Je zwei Mal Gold und Bronze vom deutschen ADC -- haben Sie Ihren Rausch schon ausgeschlafen?
Ja, im Hotel in Berlin. Es war allerdings nicht so wild, in einer fremden Stadt kennt man an Parties ja nicht so viele Leute. Der Abend mit Roger Köppel, Christian Seiler sowie meinem Büropartner Beat Müller war aber sehr nett.
Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?
Das kann ich noch nicht recht beurteilen. ADC-Jurierungen, ob in Deutschland oder in der Schweiz, sind in der Regel keine Auszeichnungen für typografische oder gestalterische Innovation. Wirklich mutige Sachen werden in der Regel erst später wahrgenommen. Interessant ist dieses Echo für uns aber trotzdem, haben wir als Gestalter mit der Werbeszene doch sonst wenig zu tun. Das könnte sich allerdings ändern, denn Werbung und Zeitschriften-Machen sind für mich insofern vergleichbar, als es immer darum geht, für eine inhaltliche Idee eine visuelle Lösung zu finden.
Verkünden Sie uns gerade den Anfang Ihrer Werber-Karriere?
(Lacht) Ich finde es jeweils spannend, mit Guye Benker bei der Weltwoche-Kampagnen mitzufiebern. Und was wir jedenfalls nicht wollen, ist eine Spezialisierung auf Zeitschriftengestaltung. Wenn man für sich herausgefunden hat, wie eine adäquate Gestaltung funktioniert, dann kann man das nicht im Jahresrhythmus neu erfinden. Nach Du und Weltwoche machen wir darum eine Pause mit Medien-Design, um zu regenerieren.
Gilt das auch für Zeitungen? Immerhin zieht Köppel jetzt nach Berlin zur Welt...
(Lacht) Nein, ins Zeitungsdesign steigen wir vorerst nicht ein! Der Weltwoche aber werden Beat Müller und ich bis auf weiteres erhalten bleiben.
Welche Aufträge interessieren Sie sonst?
Kleinere Sachen wie beispielsweise Plakate für das Museum für Gestaltung, aber auch Arbeiten für grössere Kunden wie beispielsweise die Kunstmesse Art Basel, die wir seit 1999 betreuen. Wobei der Journalismus nach wie vor spannend bleibt. Zu Roger Köppel sagte ich ja damals, der Einstieg bei Das Magazin sei für mich wie eine bezahlte Weiterbildung. Auf dieser Basis habe ich aufgebaut, für mich als Visuellen ist der Journalismus, wo man inhaltlich mitziehen und die Aktualität laufend mitskizzieren kann, viel spannender als beispielsweise Corporate Identity. Bei der CI wäre wohl der Punkt erreicht, an dem wir mehr Leute anstellen müssten, um die spröden Manuals zu machen (lacht).
Und davon abgesehen? Werden Sie Ihr Büro nach dem ADC-Erfolg ausbauen?
Wir sind klein und radikal, die Bürogrösse ist für mich eine klare Sache: Beat Müller und ich plus drei bis vier Leute sind das Maximum, sonst geht die menschliche Dimension der Arbeit verloren. Weltwoche und Du waren deshalb so gut umsetzbar, weil die Nähe zu Köppel und Seiler auch ausserhalb der Redaktion von Bedeutung ist. Ich möchte nicht ständig an Sitzungen sein, sondern auch ausserhalb des Büros mit anderen Leuten diskutieren und nachdenken können. Wenn man managt und nicht mehr gestalterisch arbeitet, kommt nicht mehr das heraus, was man eigentlich will. Die Qualität leidet. Damit verzichten wir auf viel Geld, denn der Lohn bleibt, wenn man so arbeitet, tief -- ausser man geht in die Werbung, das ist ein Kartell mit ungerechtfertigt hohen Löhnen (lacht). -- Ich schliesse aber nicht aus, dass wir für ein wahnsinnig spannendes Projekt auch mal während eines Jahres ein paar wenige Leute mehr beschäftigen würden.
Wie gestaltet man ein Printprodukt erfolgreich?
Die visuelle und die inhaltlich-strukturelle Seite sind sehr eng miteinander verwoben. Erst muss die Idee für eine Rubrik wie beispielsweise "Kaufzwang" in der Weltwoche da sein, erst dann kann man das auch schön umsetzen. Aus den einzelnen Gefässen lässt sich der "Sound" einer Publikation generieren, schliesslich kommt die Leserführung. Grafik und Typographie müssen so weit zurückgehalten werden, dass die Qualität und der Humor der Bilder maximal zur Geltung kommen. Ebenso lenken allzu tolle Schriften und typografische Virtuosität vom Text ab. So sehen meiner Meinung nach viele der ausgezeichneten Zeitschriften zwar schön aus, funktionieren aber schlecht.
Wichtig ist für die Gestaltung zudem die kommerzielle Ausrichtung des Titels. Die Weltwoche haben wir bei ihrer riskanten Formatsänderung bewusst als Hybrid zwischen Zeitung und handlicher Zeitschrift konzipiert. Viele gestalterische Details sind daher Zitate aus dem Zeitungs-Design. Schliesslich muss man aber auch dem Produktionsrhythmus Rechnung tragen, die Weltwoche entwirft beispielsweise in drei Tagen hundert Seiten. Das bedingt eine einfache Struktur, ganz anders als ein Monatstitel wie die Zeitschrift Du.
Meine Quintessenz lautet, dass es kein allgemeingültiges Rezept gibt, vielmehr muss man sich in jeden Markt hineindenken und versuchen, Neues zu finden, das den Konsumgewohnheiten und der Lesbarkeit entspricht. In der Umsetzung arbeiten Beat Müller und ich immer dialogisch, etwas Anderes könnte ich gar nicht. Es besteht zwischen uns ein reges Hin-und-Her, dazwischen müssen wir ein Projekt dann eine Weile liegen lassen können. Wenn wir so vorgehen können, überlebt eine Arbeit. Das war auch bei Magazin, Weltwoche und Du so.
Sie haben Du im deutschen Kreativranking auf Platz sechs gebracht. Verspüren Sie heute keine Wehmut darüber, dass Sie den Titel verlassen haben?
Doch, diese Freude am Machen war toll. Es wäre schön gewesen, weitere Ausgaben zu machen. Ich habe allerdings schon wiederholt gesagt, dass für uns auch weiche Komponenten wichtig sind wie Wertschätzung oder Dialog. -- Ich glaube, dass die Auszeichnung dem Blatt helfen kann, letztlich entscheiden aber die Leser, ob es gefällt. Unseren Nachfolgern wünsche ich, dass sie mit Mut und Kraft dahinter gehen, denn dieses Produkt zu machen, ist eine sehr schöne Aufgabe.
Immerhin wird das grafische Konzept von Du auch nach Ihrem Abgang beibehalten. Haben Sie nicht etwas zu früh aufgegeben?
Ein Aufgeben war das nicht. Ich bin nicht mehr 22, da überlegt man sich eben, was man die nächsten ein bis zwei Jahre macht und ob man es nett hat mit den Leuten. Gut bezahlt war der Job ja nicht, zumal wir unsere Honorar-Ansprüche nach dem Verkauf des Du noch senkten. Das Spannende war letztlich auch die menschliche Dimension mit Christian Seiler, und ich hoffe, dass mit ihm als Kultur- und Unterhaltungschef der Weltwoche ähnlich komplexe Sachen entstehen können... die wir dann wieder beim ADC Deutschland einreichen würden (lacht).
Und wie sind Sie mit der Fortführung Ihres Konzepts bei Du zufrieden?
Den Spezialisten darf man nie fragen (lacht)! Hätte ich das Layout verantwortet, hätte ich vielleicht ein paar Sachen anders gemacht -- das ist aber eine Frage des persönlichen Stils. Wer sich das Heft als Nichteingeweihter ansieht, für den stimmt die Umsetzung zu 95 Prozent. Der Druck ist möglicherweise sogar schöner als zu Tamedia-Zeiten. Prinzipiell finde ich es immer spannend, wenn neue Leute kommen. Im übrigen freue ich mich auf die geplante "Paar"-Nummer im April, eine interessante Idee! Auch nimmt es mich Wunder, wie die personellen Lücken gefüllt werden, genug fähige Leute gibt es ja auf dem Markt. Für einen ehrgeizigen jungen Gestalter ist Du ein toller Arbeitgeber.
Zum Schluss noch Ihr Insider-Beitrag zu unserem Nachfolge-Toto: Sie kennen sowohl Weltwoche als auch Christian Seiler sehr gut. Wird er Roger Köppels Nachfolger?
In seiner jetzigen Aufgabe hat Seiler einen tollen Job, und ich weiss nicht, wie sehr ihn die operative Leitung des Titels um die Freiheiten eines Ressortchefs beschneiden würde. Doch was im Moment genau läuft, weiss ich nicht. Meine persönliche Meinung ist, dass Christian Seiler ein guter Chefredaktor für die Weltwoche wäre. Aber ich bin nur der Grafiker (lacht).