Bis zu einer Million Zuschauer erreicht NZZ-Format im deutschen Fernsehen. Nun forciert die Neue Zürcher Zeitung AG ihr Engagement im deutschsprachigen TV-Markt und beteiligt sich an der auf Kultur- und Bildungssendungen spezialisierten Fernsehfirma DCTP. Ist die TV- und Filmproduktion für das Zürcher Medienhaus mehr als bloss ein Nischengeschäft? "persoenlich.com" sprach mit Wolfgang Frei, Leiter des Bereichs TV und Film bei der NZZ, über die Pläne des Traditionsunternehmens in der digitalisierten Medienwelt. Das Interview:
Herr Frei, die in jüngster Zeit finanziell nicht sehr erfolgreiche NZZ investiert in den kostenintensiven TV-Markt. Ein risikoreiches Unterfangen?
Nein, ich glaube nicht. Denn DCTP ist ein Unternehmen, das von Beginn weg stets kostendeckend oder besser gewirtschaftet hat. Davon hat auch die NZZ profitiert. Was wir erreicht haben, ist selten bei Schweizer TV-Aktivitäten.
Lässt sich denn mit Kultur- und Bildungsfernsehen Geld verdienen?
Natürlich ist es kein "Big Business". Der Vorteil aber ist, dass wir Sendungen produzieren, die lange haltbar sind. Aktualitätsbezogene Beiträge haben wir nie hergestellt. Unsere Produktionen können also auch in einem Jahr wiederholt werden. Aufgrund der vielen Möglichkeiten zur Wiederverwertung hat dieser Aspekt heute weit mehr Gewicht als früher.
Ist die Expansion im TV-Geschäft auch auf den Generationenwechsel in der Führung der NZZ zurückzuführen?
Nein. Das Geschäft stand schon länger an. Es gibt hier keinen Zusammenhang.
Weshalb erhöht die NZZ die Beteiligung an der DCTP?
Die Beteiligung an der DCTP ist eine Fortführung und Festigung der Zusammenarbeit mit einer Firma, mit der wir schon lange äussert erfolgreich und gut zusammenarbeiten. Die NZZ passt in persönlicher, inhaltlicher und geschäftlicher Hinsicht zur DCTP und ihre Mitsprache hat auch ein gewisses Gewicht.
Welche Rolle will die NZZ in der deutschen TV-Landschaft spielen?
Lassen Sie mich ein wenig ausholen: Die Digitalisierung führt im TV-Bereich dazu, dass die Knappheitsproblematik nicht mehr gross ist. Die Kanäle Kabel digital, Satellit digital, IPTV, Mobile TV etc. ermöglichen den grossen Inhalteanbietern, auch als Vermittler und Veranstalter aufzutreten. Sie können nun auch mit den klassischen Anbietern in Konkurrenz treten. Für die kleineren Anbieter wie die NZZ bestehen damit plötzlich viel mehr Möglichkeiten, ihre Inhalte zu verbreiten. Wir erachten diese Entwicklung als grosse Chance, da wir nicht mehr auf ganz wenige Veranstalter angewiesen sind. Unsere Inhalte eignen sich dabei gut, weil sie zum einen -- wie schon gesagt -- lange haltbar sind und zum anderen auch von Beginn weg international ausgerichtet waren.
Wird die NZZ künftig mehr Beiträge produzieren?
Wir werden versuchen, mit den bestehenden Inhalten auf weiteren Kanälen Verbreitung zu finden. Neue Produktionen werden wir sicherlich keine in Angriff nehmen -- auch wenn die Digitalisierung, die neuen Kanäle und das Internet neue und sehr reizvolle Möglichkeiten bieten. Oberstes Gebot ist gegenwärtig jedoch, keine Fehler zu begehen. Als kleiner Anbieter können wir wohl bei Versuchen mitmachen, nie jedoch der First Mover sein.
Wie gross ist dabei die Bedeutung des Schweizer TV-Marktes?
Es ist nun Mal so, dass der deutsche Raum interessanter für uns ist als die Schweiz. Dabei war uns jedoch stets klar, dass wir im Deutschen Markt nicht alleine auftreten können, sondern nach Partnern suchen müssen. Durch die Beteiligung an der DCTP erhoffen wir uns mehr Möglichkeiten.
Ist die TV- und Filmproduktion für die NZZ Gruppe mehr als ein Nischengeschäft?
Es war nie die Absicht, im Fernseh- und Filmbereich das grosse Geschäft zu machen. Vielmehr ging es stets darum, dass die Präsenz der NZZ in den neuen Medien vorhanden ist. Der publizistische Ansatz der NZZ soll dabei auch in anderen Medien angewandt werden. Wir haben dabei jedoch nie versucht, den Inhalt der NZZ in das Fernsehen zu transponieren. Bei uns mussten Zeitungsleute nie fürs Fernsehen arbeiten. Denn das ging stets schief, wie Beispiele in Deutschland zeigen.
Die NZZ baut das TV-Geschäft also nicht aus, um das rückläufige Printgeschäft aufzuwiegen?
Das Problem ist: Im Fernsehen geraten wir rasch an Grenzen, wo die Inhalte nicht mehr der NZZ entsprechen. Wir müssen aufpassen, dass unsere Marke nicht verwässert wird. Ein Einstieg in den einträglichen Unterhaltungsbereich macht für uns deshalb keinen Sinn. Wir sind sozusagen gezwungen "im Seriösen" zu bleiben.
Die Marke NZZ erreicht dank der Ausstrahlung von NZZ Format über eine Million Menschen. Wie stark fällt beim TV-Engagement der Marketingaspekt für die Zeitung NZZ ins Gewicht?
Der Effekt, dass die Marke NZZ in Deutschland Verbreitung findet, ist gross. Trotzdem steht er nicht im Vordergrund.
Die NZZ trennt den Bereich Online vom Fernseh- und Dokumentarfilmbereich. Ein Zeichen dafür, dass beide Bereiche wachsen?
Wir wollen die beiden Bereiche in der Tat stärken und eigenständig führen. Der Online-Bereich ist dabei viel näher bei der Zeitungsredaktion als der TV-Bereich. Aber beides sind publizistische Bereiche und deshalb auch bei Markus Spillmann, dem neuen publizistischen Leiter der NZZ, angesiedelt.
Sie sagen selbst, dass der Fernsehbereich weit entfernt von Print und Online entfernt sei. Wann wird die Konvergenz der Medien bei der NZZ ankommen?
Wir haben jetzt über lange Zeit Online und Fernsehen unter einem gemeinsamen Dach gefahren. Dass nun eine organisatorische Trennung stattfindet, heisst nicht, dass die Zusammenarbeit aufhört. Aber es gibt Unterschiede in der Produktionsweise bei den verschiedenen Medien, die das Schlagwort Konvergenz oft etwas idealistisch erscheinen lassen. Die seriöse publizistische One-man-Band, der Journalist, der für alle Medien gleichzeitig arbeitet, habe ich bisher jedenfalls noch nicht getroffen.