Extrem kurz und konsequent nur noch rot-weiss: Die am Mittwoch erstmals eingesetzten News-Signete des Schweizer Fernsehens setzen voll auf Sachlichkeit und Corporate Identity. "Sehr gewagt", sagt Marco Fumasoli, ehemaliger SRF-Creative-Director. Er hätte mehr Mut zur Veränderung erwartet. Für persoenlich.com hat Fumasoli zusammen mit Robert Ruoff, einem langjährigen "Tagesschau"-Sprecher, die neuen Signete beurteilt. Zum Bericht:
Kurz und sec: Die neuen SRF-News-Opener bestechen sicher nicht durch starke Emotionalität, sondern setzen auf Sachlichkeit. Im Zentrum steht wie seit jeher das weltweit sehr gebräuchliche news-typische Symbol: Die Weltkugel. "Rot zu verwenden für die Weltkugel ist sehr gewagt", sagt Marco Fumasoli, der früher als Creative Director bei SRF selber Tagesschau-Designs kreierte. "Diese Art von Grafik ist für mich extrem hart, extrem reduziert. Die Tiefe fehlt. Auf dem weissen Hintergrund sieht man Schatten. Es gibt keine 3D-Tiefe, das heisst, der Raum ist eigentlich flach, denn durch die Schatten wird der Raumeindruck entschärft und die Strenge verstärkt."
Spardruck ist sichtbar
"Wenn ich den 10vor10-Opener anschaue, habe ich eher den Eindruck, eine Swatch-Uhr setze sich zusammen, als dass sich eine Sendung ankündigt, die an eine aktive Generation gerichtet ist. Die 10vor10-Grafik wirkt wie Präzisionsteilchen eines abstrakten Mandalas." Laut Fumasoli sind die 3D-Möglichkeiten zuwenig gut ausgeschöpft. "Dies zeigt auch einen gewissen Spardruck, der vorzuherrschen scheint". Die Opener brächten generell zum Ausdruck, dass die neue Führung das ganze Unternehmen straffer leite und die Sendungen sachlicher machen wolle. "Solche Opener macht man nicht, wenn man mehr Emotionen in die Sendung bringen will", sagt er. "Für mich ist dieser Opener ein Retro-Signet, extrem sec."
Schrift ist schlecht lesbar
Ausserdem bemängelt der Ex-SRF-Designer die Farbwahl: "Die Bezeichnungen '10vor10' oder 'Tagesschau' sind mühsam zu lesen, da die Farben Ton in Ton gewählt sind". Von einer durchaus gelungenen Farbwahl spricht dafür Robert Ruoff, langjähriger Tageschau-Moderator. Ihm gefällt, dass SRF ein Wagnis eingeht und nicht mehr mit der Tagesschau-typischen Farbe Blau, sondern konsequent nur noch mit Rot und Weiss, den Farben der Corporate Identity, arbeitet. "Das ist eine durchaus akzeptable Entscheidung", sagt Ruoff gegenüber persoenlich.com.
Musik wirkt martialischer
Bezüglich der verwendeten Musik ist Ruoff wie auch Fumasoli Gleiches aufgefallen: Beide beschreiben die der rot-weissen Symbolik beigefügte Musik als "martialisch", "militärisch" und "marschmässig". "Das viele Blech tönt wie ein Fanfaren-Orchester. Da hätte ich mir mehr Zurückhaltung gewünscht", sagt Ruoff. Fumasoli geht sogar noch weiter. Seiner Meinung nach hätte SRF völlig neue Klänge verwenden sollen: "Teilweise passt die Musik nicht zur Grafik. Etwa bei 10vor10 wurde das Thema übernommen, während aber die Bildelemente radikal verändert wurden. Konsequenterweise hätte man auch neue Musik verwenden sollen, das wäre mutiger gewesen."
Neues Design verpflichtet
Mit einem Redesign ist immer auch der Anspruch verbunden, den formalen Vorgaben auch inhaltlich und stilistisch gerecht zu werden. "Die Tatsache, dass etwa der Tageschau-Opener so kurz und sec ist, fordert vom Moderator, dass er selber auch klar und sec spricht. Somit können die Zuschauer darauf hoffen, dass die Tagessschau weg geht von Geschwätzigkeit und Bauerntheater", sagt Ruoff. Seiner Meinung nach versinnbildlicht der Opener Klarheit und Distanz. Man erwarte, dass vermittelt wird, was Sache ist. Und das sei gut so. "Ich finde es extrem altväterlich, wenn ein Moderator versucht, je nach Beitrag lustig, begeistert oder traurig zu wirken. Hier ist journalistische Distanz sehr wichtig."
Zuschauer vergessen rasch
Abschliessend betonen beide Befragten, dass auch sie als Experten die neuen News-Opener nicht abschliessend beurteilen können. Für eine noch gründlichere Einschätzung müsste man die Sendungen mit dem neuen Dekor, der Dramaturgie und den Übergängen zwischen den einzelnen Teilen betrachten. Alexander Hefter, der fürs Redesign verantwortliche Creative Director bei SRF, nimmt die Kritik gelassen: "Das Design ist bewusst reduziert und sachlich gehalten. Das ist generell ein Trend, den man durchaus auch bei Produktdesigns erkennen kann", sagt er auf Anfrage von persoenlich.com. Und zum Urteil, wonach das Redesign zu verhalten ausgefallen sei, entgegnet er: "Natürlich gibt es immer ein Kostendach für solche Projekte. Aber das Kriterium war mehr unser eigener Qualitätsanspruch. Kompromisse mussten wir keine eingehen, aber natürlich muss man die technischen und redaktionellen Abläufe sehr gut kennen und berücksichtigen, wenn man ein Informationsdesign entwickelt."
Wie die Zuschauer reagieren, wird sich weisen, denn ab sofort sind nur noch die neuen Signete zu sehen. Grundsätzlich muss SRF aber mit wenig Widerstand rechnen. Denn anders als bei CI-Redesigns in Unternehmen, seien die News-Zuschauer treu. Daher könne sich SRF viel leisten, sagt Marco Fumasoli. Er weiss aus eigener Erfahrung, dass sich Stürme schnell wieder legen. "Auch wenn sich in den ersten Tagen viele aufregen, klingt dieser Aufschrei dann doch rasch ab. Nach einigen Tagen ist die ganze Aufregung wieder vergessen."
Text: Edith Hollenstein