06.10.2014

NZZ Folio

"Was geschieht mit dem schillerndsten Vertreter unserer Branche?"

Chefredaktor Daniel Weber zur aktuellen Ausgabe über Reporter.
NZZ Folio: "Was geschieht mit dem schillerndsten Vertreter unserer Branche?"

Herr Weber, die aktuelle Ausgabe des "NZZ Folio" widmet sich dem Beruf des Reporters. Wieso?
Ich bin kein Freund der Nabelschau. Aber unsere Branche befindet sich in einem Umbruch, und da erschien es uns reizvoll, ihren schillerndsten Vertreter, den "rasenden" Reporter, zum Thema zu machen und zu fragen: Was geschieht eigentlich mit ihm in diesen unsicheren Zeiten?

Das Heft entstand in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Reportagen". Wie kam es dazu?
Bei einem Kaffee mit Daniel Puntas Bernet erzählte ich ihm von unserem Projekt. Uns war auf Anhieb klar, dass eine Kooperation für beide Titel attraktiv sein könnte. Die beiden Redaktionen haben sich dann inhaltlich so abgestimmt, dass die Beiträge im "NZZ Folio" und in "Reportagen" sich gegenseitig ergänzen. So findet man zum Beispiel im "Folio" ein Porträt des Kriegsreporters Kurt Pelda, in "Reportagen" einen Text von ihm über die Mikrowirtschaft im syrischen Kriegsgebiet.

Den Artikeln der Zeitschrift "Reportagen" fehlt – wenn auch völlig bewusst – ein wichtiger Aspekt: die Bilder. Sind die nicht unverzichtbar?
Die Frage müssen Sie Daniel Puntas Bernet stellen. Ich halte es für kühn, auf Bilder zu verzichten. Aber einige der besten Reportagen, die ich kenne, sind im "New Yorker" erschienen – ohne Bilder.

In der Ausgabe wird auch das schwierige Abwägen von Nähe und Distanz, von veröffentlichen oder eben nicht veröffentlichen, thematisiert. Haben Sie je die Veröffentlichung eines Textes bereut?
Nein.

Stefan Willeke, Chefreporter der "Zeit", schreibt im "Folio" zu der Arbeit als Reporter: "Besser, man überschreitet die Grenze und lernt daraus, als dass man sie aus falscher Zurückhaltung niemals zu sehen bekommt." Gemeint ist die moralische Grenze. Sind Sie seiner Meinung?
Willeke schreibt aber auch, dass einige seiner aufschlussreichsten Beobachtungen es nie in die Zeitung geschafft hätten, nur in seinen Notizblock. Ich habe zurzeit nicht den Eindruck, dass der Journalismus an falscher Zurückhaltung krankt.

In letzter Zeit tritt das "Folio" immer eigenständiger auf. Wie bewährt sich die Zeitschrift eigentlich im Kioskverkauf?
Erst seit gut einem Jahr ist das "Folio" auch separat am Kiosk erhältlich. Der Verkauf geht in die Hunderte, noch nicht in die Tausende.

Sie sind einer der dienstältesten Chefredaktoren der Schweiz und seit der Gründung Teil der "Folio"-Redaktion. Worin liegt die tägliche Herausforderung? Haben Sie das Reporter-Gen?
Für meine tägliche Arbeit brauche ich vor allem das Kritiker-Gen – das Reporter-Gen brauchen meine Kolleginnen und Kollegen.

Die Geschäftsleitung der NZZ hat in letzter Zeit mehrfach grossmundig ein Bekenntnis zum Inhalt und zur Qualität abgegeben. Ist dies auch ein Bekenntnis zum "Folio"?
Ich habe keine Veranlassung, das zu bezweifeln.

Gibt es zu wenig Reportagen?
Nein. Die Medien pflegen ja im Print und online viel mehr und viel bewusster als früher eine Vielfalt von journalistischen Formen, darunter auch die Reportage. 

Welches sind für Sie die besten Reporter der Schweiz?
Um Ihnen eine Liste zu ersparen, nenne ich nur zwei, die ich immer wieder mit Gewinn und Vergnügen lese: Margrit Sprecher und Peter Haffner.

Fragen: Adrian Schräder//Bilder: Folio



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