Herr Scholl-Latour, Sie sind einer der letzten lebenden, grossen Welterklärer. Entspricht das, was die Medien berichten, überhaupt noch dem, was wir als Realität bezeichnen?
Es gibt immer mehr und immer gezieltere Desinformation. Propaganda hat es zwar schon immer gegeben, aber heute wird das wissenschaftlich betrieben. Es gibt ganze Institute, in North Carolina zum Beispiel, die nichts anderes tun. Ich habe auch die europäischen Regierungen im Verdacht, dass sie gelegentlich ganze Desinformations-Kampagnen lancieren. Die Freiheit der Presse ist ja auch im Westen nicht so unbegrenzt, wie man immer meint. Natürlich ist es besser als in Diktaturen; aber von einer absolut freien Presse zu reden, ist dennoch Unsinn. In meinem langen Leben habe ich erfahren, dass die Journalisten abhängig sind: vom Verleger oder Inhaber des Verlags, der den Chefredaktor benennt. In Deutschland gibt es sechs oder sieben Konzernherren, die bestimmen können. Das ist nicht nur meine persönliche Meinung. Der sehr konservative Journalist Paul Sethe, einer der Mitgründer der "FAZ", hat einmal gesagt, die Freiheit der Presse sei die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu veröffentlichen. Heute sind es in Deutschland keine zweihundert mehr. Dies, weil die Konzentration der Presse ständig voranschreitet.
Wie muss man sich konkret solche eine Desinformations-Strategie vorstellen?
In den USA wird die Desinformation ganz offiziell betrieben; da wird nichts verheimlicht. Die Irreführung des Feindes gilt als legitim. Das haben die Briten während des Zweiten Weltkriegs sehr gut entwickelt. Heute geht es aber oft um die Gängelung der öffentlichen Meinung im eigenen Land -- und das ist gefährlich. Die massive Fehlinformation zu Beginn des letzten Irak-Krieges ist ja bekannt. Aber auch im Afghanistankrieg ist vieles unklar. Alle, die wirklich an Ort und Stelle waren -- Soldaten, Offiziere, Beobachter, Berichterstatter --, sind ausserordentlich skeptisch. In den Redaktionen wird aber immer noch ein künstlicher Optimismus gepflegt. Das deutsche Parlament zum Beispiel wird durch die Bundeswehr und den Bundesnachrichtendienst informiert -- sehr sachlich, wie ich betonen möchte. Wir haben einen ausgezeichneten deutschen Botschafter in Kabul.
Vom deutschen Altkanzler Helmut Schmidt stammt das Bonmot, wonach er der "NZZ" mehr vertraue als dem Geheimdienst. Kann man daraus schliessen, dass das Weltbild der "NZZ" der Realität am meisten entspricht?
Die Neue Zürcher Zeitung ist sehr nüchtern, emotionslos, aber sie behandelt häufig Themen, die anderswo unter den Tisch fallen. Insofern ist sie sehr interessant. Aber sie ist kein wirkliches Meinungsblatt, sondern eine Informationszeitung. Die "NZZ" ist sicher eines der respektabelsten Blätter der Welt. Persönlich bevorzuge ich unter den Zeitungen die "International Herald Tribune", weil sie mit ihrer Kritik an der amerikanischen Innenpolitik viel weiter geht als die deutschen Zeitungen. Diese sind mit ihrer Kritik viel zahmer, als es die Amerikaner selbst von uns erwarten.
Nach Ihrer Aussage wird heute sehr viel manipuliert. Gleichzeitig gibt es viel mehr Medien als früher, das heisst, jeder kann sich am Free Flow of Information beteiligen. Dies sollte doch die Manipulation erschweren.
Schauen wir uns einmal einen Sender wie Fox in den USA an. Dies ist reine Propaganda im Sinne des Neokonservatismus, das ist klar erkennbar; zusätzlich gehört der Sender seit Neustem auch noch Rupert Murdoch. Die Neokonservativen bilden eine verschworene Gruppe, welche heute zwar nicht mehr so einflussreich ist wie vor ein paar Jahren, aber im Hintergrund immer noch eine erhebliche Rolle spielt.
Das ist in den USA. Sie leben in Frankreich. Sarkozy hat ...
Nicolas Sarkozy ist befreundet mit den Herausgebern von grossen Zeitungen. Deshalb gibt es in Frankreich kaum Kritik an Sarkozy. In "Le Monde" ein bisschen, zunehmend seit seine Popularität sinkt, und im Canard enchainé.
Welches sind dann die Konsequenzen, wenn ein Medium gegen Sarkozy schreiben würde?
Das ist ja schon passiert. Ein Chefredaktor zeigte in seinem Blatt die frühere Frau von Sarkozy mit ihrem Geliebten in New York. Er wurde fristlos entlassen. Es gibt in Frankreich eine sehr starke Medienkontrolle. Diese geht aber zurück, sobald die Popularität von Sarkozy sinkt, was im Moment der Fall ist. Die französischen Medien sind aber sehr stark regierungsfreundlich. Für mich persönlich ist Sarkozy auch ein enormer Unterhaltungsfaktor, eine interessante Mischung zwischen Louis Quatorze und Tintin.
Gibt es eine ähnliche Entwicklung auch in Deutschland?
In Deutschland haben die Parteien sicher einen gewissen Einfluss auf die mediale Berichterstattung. Es gibt bei uns einige Tabufragen, wie beispielsweise Israel/Palästina oder die atlantische Allianz.
Sie sind der klassische Reporter, welcher die ganze Welt bereist hat. Warum findet man solche Persönlichkeiten heute kaum mehr?
Ich bezeichne mich eher als Chronisten denn als Reporter. Und was heisst schon 'klassischer Reporter'? Egon Erwin Kisch war ein klassischer Reporter, der gleichzeitig auch sehr ideologisch war. Er war Kommunist, und seine Reportagen sind ziemlich linientreu, wenn man das heute liest. Das ist alles frech und munter geschrieben, aber nicht sehr profund. Ein fabelhafter Berichterstatter war im Grunde genommen Graham Greene. Seine Romane sind Reportagen auf höchstem Niveau. Fabelhafte Reportagen hat auch Joseph Roth geschrieben. Er war ein berühmter Schriftsteller, aber auch Reporter für die "Frankfurter Zeitung". So etwas findet man heute nicht mehr. Seltsamerweise glauben sich die Berichterstatter verpflichtet, eine gewisse Objektivität vorzutäuschen, indem sie -- das wird ihnen auch von der Zeitung auferlegt niemals in der ersten Person reden. Es wäre ehrlicher, wenn sie das tun würden. Denn damit würden sie signalisieren: So habe ich es gesehen, das ist meine Meinung, meine Erkenntnis. Wahrheit ist ein theologischer Begriff -- man kann allenfalls die Wirklichkeit spiegeln. Ich habe mich in meinem Leben immer bemüht, die Wirklichkeit darzustellen.
Wenn Sie auf Ihr langes Leben zurückblicken -- welches ist Ihr beeindruckendstes Erlebnis? Der Rückflug mit Khomeini von Paris nach Teheran?
In meinen Leben gibt es viele Dinge, die ich als persönliche Höhepunkte betrachte. Ich habe mein Leben in verschiedenen Kontinenten verbracht und war immerhin sechzig Jahre unterwegs. Natürlich war Khomeini eine der starken Figuren, die ich kennengelernt habe. In Europa war es de Gaulle. In Afrika habe ich Lumumba getroffen. Leider bin ich Mao Tse-tung nie begegnet.
Haben Sie sich um eine solche Begegnung bemüht?
Es war damals gar nicht möglich. Der einzige noch lebende Deutsche, der Mao Tse-tung je gesprochen hat, ist Helmut Schmidt. Mit ihm habe ich mich lange über das Treffen mit Mao unterhalten. Mao Tse-tung konnte kaum artikulieren. Er hatte junge Dolmetscher dabei, die wiederholten seine Worte auf Chinesisch, und das wurde dann ins Deutsche übersetzt. Sie haben sich über deutsche sozialistische Denker unterhalten. Schmidt hatte sich Gott sei Dank ideologisch gewappnet. Es muss aber eine ziemlich gespenstische Begegnung gewesen sein.