"Von säkularen Schweizern bekam ich schlimmere Drohungen zu hören"

- Als erste deutschsprachige Zeitung hat Die Welt die umstrittenen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Wegen dieser Publikation ist am Wochenende das deutsche Kulturzentrum im Gaza-Streifen angegriffen worden. Gleichzeitig droht die iranische Regierung mit dem Abbruch ihrer wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland, während im Irak immer noch deutsche Geiseln festgehalten werden. Lohnt sich dieses Risiko? "persoenlich.com" fasste bei Welt-Chefredaktor Roger Köppel nach. Das Interview:

Herr Köppel, was hat Sie bewogen, diese Karikaturen abzudrucken?

Wir wollten dokumentieren, welche Bilder Muslime in- und aussserhalb Europas derart in Rage versetzen und zu Todesdrohungen etc. verleiten.

Mit der gleichen Argumentation könnte man auch antisemitische oder antichristliche Karikaturen abdrucken. Wo ziehen Sie persönlich die moralischen Grenzen?

Jede Gesellschaft hat das Recht, selber zu bestimmen, welche Darstellungen sie in ihrem eigenen Kulturkreis toleriert und welche nicht. Als Journalist sollte man Darstellungen um der reinen Provokation willen, also mit dem Ziel der Verägerung und Verletzung bestimmter Personengruppen unterlassen.

Nun ist das deutsche Kulturzentrum im Gaza-Streifen am Wochenende wegen dieser Publikation angegriffen worden. Gleichzeitig droht die iranische Regierung mit dem Abbruch ihrer wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland, während im Irak immer noch deutsche Geiseln festgehalten werden. Lohnt sich dieses Risiko?

Wenn Sie sich von aussen zur Selbstzensur zwingen lassen, haben Sie schon verloren.

Mit wem haben Sie sich vor dem Abdruck beraten?

Wir haben innerhalb der Redaktion diskutiert, aber wir waren uns sehr bald klar, dass diese Geschichte eine eminente Bedeutung erlangen wird und deshalb als Aufmacher auf die Frontseite gehört - früher, als das die Konkurrenz bemerkte.

Gab es Reaktionen seitens der Politik?

Innenminister Schäuble hat die Pressefreiheit verteidigt, aber an die Verantwortung der Journalisten erinnert.

Wie haben die deutschen Medien auf den Abdruck reagiert?

Unterschiedlich. Der deutsche Journalistenverband unterstützte uns, von vielen Kollegen der Konkurrenz spürten wir eine Menge Sympathie. Den klügsten Kommentar hat Hansrudolf Kamer diesen Samstag in der NZZ geschrieben.

In der Bild-Zeitung hat sich Kolumnist F.J. Wagner gegen eine Publikation ausgesprochen. Gab es im Haus Springer nach der Publikation grosse Diskussionen?

Natürlich gab es Diskussionen. Grundsätzlich steht unser Haus für die Werte der freien Berichterstattung. Deshalb hätten wir solche Karikaturen selber nie in Auftrag gegeben, aber darüber berichten mussten wir.

Die Proteste sind erst einige Monate nach dem Abdruck in einer dänischen Zeitung entbrannt. Auch die Weltwoche hat vor einigen Wochen die Bilder gezeigt, ohne dass es zu Reaktionen kam. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Offenbar dauerte es so lange, bis diese Bilder in der muslimischen Welt gezielt zur Anstachelung fanatisierter Masen instrumentalsiert werden konnten.

Wurden Sie nach der Veröffentlichung bedroht? Befinden Sie sich unter Polizeischutz?

Als ich in der Weltwoche einen positiven Bericht über George W. Bush abdruckte, bekam ich von säkularen Schweizern schlimmere Drohungen zu hören.

Würden Sie nach den Ausschreitungen vom Wochenende nochmals gleich entscheiden?

Sicher.