Am Montagabend lud die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" in Zürich zum Podiumsgespräch. Chefredaktor Giovanni di Lorenzo befragte im Kaufleuten den Ex-Nationalrat und UNO-Sonderbeauftragten Jean Ziegler zu seinem neuen Buch "Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der dritten Welt". Ein Schwall von Zitaten, Bonmots, Zahlen, Skandalschauplätzen und harschen Titulierungen für die Schurken dieser Welt war zu erwarten und er folgte auch. Und zwar mit so vielen Spitzen und Randbemerkungen, dass es im ausverkauften Saal viel zu lachen gab.
Doch erst bereiteten Peer Teuwsen, Verantwortlicher für die Schweizer Seiten bei der "Zeit", und sein Chef aus Hamburg das Terrain sehr gut vor. "Die Schweiz ist ein Land der indirekten Rede, und die beherrscht er nicht, der Ziegler", sagte Teuwsen und fügte anschliessend ein Bonmot an, das sich Ziegler einst zur Beschreibung seines nie endenden Kampfes von Karl Kraus entlehnt hatte: "Ich habe hin und wieder über das Ziel hinausgeschossen, aber selten daneben."
Di Lorenzo fragte den Soziologen und Autor dann als erstes, ob er statt einem Nestbeschmutzer nicht eher längst auch Popstar und Held sei. Und gleich bei seiner ersten weit ausschweifenden Antwort schaffte der Befragte es, die Zahl der Hungertoten, seinen Freund Che Guevara, Nestlé und Peter Brabeck zu erwähnen und Letzteren als einen der schlimmsten Geldsäcke dieses Landes zu bezeichnen. Die Politiker in Bern wurden zu "Lakaien der Grosskonzerne", die "NZZ" zur "Zeitung der Geldsäcke" und der nahe Paradeplatz zur "Räuberhöhle".
Die anschliessende Aufarbeitung von Zieglers Biografie geriet höchst amüsant: Vom Thuner Offizierssohn und Kadetten zum Kommunisten und schliesslich zum Bestsellerautor bei Bertelsmann. Dazwischen Rousseau, Sartre, immer wieder Berthold Brecht und der gute Che, der ihn nicht mit in den bewaffneten Kampf nach Lateinamerika nehmen wollte. Das rollte gut, und war ganz harmonisch. So sehr, dass Ziegler in Bezug zu seiner Nähe zu Gewaltherrschern sogar etwas selbstkritisch wurde: Ja, er hätte wohl früher erkennen müssen, dass die Reisen zu Ghaddafi und anderen irgendwann nicht mehr angebracht gewesen seien.
Di Lorenzo lenkte wo es ging, blieb trotz dem Schwall ruhig, liess vieles, vieles unkommentiert stehen es hätte viel nachzuhacken gegeben, bei Pol Pot zum Beispiel, aber wohin hätte das geführt, bei dieser sprachlichen Wendigkeit und führte Ziegler dann nach einer guten halben Stunde zum Thema seines Buches, dem Aufhänger des Abends. Der Hunger, die ungerechte Verteilung der Güter, die zu stoppende Spekulation mit Grundnahrungsmitteln auf den internationalen Finanzmärkten. Erfahrungsberichte und Zahlen aus Niger, Sudan, Kongo und Nordkorea. Sein eigenes Buch lobte er mehrfach nur leicht augenzwinkernd als "ausgezeichnet".
Den Abend gewann Ziegler aber nicht mit den vielen Torpedofakten, sondern mit seiner Schlagfertigkeit: Als di Lorenzo kurz das Thema Plagiate anschnitt und auf die Affären rund um Guttenberg und jüngst Bildungsministerin Schavans verwies, meinte der emeritierte Professor schnell: "Plagiate, die machen mir überhaupt nichts aus. Aus meinen Büchern darf jeder abschreiben." Wenn er, dieser so Beflissene, nur überhall seine Botschaft deponieren kann. Am Montagabend im Kaufleuten wusste er wie.
Text: Adrian Schräder