Hansjörg Utz, Sie sind seit 1. Februar Redaktionsleiter von "10vor10". Im Interview mit "persoenlich.com" haben Sie vor Ihrem Amtsantritt gesagt, Sie hoffen, den Ansprüchen gerecht zu werden. Haben Sie diese erfüllt?
Die Ansprüche an mich und den Job, aber auch vom Publikum an die Sendung, sind hoch. Es ist selbstverständlich, dass ich diese nicht schon alle erfüllen kann. Vielleicht sollte das gar nie der Fall sein. Hat man alle Ansprüche erfüllt, besteht die Gefahr, satt und faul zu werden. Insofern ist es gut, wenn eine gewisse Spannung aufrecht erhalten bleibt. Wir sind aber auf gutem Weg. Einiges haben wir bereits angepackt und verändert, anderes liegt noch vor uns. Es ist bei einer täglichen Sendung wichtig, dass ihr der Chef ein Gesicht verleiht.
"10vor10" feiert sein 15-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum werden drei Sendungen von den Moderatoren der ersten Stunde -- Walter Eggenberger, Jürg Wildberger und Jana Caniga -- präsentiert. Wie kam es zu diesem Comeback der "alten Garde?
15 Jahre muss man nicht unbedingt feiern. "10vor10" ist immer noch eine vergleichsweise junge Sendung. Wir wollen aber nicht zeigen, was für tolle Hechte wir sind. Vielmehr möchten wir dem Publikum eine Freude bereiten. Dabei entstand die Idee, die Moderatoren der ersten Stunde für eine Sendung zurückzuholen. Das ist auch eine Art Respektbezeugung vor Jana Caniga, Walter Eggenberger und Jürg Wildberger.
Vor der ersten Sendung am 20. August 1990 hat Peter Studer die Aufgaben von "10vor10" folgendermassen beschrieben: Das Nachrichtenmagazin soll eine Vertiefungsstufe bieten und "das Interessanteste vom Tag an ein bereits etwas abendmüdes Publikum herantragen." Würden Sie den Leistungsauftrag heute auch noch so beschreiben?
Ich würde den Auftrag von "10vor10" auch heute noch ziemlich ähnlich definieren. Am späteren Abend -- oft nach einem anstrengenden Tag -- erwartet das Publikum etwas anderes. Darum gilt nach wie vor: wir müssen über die wichtigsten Ereignisse berichten, dies aber so verständlich und kurzweilig wie möglich. Die Beiträge dürfen sicher Unterhaltungselemente enthalten, müssen aber immer an den Fakten orientiert sein.
Als Zielpublikum definierte Peter Studer zum einen die Vielseher, die fast jeden Abend mit SF DRS verbringen. Es sollten vor allem aber auch "jüngere, beruflich aktive Leute" angesprochen werden. Wie sieht das Zielpublikum heute aus?
Schaut man das Zuschauerverhalten an ist klar: je später der Abend, desto "aktiver" ist das Fernsehpublikum.. Mit "aktiv" meine ich Leute, welche abends Sport treiben, länger arbeiten, Veranstaltungen besuchen oder die Kinder ins Bett bringen. Danach schaut man "10vor10". Eine feste Zeit für ein Nachrichtenmagazin zu wählen, um so zu einem Fixpunkt zu werden, war ein genialer Einfall des damaligen Fernsehdirektors Peter Schellenberg. Im letzten halben Jahr konnten wir beobachten, dass das Durchschnittsalter der Zuschauer leicht gesunken ist. Ich bin überzeugt, dass wir ein jüngeres, gebildetes Publikum an den Bildschirm locken können.
Wie hat sich die Berichterstattung von "10vor10" in den letzten 15 Jahren gewandelt?
Vor 15 Jahren war "10vor10" eine Wundertüte. Die Macher betrachteten die Tagesnews als Topf, aus dem sie das Spannendste herausnahmen, unabhängig davon, ob es auch das Wichtigste war. Es gab sehr viel Raum für Experimente und mehr Platz für das Quere, das Schräge und Freche. Die Sendung musste auf sich aufmerksam machen. Es durfte nie der Vorwurf auftauchen, "10vor10 sei eine zweite "Tagesschau. Das Nachrichtenmagazin hat sich dann langsam etabliert. Vor allem 1992 rund um die EWR-Abstimmung begann die politische und wirtschaftliche Elite "10vor10 als Plattform zu nutzen. Danach folgten Phasen, in denen sich die Berichterstattung mal eher an den grossen Politthemen, mal eher an den Soft News orientierte. Wir versuchen nun eine Synergie zwischen diesen beiden Polen herzustellen. Es ist nichts gegen Boulevardthemen einzuwenden. Es ist nur die Frage, wie man es macht. Auch leichte Themen lassen sich geistreich darstellen.
Es hat in den 15 Jahren immer wieder Beschwerden gegeben. Jürg Wildberger musste sich sogar einmal öffentlich für einen ausgestrahlten Beitrag entschuldigen. Will man sich zum Teil bewusst an der Grenze bewegen?
Provozieren um der Provokation Willen ist heute nicht mehr nötig. Es ist aber durchaus erlaubt, eine leicht provokative Note einzubringen, um Debatten anzuregen. Sei dies durch kritische Fragen oder durch eine gewisse Zuspitzung, damit sich der Kern des Wesentlichen herausschält.
Medienwissenschafter Urs Meier sagt in der Mittelland Zeitung, es komme zu diesen Beschwerden, weil man bei "10vor10" versuche, eine "grösstmögliche Emotionalisierung zu erreichen". Stimmen sie dem zu?
Ich habe grundsätzlich einen analytischen Zugang zu Geschichten. Gleichzeitig möchte ich die Stärke des Mediums Fernsehen ausspielen und das ist die Emotion. Starke Bilder und gute O-Töne, die den Bauch ansprechen, können oft mehr ausdrücken als eine noch so kunstvolle Beschreibung.
Birgt das Format, eine Mixtur aus Information und Entertainment, die Gefahr, manchmal über das Ziel hinauszuschiessen?
Diese Gefahr besteht bei fast jeder Sendung. Dem begegnen wir, indem wir uns immer wieder selbst kritisieren. Die Frage, ob wir ein Thema richtig behandelt haben, diskutieren wir jeden Tag. Ich versuche die Redaktionskultur in diese Richtung weiter zu entwickeln, und das scheint mir bisher ganz gut gelungen.
Zum Geburtstag gibt es normalerweise Geschenke. Was wünschen Sie sich für "10vor10"?
Ich würde mir nochmals einige starke Journalistinnen und Journalisten wünschen, die das Team ergänzen. Wir sind knapp besetzt. Wir erleben es leider immer wieder, dass wir aus personellen Gründen wichtige Beiträge nicht realisieren können.
(Interview: Stefan Wyss)