"Vom Ursprungsgedanken einer Agenturzeitung haben wir uns längst verabschiedet"

- Die Expansion von 20 Minuten in die Ostschweiz noch in diesem Jahr scheint beschlossen. Und auch über den Aufbau einer Redaktion in der Westschweiz macht man sich bei der Tamedia Gedanken. Gegenüber "persoenlich.com" spricht Marco Boselli, Chefredaktor der Pendlerzeitung, über die Wachstumspläne seines Titels und entgegnet der Aussage von Blick-Chefredaktor Werner De Schepper, 20 Minuten sei für den Blick keine gleichwertige Konkurrenz. Das Interview:

20 Minuten ist vor kurzem ins Glashaus an der Werdstrasse eingezogen. Gerüchteweise vernahm man, dass 20 Minuten nicht sehr herzlich an der Werdstrasse empfangen wurde...

Das Gegenteil war der Fall. Bei unserem Einzug an der Werdstrasse hat man uns mit grossen Willkommensplakaten überrascht. Wir waren sehr erfreut über diesen warmen Empfang. Ausserdem ist es ganz einfach toll, dass wir nun mitten im Zürich arbeiten können und nicht mehr am Stadtrand in Zürich-Oerlikon.

20 Minuten erscheint seit letzter Woche geliftet. Weshalb diese Anpassung?

Ein modernes, junges Produkt wie 20 Minuten muss sich bewegen und deshalb auch Änderungen am Erscheinungsbild vornehmen. Eine breit angelegte Leserbefragung hat überdies ergeben, dass einer der wenigen Kritikpunkte an der Zeitung die Leserführung war. Wir müssen unser Layout an die Situation anpassen, in der 20 Minuten gelesen wird: Am Morgen im Zug oder Tram will sich der Leser vor allem sehr schnell zurechtfinden. Mit den dickeren Titel- und Meldungschriften wurde 20 Minuten "kompakter", also übersichtlicher.

Werden auch inhaltliche Feinkorrekturen vorgenommen?

Nein. Wir sind in der glücklichen Lage, dass sich unser Konzept in den letzten viereinhalb Jahren sehr bewährt hat. Wir wollen uns jedoch in der Tagesroutine weiter steigern und noch spannendere und bessere Geschichten bringen.

Werner de Schepper sagte im „persönlich rot „ über 20 Minuten: "Sie durchforsten die Agenturen und bringen ab zu eine respektable Eigenleistung." Was sagen Sie dazu?

20 Minuten liefert im Gegenteil sehr viele Eigenleistungen. Nicht nur im Newsbereich, sondern auch in der People- und Szene-Berichterstattung sowie im Wochenend-Magazin Week. Aus der Aussage von Herrn De Schepper kann ich deshalb nur schliessen, dass er unsere Zeitung nicht wirklich genau anschaut.

Trotzdem: Wollen sie sich künftig nicht stärker mit eigenen journalistischen Leistungen profilieren und vermehrt Themen setzen -- etwa wie der Blick?

Wir sind keine politische Zeitung, sondern in erster Linie eine Newszeitung. Wir bringen -- gerade in den Regionen -- ständig als Erste Themen, die dann die grossen Regionalzeitungen nachziehen müssen. Im Gegensatz zum Blick verzichten wir jedoch auf Kampagnen. Wenn wir einmal über ein Ereignis berichtet haben, genügt dies. Danach noch mehrere Tage Folgeschichten nachziehen wollen wir nicht. Vom Ursprungsgedanken einer reinen Agenturzeitung haben wir uns überdies schon lange verabschiedet. Dass uns gewisse Leute in der Medienbranche in diese Ecke stellen wollen, verstehe ich aber. Wir haben grossen Erfolg. Und dies bereitet andernorts Sorgen und Kopfzerbrechen.

Der Einzug von 20 Minuten in die Ostschweiz kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Wann ist die Lancierung geplant?

Ich kann Ihnen keine Details verraten. Es ist immer von Vorteil, wenn 20 Minuten auf einen Überraschungseffekt in den Regionen setzen kann. Dessen ungeachtet glaube ich, dass die Lancierung noch dieses Jahr erfolgt.

Wie hoch wird die Auflage sein?

Auch da kann ich keine Zahlen nennen. Wir klären jeweils im Vorfeld einer Expansion sorgfältig ab, wie die Pendlerströme in der Region aussehen. Nach Abschluss dieser Analysen wissen wir jeweils ganz genau, wie viele Zeitungen wir wo auflegen müssen.

Befinden sich in ihrer Schublade schon Pläne für eine Expansion in die Romandie?

Wir haben uns über diesen Schritt natürlich auch schon Gedanken gemacht. Falls wir je in der Westschweiz Fuss fassen werden, dann müssten wir dort eine eigenständige Redaktion aufbauen. Unsere nächste Aufgabe wird jetzt aber erst einmal die Expansion in die Ostschweiz sein.

Die Westschweizer Presse drohte schon mit Kampfmassnahmen, im Falle eines Einzugs von 20 Minuten in die Region...

Überall wo 20 Minuten vorgestossen ist, haben Lokalfürsten uns Gegenangriffe vorausgesagt. Nur: Passiert ist in der Folge nie etwas. Ob dies in der Westschweiz nun anders wäre, weiss ich allerdings nicht. Möglicherweise würde das Haus Edipresse reagieren.

Will 20 Minuten dereinst die ganze Schweiz erobern?

Ich glaube, vor uns stehen noch viele Aufgaben in der Deutschschweiz. Wir können und werden hier noch wachsen. Letztlich müssen wir uns jedoch immer fragen, ob eine Expansion auch ökonomisch sinnvoll ist. Wir sind sehr stolz darauf, was wir schon erreicht haben. „Grossphantasien“, nun noch im letzten und hintersten Winkel der Schweiz präsent zu sein, sind nicht unser primärer Antrieb.