30.10.2019

NZZ Live

Von Fake News und wie man dagegen ankämpft

An einer Podiumsdiskussion sprachen Vertreterinnen und Vertreter aus Medien und Wissenschaft über Falschmeldungen. Es war eine kurzweilige Diskussion über die Problematik von sozialen Medien und die «Bullshit-Erkennungskompetenz» der Bürger.
NZZ Live: Von Fake News und wie man dagegen ankämpft
Die Diskussion gestaltete sich spannend, trotz weitester Einigkeit bezüglich des Themas. (Bild: zVg.)
von Loric Lehmann

Der Begriff Fake News hat Hochkonjunktur. Obwohl die Wahl von Donald Trump und das Brexit-Referendum schon etwas her sind, beschäftigt das Thema die Medienbranche weiterhin. Deshalb «beleuchtete» die NZZ laut Einladung dieses brisante Thema mit Fokus auf die Schweiz am Dienstagabend im Rahmen einer NZZ Live-Veranstaltung in der Universität Zürich.

Es diskutierten: Mark Eisenegger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich, Stefan Russ-Mohl, emeritierter Professor für Journalismus und Medienmanagement, Jenni Thier, Tagesleiterin und Tech-Redaktorin «Neue Zürcher Zeitung», sowie Dominique Wirz, Forscherin an der Universität Fribourg unter der Moderation von Rainer Stadler, Redaktor Inland «Neue Zürcher Zeitung» und Medienexperte.

«Keine konträren Positionen zu erwarten»

Der Hörsaal war gegen halb Sieben gut gefüllt. Unangemeldete mussten sich sogar bis zum Schluss gedulden, um noch eingelassen zu werden. Viele junge Leute waren anwesend, vornehmlich Studenten. Mit etwas Verspätung ergriff Moderator Rainer Stadler schliesslich das Wort: «Guten Abend, für einmal eine Diskussion, bei der keine konträren Positionen zu erwartet sind.» Fake News sei ein boulvardesker, ja geradezu polemischer Begriff, führte Stadler aus. Und doch sei er mit Verweis auf Trump oder der Relotius-Affäre aktuell in aller Munde.

Ob Russ-Mohl zufrieden sei mit diesem Begriff, eröffnete Stadler die Diskussion. Der Medienwissenschaftler bevorzuge den Begriff «Desinformation», da wissenschaftlicher. Über die Definition war man sich aber in der Runde einig: Manipulativ verbreitete, vorgetäuschte Nachrichten. Jenni Thier führte an, dass Fake News in der Schweiz nicht so ein Problem seien wie gar in den USA. Ein Beispiel sei das rechtspopulistischen Newsportal «Breitbart», das grosse Schwierigkeiten hatte in Europa, und besonders in der Schweiz, Fuss zu fassen. Dies zeige, dass das politische und mediale System in der Schweiz solchen Fake-News-Konstrukten noch einiges entgegen zu setzen habe.

Darüber herrschte Konsens in der Runde. Dominique Wirz machte dafür vor allem zwei Gründe verantwortlich: Einerseits sei die Schweiz schlicht zu klein, um rentabel Falschinformationen zu verbreiten. Andererseits bekämen emotionalisierte Fake News in der hier vorherrschenden Konsensdemokratie schlicht zu wenig Aufmerksamkeit. Fög-Leiter Mark Eisenegger pries daraufhin die Vorzüge des Systems der Informationsmedien in der Schweiz mit der Watchdog-Funktion, so dass «kein Bullshit publiziert wird, ohne kritisch geprüft zu werden».

Fake News förderten politische Partizipation

Jenni Thier, neben Rainer Stadler einzige Vertreterin der Praxis, verwies auf das immer noch praktizierte Zwei-Quellen-Prinzip auf Redaktionen, um das Verbreiten von Falschmeldungen möglichst zu vermeiden. Forscherin Wirz erklärte, eine Problematik der sozialen Medien sei, dass bei solchen Meldungen eben häufig gar keine Quellenangaben vorhanden seien und Fake-News-Medien sehr ähnlich auftreten wie etablierte Medien. Und, dass durch Falschmeldungen hervorgerufener Ärger oft zur politischen Partizipation motiviert. Das hätte man ja bei der Trump-Wahl gesehen, meinte Russ-Mohl und machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen den amerikanischen Präsidenten. «Der setzt jeden Tag wissentlich Falschinformationen über Twitter ab und diffamiert die Presse. Das halte ich für hochdramatisch und hochgefährlich», so der Wissenschaftler.

Mark Eisenegger erklärte daraufhin, dass das Problem auch daher komme, dass viele Leute sich nur noch auf Social Media informierten und somit die sogenannten News-Deprivierten zunähmen (persoenlich.com berichtete). Und auf privaten Plattformen wie WhatsApp oder Facebook hätte man keine Kontrolle über die Richtigkeit von Informationen. Journalisten könnten bei zirkulierenden Falschinformationen oft nicht rechtzeitig reagieren, erklärte Thier. «Ebenfalls bekommen Fake-News-Berichtigungen niemals die gleiche Reichweite wie die Falschmeldung selber», so die Journalistin.

«Wir müssen uns die öffentliche Allmend zurückerobern»

Nachdem das Aufzeigen der Problematik den Hauptteil der Diskussion eingenommen hatte, war man gegen Ende doch noch lösungsorientiert. So wollte Rainer Stadler von den Diskutierenden wissen, was diese für Lösungen vorschlagen würden. Jenni Thier sah diese vor allem in der Medienkompetenz der Bürger. «Die Schulen sind dabei gefordert, den Kindern bereits beizubringen, wie man Quellen prüft.» Stefan Russ-Mohl widersprach dem jedoch. Klar sei eine «Bullshit-Erkennungskompetenz» wichtig, jedoch sähe er den zunehmenden Abbau von Medienjournalismus in Redaktionen auch als Grund für das Aufkommen von Fake News. «Rainer Stadler ist einer der letzten Vertreter einer aussterbenden Spezies», so Russ-Mohl. Eisenegger rief nach dem Staat. Das System der Informationsmedien müsse erhalten und die Tech-Giganten einbezogen werden. «Wir müssen uns die öffentliche Allmend zurückerobern.»

Die Diskussion war sehr kurzweilig und spannend mitanzuhören. Rainer Stadler hatte einen nicht allzu anstrengenden Job, da fast durchs Band Einigkeit bestand. Durch das Zeigen von beispielhaften Fake News gestaltete sich die Diskussion abwechslungsreich, wie beispielsweise dem Einspielen des «izzy»-Videos der Kornkreisaffäre. Obschon das Thema komplex ist und viele Teilbereiche des Journalismus betrifft, konnte man natürlich auf keinen Fall alle Aspekte und Gründe der Problematik ausreichend diskutieren. Trotzdem hätte sich der Autor gewünscht, dass konstruktiver über Lösungen diskutiert worden wäre.



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