Was sagt der Mann eigentlich?

Kall-Speak und sein Subtext - Von Roger Schawinski.

Die seltenen Worte des grossen Vorsitzenden Martin Kall gilt es mit ähnlicher Akribie zu analysieren wie früher die Verlautbarungen des Zentralkomitees in der Istwestja, da man sonst nicht bis zur Substanz seiner Aussagen vordringt. Daher an dieser Stelle einige subtile Interpretationsversuche zu seinem gestrigen Interview in der NZZ am Sonntag.

l. Seine Ankündigung der Lancierung einer neuen Zeitung durch die Tamedia noch in diesem Jahr erfolgte bei der direkten Konkurrenz, der NZZ. Das ist ein neuer Stil. Sicher hat Martin Kall in unzähligen Workshops über Firmenkultur erfahren, wie wichtig die Kommunikation gegen innen ist. Aber im Ernstfall ist ihm die Befindlichkeit seiner Mitarbeiter schnuppe. In seiner Güterabwägung ist ihm die maximale Wirkung gegen aussen wichtiger. Bild-Chef Kai Diekmann hat ihm es vorgemacht, der die Verlegung seiner Redaktion von Hamburg nach Berlin in einem Interview in der FAZ ankündigte, was hausintern für viel böses Blut gesorgt hat. Diekmann musste dann teilweise zurückrudern, weil vieles nicht ausgereift war. Trotzdem dient dieses ruppige Vorgehen Martin Kall als Vorbild.

2. Martin Kall will im Interview partout nicht sagen, ob es sich um eine Kauf- oder eine Gratiszeitung handelt. Damit wendet er seine übliche, bewährte Taktik an: Das Verfeuern von Nebelgranaten, um beim Gegner für grösstmögliche Verwirrung zu sorgen. Alle sollen vor ihm zittern, alle. Doch die Wirkung dürfte bei näherer Betrachtung diesmal eher bescheiden sein, da es sich bei diesem Projekt allein um eine weitere Gratiszeitung handeln kann, die er zur Abwehr seines so unglaublich lukrativen Gratiszeitungs-Fastmonopol auf den Markt werfen will. Darauf gehe ich jede Wette ein. Zur Gründung einer Zeitung, die ihre Leser in traditioneller Manier am Kiosk und per Abonnement finden müsste, liegt wohl weder die notwendige kreative Idee vor, noch besitzt er dazu den ebenfalls unerlässlichen verlegerischen Mut. Das Facts-Desaster sitzt ihm und seinem Verwaltungsrat bestimmt noch zu tief in den Knochen.

3. Wenn Martin Kall zum Beweis seiner Kreativität als Macher zuerst 20 minutes erwähnt, gibt er sich eine erstaunliche Blösse. 20 minutes ist keine neue Idee, sondern nur eine konsequente "line extension" eines Erfolgsprodukts. Und wenn er als zweite Grosstat den Online-Auftritt von 20 Minuten nennt -- den es im Rahmen der damaligen technischen Möglichkeiten übrigens schon vor dem Kauf durch die Tamedia gab -- schiesst er sich ebenfalls ins Knie. Denn damit weist er indirekt auf die stiefmütterliche Dotierung der Online-Redaktion des Tages-Anzeigers hin, die höchstens für die dritte Regionalliga reicht. Das zeigt deutlicher als alles andere, wie unterschiedlich die Zukunftschancen der beiden konkurrierenden Produkte in der Chefetage bewertet werden. Ein weiteres Beispiel aus diesem Bereich: Als wohl einziges Blatt im deutschsprachigen Raum findet der Tages-Anzeiger bei der Google-Recherche schlicht nicht statt. Aber vielleicht ist dies nur die konsequente Fortsetzung einer Politik, mit der man den internationalen Vertriebs des Blattes eingedampft hat. Offenbar will man wirklich nichts unversucht lassen, um jede Ausstrahlung des Tages-Anzeigers über Eglisau hinaus zu verhindern.

4. Kall wiederholt seine Aussage, dass Andreas Durisch seine Aufgabe bei Facts gut gemacht habe. Dann fügt er aber hinzu, dass es Facts nicht geschafft habe, an die Sonntags-Zeitung heranzukommen. Damit umschreibt er erstmals seinen grössten Manager-Fehler. Denn wie sollte der gute Andreas Durisch entscheiden, wenn ihm anfangs Woche eine tolle Geschichte zugetragen wurde? Welchem seiner beiden Blätter sollte er den Primeur zuhalten? Wer hatte gerade eine tolle Story mehr nötig? Er war also weniger ein doppelter Chefredaktor als ein halber Broker. Aber das ist keine Rolle für einen Journalisten. Innerhalb von Redaktionen sollte recherchiert und geschrieben und nicht gedealt werden.

5. Martin Kall tönt an, dass man prüfe, für Tages-Anzeiger und Berner Zeitung einen gemeinsamen Mantel herzustellen. Seine Zurückhaltung in der Formulierung ist vor allem damit zu erklären, dass das Wettbewerbsverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Man will die zurzeit schlafenden Hunde nicht wecken. Verräterisch ist jedoch vor allem eine Aussage, und nicht, durch das, was er sagt, sondern, durch den Teil, den er ausspart: "Entscheidend ist doch die Frage: Wird die Zeitung besser oder schlechter?", erklärt er dem Journalisten. Das bewusste Ausklammern der für Martin Kall einzig messbaren und damit relevantesten Grösse -- nämlich die möglichen Kostenersparnisse -- weist auf ein etwas gar durchsichtiges Ablenkungsmanöver hin. Zwar weiss Martin Kall, dass sich die Welt aus Berner Sicht in fast allen Belangen anders präsentiert als aus Zürich. Wenn da nur die verfluchten Ebitda-Erwägungen nicht wären...

6. Putzig wirkt zum Schluss des Interviews die Äusserung über den Kauf von 20 Minuten. Es gab einen "Gesinnungswechsel der Eigentümer", erklärt Kall, "sie verkauften uns unerwartet das Blatt." Das ist wie wenn jemand erklären würde, man habe ihm "unerwartet" eine Geldbörse ausgehändigt und dabei ein Detail auslässt, nämlich, dass er seinem Gegenüber zuvor wochenlang das Messer an die Gurgel gesetzt hatte.

Also viel Holz, was uns der liebe Martin Kall da so anliefert. Man sollte den Mann wahrlich nicht unterschätzen. Aber vor allem sollte man ihn richtig lesen.