23.01.2021

Tages-Anzeiger

Weltwoche breitet Tamedia-Vergangenheit aus

Alles, was im aktuellen Weltwoche-Frontartikel steht, sei seit fast 30 Jahren bekannt, kontert Tamedia.

Die Weltwoche widmet die Titelstory ihrer aktuellen Ausgabe dem Tages-Anzeiger. Genauer der Frage, wie es die Tagi-Besitzerfirma Tamedia mit braunem Gedankengut hielt. Wie verhielt sich die Verlegerfamilie gegenüber den Nationalsozialisten? Wie steht es um die kritische Aufarbeitung dieses Verhältnisses?

Das Köppel-Blatt zeigt in einem ausführlichen Artikel von Autor Christoph Mörgeli auf, dass der Tagi damals sowohl Artikel von Hitler und Mussolini publizierte, als auch etwa über Auftritte und Krawalle der Nazis und der Fronten im Kanton Zürich «ausführlich und erstaunlich wohlwollend berichtete». Zudem habe eine Erbengemeinschaft, zu der auch Berta Coninx-Girardet gehörte (die Frau des Verlegers Otto Coninx), eine Immobilie in Bad Honnef bei Bonn der NSDAP zur Verfügung gestellt. Und Medizinprofessor Herman Maximilien de Burlet, ein Schwager der Coninx-Familie, sei ein «glühender Nationalsozialist» gewesen.

Bei Hitlers Machtübernahme habe der Tagi geschrieben, es sei «eigentlich zu begrüssen, dass ihm nun eine Chance gegeben wird». Beim Röhm-Putsch, bei dem die Nazi-Spitze unliebsame Personen ausschaltete und es zu einer bis heute unbekannten Zahl von Ermordungen kam, titelte die Zeitung: «Hitler unterdrückt eine Meuterei gegen das Dritte Reich.»

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«Keine Informationen darüber hinaus» 

Die Weltwoche weist darauf hin, dass sich heute der Tages-Anzeiger beim Aufdecken von braunem Gedankengut «erbarmungslos» gebe. Er sei zuvorderst, wenn es darum gehe, Schatten der Naziherrschaft zu lichten. Dabei sei von Seiten Tamedia mehr Demut angebracht, denn «Urteile sind im Nachhinein schnell gefällt», fordert Weltwoche-Autor Mörgeli. Selbst in der Schweiz hätten viele Verantwortungsträger die Gefahr zu spät erkannt. «Auch die Weltwoche gab 1933 dem Dritten Reich zu viel Kredit, bevor sie zum entschieden antifaschistischen Standpunkt fand», schreibt Mörgeli.

Wie steht Tamedia heute zu dieser Vergangenheit und zur Recherche der Weltwoche? «Die Berichterstattung des Tages-Anzeigers und die Gastbeiträge verschiedener internationaler Politiker in den 1930er-Jahren sind seit langem bekannt. Dies wurde im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums des Tages-Anzeigers 1993 aufgearbeitet», schreibt Tamedia-Kommunikationschefin Nicole Bänninger am Freitag auf Anfrage. Und sie fügt an: «Der Artikel der Weltwoche enthält keine Informationen darüber hinaus.» (eh)



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Kommentare

  • Agnès Laube, 29.01.2021 18:42 Uhr
    Die Republik hat in einer mehrteiligen Serie sehr differenziert über die Entwicklung des TA und die Verlegerfamilie berichtet. Will man ein anderes Medium kritisieren, wäre eigenständiges Denken und das Aufdecken neuer Fakten wichtig. Das ist eine lame duck.
  • Rudolf Penzinger, 23.01.2021 10:21 Uhr
    Das sind in der Tat alte Hüte, die Mörgeli (ausgerechnet Mörgeli!) hier "aufdeckt". Den heutigen "Machthabern" im Tagi-Imperium und ihrer Politik auf die Finger zu schauen, hätte mehr Anstrengung und Können erfordert. Aber an diesen gebricht es dem Verfasser offensichtlich ebenso wie am Willen.
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