunehmen, auch wenn dies eine ernsthafte Überlegung wert wäre, sondern es geht mir schlicht und ergreifend darum sicherzustellen, dass unser Streifen auch tatsächlich beim vorgesehenen Kinostart am 19. Januar über die vorgesehenen mehr als 50 Leinwände in der deutschen Schweiz flimmert.
Das kann ich aber nur gewährleisten, wenn niemand den Film gesehen hat, bevor sich sozusagen eine öffentliche Meinung gebildet hat. Mit den Premieren, zu denen auch die Journalisten eingeladen werden, und mit einer besonderen Pressevorführung am 16. Januar will ich einerseits dies sicherstellen und anderseits meinen Verpflichtungen gegenüber den Medien nachkommen.
Um das umfangreiche und logistisch anspruchsvolle Programm zu bewältigen und den interessierten Presseleuten die Gelegenheit für vertiefte Gespräche mit den Protagonisten unseres Films zu ermöglichen, mieten wir den Roten Pfeil und fahren durch die deutsche Schweiz. Es wird ein langer, amüsanter und zum Schluss erfolgreicher Tag, der mir in guter und nachhaltiger Erinnerung bleiben wird.
Der Stress und die Arbeit vor der Premiere waren gleichermassen gross. Schweizerische Tonstudios waren entweder nicht in der Lage oder nicht willens, unsere Postproduktionsarbeiten in der geforderten Zeitspanne zu leisten, also mussten wir nach Deutschland (Stuttgart und München) ausweichen.
Unsere Anwälte stellten fest für sie überraschend, für uns weniger, dass Drehbuch und abgeschlossener Film keineswegs übereinstimmen müssen, vor allem, wenn zusätzlich noch unvorhergesehene Aufnahmen (anfangs November 2005) dazu gekommen waren. Also galt es, aus juristischer Sicht Szenen zu überprüfen, zu kürzen oder ganz wegzulassen. Natürlich nicht ohne heftigsten Widerspruch der Macher.
Zu Recht. Die wollten sich ja nicht im letzten Augenblick die Zähne ziehen lassen. Also war es an mir, weise Entscheide zu treffen nach dem Motto: Die Aussage des Films darf nicht beschädigt werden. Jeden dieser Entscheide galt es wiederum mit beiden Parteien zu besprechen und abzuwägen. War er dann einmal gefällt, hatte dies -- im letzten Augenblick wohl gemerkt -- nicht nur inhaltliche, sondern vor allem auch ästhetische und technische Konsequenzen.
Und in den allermeisten Fällen bedeutete dies: Arbeit, viel Arbeit und damit Zeit, mehr Zeit. Die gab es aber nur, indem die Nacht zum Tag gemacht und in Schichten gearbeitet wurde. In vielen Funktionen war dies allerdings gar nicht möglich. Und damit hiess es für viele Teammitglieder: auf Schlaf verzichten beziehungsweise sich im Schneideraum oder am Musikcomputer für zwei, drei Stunden auf eine Matratze legen und weiter.
In meiner Agenda liest sich das so: Sonntag, 8. Januar. Abnahme der Mischung in München. Auftrag an die Macher, bis Montagnacht die Korrekturen und Verbesserungen zu bewältigen, damit Dienstag der Lichtton in Bern und am Mittwoch die so genannte Nullkopie gezogen werden konnte. Diese schauten sich die Verantwortlichen am gleichen Nachmittag an. Es folgten Korrekturarbeiten bis tief in die Nacht.
Zwischen Donnerstag und Freitag genehmigten wir die so genannte Korrekturkopie, deren Daten dann zur Grundlage der so genannten Serienkopien wurden. Eine erste Serienkopie überprüften wir am Samstag früh im Kino Corso, wo sich anderntags am Ende eines langen Tages der Vorhang über die letzte von drei Premieren legte. Die Zeit für ein persönliches Grounding im Sinn von sich hinlegen war Ultima Ratio -- verbunden mit der Gewissheit, dass ein neuer ungewöhnlicher Schweizer Film abgehoben hatte.
Zwischen Donnerstag und Freitag genehmigten wir die so genannte Korrekturkopie, deren Daten dann zur Grundlage der so genannten Serienkopien wurden. Eine erste Serienkopie überprüften wir am Samstag früh im Kino Corso, wo sich anderntags am Ende eines langen Tages der Vorhang über die letzte von drei Premieren legte. Die Zeit für ein persönliches Grounding im Sinn von sich hinlegen war Ultima Ratio -- verbunden mit der Gewissheit, dass ein neuer ungewöhnlicher Schweizer Film abgehoben hatte.