Patrik Müller, Sie waren in diesem Jahr zum 21. Mal am WEF in Davos. Was wird Ihnen von der diesjährigen Ausgabe besonders in Erinnerung bleiben?
Die Begegnung mit Wolodimir Selenski ausserhalb des Kongresszentrums: Er tauchte am Dienstagabend in einer Ausstellung auf, in der eine ukrainische Organisation das Grauen des Kriegs dokumentiert. Er hielt sich 45 Minuten in der Ausstellung auf. Einzigartig war an diesem WEF, wie die Schweiz auftrat: Statt zurückhaltend wie sonst agierte der Bundesrat mit der Friedensinitiative sehr offensiv.
Welches war in all den Jahren Ihr journalistisches Highlight?
Inhaltlich war das WEF 2009 zur globalen Finanzkrise am spannendsten. Was den Unterhaltungswert betrifft, war es früher lustiger, ich erinnere mich an eine rauschende Party, bei der Google-Gründer Sergei Brin 2006 die besten Weine ausschenkte, darunter «Cheval blanc», Jahrgang 1959, die Flasche kostete 1550 Franken.
«Bei 20 Anfragen für ein Interview kommt im Schnitt eines zustande»
Wann haben Sie sich geärgert, weil ein Artikel oder ein Interview nicht zustande kam?
Immer wieder. Von 20 Interviewanfragen an Top-Gäste gibt es von 10 gar keine Antwort und von 9 freundliche Absagen. Im Schnitt gelingt eins.
Was ist heute vom «Geist von Davos» übrig? Ihr früherer Redaktionskollege Markus Gisler sah ihn 2003 – bei Ihrem ersten Besuch – hinter Stacheldraht und Barrikaden verschwinden.
Seither hat sich das WEF geöffnet. Klaus Schwab hat auf seinen schlauen Berater Franz Egle gehört und den «Feind» eingebunden. Grüne und linke Weltverbesserer sprechen inzwischen nicht mehr draussen auf der Strasse, sondern als offizielle Teilnehmer drinnen im abgeriegelten Kongresszentrum. Sogar Greta Thunberg war zweimal da.
Wie hat sich der Zugang für Medienschaffende zu den prominenten WEF-Gästen in den letzten zwanzig Jahren verändert?
Da hat sich nicht viel geändert, als Journalist hat man die Chance, auch hochkarätigen Gästen zufällig zu begegnen und ein paar Worte zu wechseln. Meist off the record, aber mit Bill Clinton glückte mir mal ein offizielles Drei-Minuten-Interview.
Sammeln Sie auch Autogramme wichtiger Persönlichkeiten, wie das gewisse Kollegen machten?
Nein, aber in einem Fall bereue ich es: Vom Fussballer Pelé hätte ich eins holen sollen.
«Es sind meist einmalige Begegnungen, das relativiert die Gefahr der Instrumentalisierung»
Das WEF lebt vor allem vom informellen Charakter; Politikerinnen, Wirtschaftsführer, Wissenschaftlerinnen und Medienschaffende treffen sich am Cheminée und im Fonduestübli. Haben Sie in Davos viel erfahren, das Sie nicht schreiben dürfen?
Ja, durchaus. Es gibt vertrauliche Hintergrundgespräche mit Staatspräsidenten oder dem Microsoft-CEO. Das macht im kleinen Kreis Eindruck, aber meist kommt man zum Schluss: Was sie hier unter dem Siegel der Vertraulichkeit erzählen, haben sie so oder ähnlich auch an Pressekonferenzen schon gesagt.
Allgemeiner gefragt: Wie gross ist das Risiko der Instrumentalisierung, wenn man wichtigen Akteuren so nahe kommt?
Es sind meist einmalige Begegnungen, das relativiert diese Gefahr enorm: Diese ist vor allem dann gross, wenn man immer wieder mit denselben Leuten zu tun hat.
Hat sich am Umgang unter den anwesenden Akteuren am WEF in den letzten 21 Jahren etwas geändert? Nehmen Sie neue Gepflogenheiten wahr?
Die Krawatten sind längst gefallen, der Ton ist lockerer geworden. Zugleich sind die Gäste viel vorsichtiger geworden. Früher hat man schon mal einen CEO mit Escort-Dame an der Belvédère-Bar gesichtet, und es wurden in den Bars spätabends Zigarren geraucht. Das ist vorbei. Die Gäste sind risikoavers geworden, im Zeitalter von Social Media wollen sie vermeiden, dass Bilder, die Dekadenz ausstrahlen, um die Welt gehen. Dazu passt auch, dass heutzutage die meisten Partys unspektakulär sind und vor Mitternacht ausklingen.
Der WEF-Besuch ist nicht ganz günstig. Übernachtung und Verpflegung sind in letzter Zeit auch nicht billiger geworden. Stimmen Aufwand und Ertrag für ein Medienunternehmen mit schrumpfendem Budget noch?
Unser dreiköpfiges Team wohnt vergleichsweise günstig in der Ferienwohnung eines Arbeitskollegen. Und verpflegen können sich Medienschaffende kostenlos: Im Kongresszentrum gibt es auf Kosten des WEF vegetarische Sandwiches, Suppe und Smoothies an der «Health Bar» – sie heisst wirklich so.
«2024 war eine der interessanteren Ausgaben»
Werden Sie beim nächsten WEF 2025 wieder aus Davos berichten?
Ich stelle mir diese Frage jedes Jahr von neuem, aber wahrscheinlich schon. 2024 war eine der interessanteren Ausgaben.
Stellt sich nach so vielen WEF-Besuchen nicht irgendwann ein Deja-vu-Effekt ein?
Was die Abläufe und das Setting betrifft, ja. Aber weil die Gäste und Themen ändern und oft sehr aktuell sind, war noch jeder Besuch journalistisch ergiebig.