Von "Reinheitsterror" und kommentierendem Schreiben

SwissMediaForum - Josef Ackermann fordert Journalisten auf, kritischer zu sein.

"In Sachfragen sind Journalisten oftmals zu unkritisch", sagte Josef Ackermann am diesjährigen SwissMediaForum in Luzern. Anlässlich eines Podiumsgesprächs am Donnerstagnachmittag sprach der Zurich-Verwaltungsratspräsident davon, dass er sich mehr kritische Berichterstattung wünsche. "Interessante Analysen würde ich gerne mehr lesen, denn journalistische Texte inspirieren mich. Manche haben auch schon dazu geführt, dass ich gewisse Dinge hinterfragte und künftig anders machte." 
 
Journalisten sollten mehr kommentierend schreiben
 
Der frühere Chef der Deutschen Bank forderte die Journalisten auf, sich vor ihren Interviewgesprächen gut vorzubereiten. Sie sollten eine klare eigene Meinung zu den Themen haben und diese in ihren Beiträgen auch einfliessen lassen: "Verschiedene Deutungen sind interessant, ich lese gerne konträre Meinungen. Journalisten sollten mehr kommentierend schreiben." Ackermann plädierte zudem dafür, dass sich Journalisten empathisch in die Rolle ihres Gegenübers hineinversetzen und Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven betrachten sollen. 
 

Reizwort "Reinheitsterror"
 
In der von Forum-Organisator Patrik Müller geleiteten Diskussion zum Thema "Wie gehen exponierte Persönlichkeiten mit starker öffentlicher Beachtung um?", plädierte Ackermann dafür, auch Wirtschaftsführer als moralische Menschen zu betrachten und nicht primär egoistische Absichten hinter ihren Entscheidungen zu wittern. Das Podiumsgespräch, an dem auch Fussballnati-Trainer Ottmar Hitzfeld und Swiss-Life-CEO Bruno Pfister mitdiskutierten, drehte sich um das in letzter Zeit aufgekommene Reizwort "Reinheitsterror".  Dabei geht es um die Entwicklung, die durch die Digitalisierung und den damit verbundenen Anspruch auf Transparenz aufgekommen ist: Medien fordern von öffentlichen Personen eine extreme Fleckenlosigkeit ein. Hitzfeld stellte fest: "Schweizer Journalisten sind kritischer als deutsche. Sie könnten ruhig auch einmal loben oder positiv schreiben, wenn es gut läuft." Und Pfister wies darauf hin, dass mit der durch die Digitalisierung eingeläuteten Transparenz verstärkt der perfekte Mensch gefordert wird. "Vor diesem Hintergrund sind Unternehmen und deren Chefs stark darum bemüht, möglichst keine Fehler zu machen. Diese Entwicklung hemmt die Innovation und Risikofreude", so Pfister.
 
 


Mediale Kritik stösst clevere Köpfe ab

Ackermann ist der Meinung, dass Medienschaffende Politiker und Wirtschaftsführer als Menschen behandeln sollen, die Ecken und Kanten haben und auch Fehler machen können. "Schade ist, wenn wir nicht mehr als Menschen dargestellt werden, sondern als Masken." Journalisten sollten etwas nachsichtiger sein, ansonsten würde es für Unternehmen noch schwieriger werden, geeignete CEO zu finden. Denn nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft, liessen sich gute Leute immer schwieriger finden. CEOs müsste man weltweit suchen, dies sei nicht einfach. "Die schlauen Köpfe der Wirtschaft arbeiten heutzutage lieber bei Hedgefonds oder Private-Equity-Firmen, wo sie weniger stark im öffentlichen Scheinwerferlicht stehen." (eh)