Herr van Rooijen, Sie sind mit Ihrer "Stilradar"-Kolumne Anlaufstelle für Stilfragen aller Art. Wirklich aller Art. Geht Ihnen das manchmal nicht auch selbst etwas zu weit, wenn da von Darmwinden und Toilettenspülungen die Rede ist?
Natürlich sind manche Fragen haarsträubend, und ich weiss wohl, dass manche Leser sich auch einen Scherz damit erlauben, mir zu schreiben. Doch was ich mit der Kolumne verbreite, ist ja eine Mischung aus Lebenshilfe und Unterhaltung, und darum dürfen auch die absurden Fragen einen Platz haben. Ich weiss, dass viele Menschen gerade deshalb die Kolumne gerne lesen, weil man auch schmunzeln kann. Wenn alles nur todernst wäre, wär so viel Stilberatung ja kaum zu ertragen.
Es geht um Möbel, um Kleidung, um Etikette, aber auch – je länger, je mehr, wie es scheint – um Fragen rund um Anstandsregeln, die eigentlich gar kein Thema sein sollten, respektive mit dem gesunden Menschenverstand beantwortet werden könnten. Wieso wenden sich die Leute damit an Sie?
Viele wollen sich wohl bei mir im Sinne eines "unabhängigen Schiedsgerichts" rückversichern bezüglich Streitfragen, die sie mit Freunden oder ihrem Partner hatten. Ich fungiere in solchen Momenten als der, der den Daumen hoch oder runter zeigt. Natürlich muss ich mich dabei immer auf mein eigenes Gefühl und meinen "gesunden" Menschenverstand verlassen, denn gültige Gesetzbücher zu Stil und Anstand gibt es keine, obwohl viele Leute scheinbar eine grosse Sehnsucht danach haben.
Was glauben Sie: Woher kommt die Unsicherheit, die sich in den Zuschriften manifestiert?
Stil ist in einer hochverfeinerten Kultur, wie wir sie – glücklicherweise! – um uns haben, ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Sich gut anziehen oder ein tolles Auto fahren kann ja heute fast jeder, dank Budgetmode oder Leasing. Was angesichts der Demokratisierung des Luxus und der feinen Lebensart aber noch unterscheidet, ist, ob jemand auch Klasse und Rückgrat hat. Darum geht's ja beim Stil: Sich treu zu sein, seinen Weg zu gehen, Haltung an den Tag zu legen.
Hand aufs Herz: Sind all die Zuschriften echt? Und ernst gemeint?
Alle Zuschriften sind echt und dokumentiert – sie können vom ersten Tag an alles nachprüfen, wenn sie möchten. Ich frage bei jeder Zuschrift auch routinemässig zurück, um zu sehen, ob der Absender auch wirklich existiert. Manche Leser wünschen sich eine grössere Anonymisierung Ihrer Fragen, weswegen wir manchmal einen Namen oder ein Initial abändern, aber sonst: Alles aus dem Leben gegriffen! Ob auch alles ganz ernst gemeint ist? 75 Prozent der Anfragen ganz gewiss.
Vor ein paar Wochen schrieb Ihnen Marco B. aus Bern. Er beschrieb seinen Look als Mischung zwischen "Möchtegern-Indie und Grunge". Grunge ist nun seit bald zwanzig Jahren vorbei. Alles schien darauf ausgerichtet, dass Sie den Satz "Sie sind ein sortenreiner Hipster" platzieren können. Haben Sie nachgeholfen? Oder täuscht dieser Eindruck?
Ich will Ihnen – aber nur Ihnen! – bei Bedarf ganz gerne die Originalzuschrift von Marco inklusive seiner Fotos zeigen. Diese Steilvorlage habe ich natürlich gerne aufgenommen. Marco sieht aber anders aus als von der Illustratorin Gisela Goppel gezeichnet, denn das wäre zu platt gewesen, ihn einfach abzumalen.
Wie viele Zuschriften erhalten Sie eigentlich im Durchschnitt so pro Woche?
Es kommen pro Tag rund drei bis sechs Anfragen rein – am Sonntag und Montag naturgemäss auch mehr, weil die Seite in der "NZZ am Sonntag" dann aktuell ist. Pro Woche sind es also sicher an die zwanzig Leser, die sich melden. Leider kann ich nicht allen antworten. Das wäre ja ein Fulltime-Job.
Sie scheinen für die Leser der "NZZ" zur Stilinstanz geworden zu sein. Wer sind Ihre Instanzen in Stilfragen? Wer ist in Ihren Augen kompetent und stilsicher?
Es gibt auf internationalem Parkett schon ein paar Referenzgrössen – in Sachen Mode ist mir das Handbuch des Stils von Christian Dior ein liebgewonnener Begleiter, oder auch Hardy Amies' "Anzug und Gentleman". Toll ist auch Alan Flusser, allerdings sehr amerikanisch. Die deutschen Stilpropheten sind mir aber alle zu ernst...
Bild: Der französische Modeschöpfer und Stilpapst Christian Dior, anno 1950.
Wie beurteilen Sie die Schweizer Stilkritik-Konkurrenz? Kollegin Bettina Weber vom "Tages-Anzeiger" hat ebenfalls einen starken Brand um sich aufgebaut.
Ich freue mich, dass ich die Kollegin, mit der ich in den neunziger Jahren auch einmal zusammengearbeitet habe, zu einer ähnlichen Kolumne inspirieren konnte und respektiere ihre Arbeit. Andere mehrheitsfähige Formate dieser Art kenne ich keine.
Sie waren einst Leiter des Stil-Ressorts bei der NZZ. Wieso haben Sie eigentlich einen Schritt zurück gemacht?
Weil es eine extrem aufreibende und kräftezehrende Aufgabe ist, jede Woche eine Stilbeilage und jeden Monat ein Luxusmagazin zu machen. Ich hatte es oft genug gemacht und fühlte einen starken Wunsch, wieder etwas Neues zu machen. Die NZZ liess mich aber nicht ganz gehen.
Womit beschäftigen Sie sich heute genau?
Mein Lieblingsding ist derzeit das vor zweieinhalb Jahren in unternehmerischer Unabhängigkeit gegründete Männermagazin "Gentlemen's Report", das inzwischen Teil des NZZ-Verlagsprogramms geworden ist und 2013 wieder vier Mal erscheint. Hier investiere ich viel Kreativität und Energie. Darüber hinaus schreibe ich – für die "NZZ", die "NZZ am Sonntag" und das "NZZ Folio". Und zunehmend für NZZ.ch, also online. Ausserdem braucht die Betreuung und Nachbearbeitung der wöchentlichen Stilkolumne viel Zeit: Auf NZZ.ch gehen die Diskussionen oft noch weiter – mit Feedbacks, Widerspruch und Anregungen anderer Leser.
In Ihrem Ressort wird man pausenlos von Markenherstellern in die Mangel genommen. Wie schwer fällt es da die Unabhängigkeit zu bewahren?
Man muss immer kritisch bleiben und sich fragen: Würde ich so etwas kaufen wollen? Würde ich es guten Freunden wirklich empfehlen? Geht das Konzept auf? Kann man das guten Gewissens seinen Lesern auftischen? Wenn man dann ja sagt, macht es auch Freude, Neuigkeiten von Marken mit der nötigen eigenen Handschrift zu beschreiben.
Der Ton einer Stilkritik hat generell etwas Oberlehrerhaftes: Halten Sie sich selbst an alle Ihre Regeln?
Aber sicher – oder: zumindest versuche ich zu leben, was ich predige. Wie sonst könnte ich mich reinen Gewissens um das frei gewordene Amt des Papstes bewerben?
Ganz generell die Frage: Kann man eigentlich gleichzeitig Bünzli und Ästhet sein?
Aber gewiss doch. Man kann konservativ und konsumskeptisch sein und trotzdem Stil haben. Stil hat ja nichts mit Mode oder Geld zu tun. Ein bisschen Wertkonservativismus ist sogar gut! Man ist dann vor modischem Geckentum gefeit. Geiz ist aber mitnichten geil. Denn gute Dinge kosten manchmal einfach etwas mehr als durchschnittliches Zeugs.
Schauen Sie sich die Bilder zur diesjährigen ADC-Gala an – dem Werbe-Olymp der Schweiz. Was fällt Ihnen als Stilkritiker auf?
Ich stelle mit Bedauern fest, dass ich offenbar ein frohes Fest verpasst habe!? Hatte der Moderator gerade einen finanziellen Engpass, dass er seinen Karnevalsanzug auch am Abend trug? Und musste Frank Bodin noch einen Fechtkampf schlagen? Danielle Lanz sah schick aus. Aber die Herren – in der Summe viel zu viele 08/15-Looks mit dunkler Jeans, offenem Hemd und dunklem Blazer. Traurig auch die vielen Turnschuhe zum Anzug. Und ganz bedenklich, dass ausgerechnet die Werber noch nicht gemerkt haben, dass die Krawatte (schmaler, matter) wieder zurück ist?! Shame on you, guys.
Interview: Adrian Schräder/Bild jvr: Christian Beutler, NZZ/Bild Dior: Keystone