Erstmals erschien am Sonntag die siebte Ausgabe der Mittelland Zeitung (MZ), "Sonntag", bereits am Mittwoch startet das Gratisblatt Punkt.ch. Das Buhlen um die Leser und Inseratenkunden auf dem Deutschweizer Medienmarkt verschärft sich damit. Welche Chancen wird den beiden neuen Titeln in der Medien- und Werbeindustrie eingeräumt? "persoenlich.com" hat Exponenten aus der Media- und Medienbranche um eine Einschätzung gebeten.
Karl Lüönd, Publizist:
"Über den Erfolg von Punkt.ch entscheidet der Vertrieb. Gratis-Hauszustellung am frühen Morgen erhöht das Risiko des Projekts und die Kosten sowieso. Die Beteiligten wissen das, spielen es in der Öffentlichkeit aber herunter. Es wird eine scharfe Debatte über Littering im öffentlichen Raum geben. Ich habe den Eindruck, dass die Promotoren von Punkt.ch diesen 'Killer-Aspekt' unterschätzen. Auch dem 'Sonntag' ist Glück zu wünschen, auch er kanns brauchen. Mich beeindruckt, dass Peter Wanner stark in die redaktionelle Qualität investiert und etliche wirklich erstklassige Leute verpflichtet hat. Da schon die AZ trotz Monopolstellung die Qualität immer hoch gehalten hat, bin ich zuversichtlich. Knapp 50 Prozent der lesefähigen Bevölkerung haben noch keine Sonntagszeitung. Es ist also noch Potenzial da, ich rechne mit einem Schulterschluss mit der 'Südostschweiz'. "
Rainer Stadler, Medienjournalist der NZZ:
"'.ch' ist ein teures Projekt, aber ich traue ihm einiges zu. Für die Werbewirtschaft muss der neue Anbieter interessant sein, weil er mehr Preiswettbewerb schafft. Der 'Sonntag' ist personell relativ knapp ausgestattet. Das erschwert es ihm, in der Liga der sprachregionalen Sonntagsblätter mitzuspielen. Die Sonntagsausgabe der "Südostschweiz" ist bei den Inserenten nicht wirklich ein Renner. Man muss also zweifeln, ob der 'Sonntag' ohne weitere Zeitungspartner auf dem nationalen Anzeigenmarkt attraktiv genug ist. Das derzeitige Gerangel auf dem Pressemarkt wird den Restrukturierungsprozess in der Schweiz beschleunigen."
Riccarda Mecklenburg, Geschäftsführerin M&M Media Holding:
"Neue Gratiszeitungen, neue Sonntagszeitung, neue Kombis alles schön und gut. Es stellt sich nur die Frage: Wer soll das bezahlen? Ums Lesen müssen wir uns ja laut den neusten MACH-Zahlen keine Sorgen machen: was gratis ist, findet seine Leser. Aber wer bezahlt die notwendigen Inseratenseiten, wenn keine Abo-Einnahmen -- oder nur Bruchteile mittels Zwangsabo-Erhöhung bei der Sonntagszeitung -- zur Verfügung stehen? Der Werbemarkt für Print wächst nicht signifikant, also geht es um einen Verdrängungswettbewerb.
Heutzutage hat sicher eine zweite grosse Gratiszeitung Platz in der Schweiz, falls die Anschubsfinanzierung oligarchenmässig gewährleistet ist. Bluten werden die Boulevardpresse, die Regionalpresse und die kleinen Gratistitel -- kurz alle Printprodukte, die das Föderalistische der Schweiz widerspiegeln. Denn es findet nicht nur ein Verdrängungskampf statt, sondern auch ein Preiskampf.
Die Publigroupe mit der Publicitas als Lanzenträgerin der Tariftreue zieht sich sukzessive aus diesem Geschäft zurück und positioniert sich medial breiter. Entsprechend hart werden jetzt jene verhandeln und ihre Chancen nutzen, welche für grosse Kunden einkaufen. Bei so vielen Anbietern lässt es sich eben trefflich schachern. Wollten das die Verleger? Ist es mal wieder so weit, dass man dem Konkurrenten noch nicht einmal die Schnupfenviren gönnt? O.K. wir sind fit und warten. Taschentücher inklusive."
Daniel Strobel, CEO Publimedia:
"Ich geb's zu: Ich freue mich. Ich freue mich gleich doppelt. Der Grund ist einfach: da schreibt und spricht und somit liest und hört man(n) und frau unermüdlich vom leidvollen Tode der Printprodukte. Und, was passiert in diesen Tagen? Das pure Gegenteil. Gut so. Doch zu den Produkten. Der Sonntag ist für mich und meine ganze Familie ein ausgeprägter Lesetag. Zugegeben; unsere Haushaltung ist zu diesem Thema wohl nicht so repräsentativ. Macht aber nichts. Denn stimmen tut's trotzdem. Und wenn ich nun als Oltner mein Oltner Tagblatt auch noch am Sonntag kriege (und bei allen anderen Partner der Mittellandzeitung geschieht ihres- und seinesgleichen) dann empfind ich das als wirkliche Bereicherung. Und so, wie sich das Produkt bis anhin in Probenummern präsentierte, wird das eine tolle Sache. Kein Zweifel.
Wird dadurch das Werbegeld am Sonntag wie Manna ähnlich vom gleichnamigen Himmel fallen, sich gar vermehren? Wohl eher nicht. "Teile!", heisst die Devise. Und ob der Sonntag dem Werktag Inserate nimmt, das werden wir wohl erst in einigen Monaten wissen. Ich selbst werde weiterhin auch die anderen Sonntagstitel lesen und kaufen. Aber wie geschrieben; unser Haushalt ist diesbezüglich wohl eher nicht repräsentativ. Und so kommen wir zum Punkt.ch. Auch hier haben wir es mit Machern zu tun, die wissen, wie gute Printprodukte auszusehen haben. Also nichts Verblüffendes. Verblüffend die Distribution, die gleichsam auch der Knackpunkt von "Punkt.ch" ist. Klappt die -- im Sinne wie sich das die Verantwortlichen von Punkt.ch vorstellen -- dann dürfte es nicht nur 20 Minuten, dem Blick sondern auch den jeweils ansässigen Lokalzeitungen punktuell zu schaffen machen. Die Distribution als Punktchen auf dem I? Hier wohl eher als (Knack-)Punkt zu sehen."
Andy Lehmann, CEO Aegis Media Group:
"Bestehen zwischen 'Sonntag' und '.ch' irgendwelche Parallelen, ausser dass beide Titel auf Zeitungspapier gedruckt werden? Ich denke nicht. 'Sonntag' ist eine abonnierte Zeitung, auch wenn die Rechnung erst 'später' kommt -- sie kommt aber so sicher wie das Amen in den Mittelland-Kirchen am Sonntagmorgen. Die Erfolgsfrage stellt sich darum nur bedingt, da die lieben 'Sonntags'-Leser die Zeitung ungefragt bekommen und bezahlen. Das wird wohl ein schon fast klassischer Selbstläufer (Lebrument lässt grüssen).
Was Ende 2008 mit den Abos der anderen Sonntags-Blätter in den Mittalland-Haushalten passiert werden wir sehen. '.ch' wird um die Leser kämpfen müssen und hat damit eine ganz andere Ausgangslage. Hier entscheidet schlussendlich die Qualität des Inhalts. Wenn die Zeitung gefragt wird, so löst sich auch die Distribution von selbst -- die Nachfrage bestimmt das Angebot. '.ch' ist unter schnellem Erfolgsdruck, da die Zeit bis zur Lancierung des neuen Tamedia-Titels wohl nicht allzu lange sein wird. Bezahlen werden die '.ch'-Rechnung wohl die Lokalzeitungen."
Peter Hofstetter, CEO Mediaxis:
"'.ch' tritt sehr kompetent auf, das Zeitungskonzept ist gut und wird glaubwürdig vermittelt. Ich kann mir deshalb gut vostellen, dass die Lancierung der Zeitung funktioniert. Für mich steht und fällt die Sache mit der Distribution. Dank der Hauszustellung ist '.ch' die erste Gratiszeitung, welche den Lesern in die Hände fällt Es könnte also tatsächlich eine Verdrängung stattfinden. Im Werbemarkt spüre ich allerdings keine Euphorie. Die Kunden finden nicht, dass sie dabei sein müssen. Bei der Lancierung von 20 Minuten war dies allderdings nicht anders."