Der Schweizer Presserat hat sein 25-jähriges Bestehen und das Jubiläum 30 Jahre "Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten" am Dienstag mit einer Tagung in Bern gefeiert. Thema der Tagung war eine Momentaufnahme des wirtschaftlichen und politischen Drucks, dem Medienschaffende und Redaktionen heute ausgesetzt sind. In drei vom Presserat in Auftrag gegebenen journalistischen Recherchen sind die Referent/innen zu ähnlichen Schlüssen gekommen. Danach sind direkte massive Druckversuche auf die Medienredaktionen durch Politik und Wirtschaft gegenüber früher seltener geworden. Hingegen führen die nach wie vor bestehenden strukturellen Verflechtungen, persönlichen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten im Redaktionsalltag zu subtilen Formen der Einflussnahme auf Medieninhalte. Dies teilt der Presserat in einer Medienmitteilung vom Dienstag mit.
Der frühere Tessiner Korrespondent des Tages-Anzeigers, Beat Allenbach, stellt in seinem Bericht zur besonderen Situation eines kleinen Medienraums die These auf, der Wille zur journalistische Unabhängigkeit werde im Tessin durch den Umstand von vornherein stark beeinträchtigt, dass jeder jeden kennt. Zudem werde in den Tessiner Medien häufig bereits eine temperamentvolle Kritik eines Politikers als deutlicher Wink verstanden, künftig weniger kritisch zu berichten. Insgesamt sei die Kultur der journalistichen Unabhängigkeit, des radikalen Skezptizismus als journalistishe Grundhaltung sowie die Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit im Tessin wenig entwickelt.
Christian Mensch, Medienredaktor der Weltwoche, ortet das Problem aufgrund seiner Recherchen in der Deutschschweiz nicht bei Inserateboykotten und ähnlichen Druckversuchen, die es zwar nach wie vor gebe. Boykotte lohnten sich aber in der Regel für den Boykotteur weder politisch noch wirtschaftlich. Von Ausnahmen abgesehen respektierten die Verleger heute zudem auch die Eigenverantwortung der Redaktion für den publizistischen Inhalt der Medien. Die grösste Gefährdung der redaktionellen Unabhängigkeit drohe vielmehr durch die zunehmende Verflechtung zwischen Medienwirtschaft und werbetreibender Wirtschaft. Medienunternehmen würden unter dem Stichwort Crossmedia beginnen, die Trennung zwischen publizistischer und kommerzieller Kommunikation aufzuheben. Derartige strukturelle Verflechtungen seien von den Journalisten nicht beeinflussbar.
Christa Mutter, freie Journalistin und Westschweizer Korrespondentin von verschiedenen Deutschweizer Zeitungen, sieht die Unabhängigkeit der journalistischen Arbeit in der Westschweiz vor allem in den Gratiszeitungen, manchen Special Interest-Magazinen und bei thematischen Medienbeilagen erschwert oder verunmöglicht. Bei denjenigen Medien, von denen eine unabhängige Berichterstattung zu erwarten sei, stellten Geschenke und Vergünstigungen aller Art kein wesentliches Problem dar. Eine Ausnahme sei höchstens der Auto-, Reise-, Sport- und Gastrojournalismus. Eher beeinträchtigt werde die journalistische Unabhängigkeit durch persönliche Beziehungen zu wirtschaftlichen und politischen Akteuren. Ebenso gebe es in der Praxis kleinere und grössere Druckversuche von Unternehmen und Verbänden in Form von Interventionen, Drohungen, Boykotten und Gerichtsklagen. Inneren Druck von Verlag und Chefredaktion gebe es vor allem in Lokalzeitungen bei der Berichterstattung über Firmeneröffnungen, Jubiläen und Messen. Zudem sei in fast allen Redaktionen eine schleichende Marketingorientierung festzustellen, wonach bei der Auswahl und Bearbeitung redaktioneller Inhalte auf die wirtschaftlichen Interessen des eigenen Mediums Rücksicht zu nehmen ist.
Laut dem Zürcher Medienwissenschafter Werner A. Meier ist das Thema "Interner und externer Druck auf Medienschaffende" kommunikationswissenschaftlich bis anhin wenig bis gar nicht bearbeitet worden. Die Forschung stosse mit ihren traditionellen sozialwissenschaftlichen Methoden rasch an Grenzen, sofern sich weder die dem Druck ausgesetzten noch die Druck ausübenden Akteure äussern wollten. Die Medienwirtschaft mobilisiere mannigfachen, oft subtilen Druck auf Journalistinnen und Journalisten. Das schränke die Leistungsfähigkeit des Journalismus ein. Angesichts des Ungenügens des Medienjournalismus und weiterer Instrumente der Branchenselbstkontrolle sei es aber unabdingbar, auch die Zivilgesellschaft in die Debatte über legitime und illegitime Druckversuche einzuspannen. Die lohnabhängigen Medienschaffenden seien nicht allein in der Lage, die strukturellen Defizite der Medieninstitutionalisierung mit entsprechend hohen medienethischen Anstrengungen zu kompensieren. Die Kommunikationswissenschaft habe mit "Media Governance", Qualitätsmanagement, "Observatoire de Media" usw. bereits Vorschläge gemacht, wie man solche Probleme entschärfen könnte.
Neuauflage des Vademekums
Im Hinblick auf die Jubiläumstagung hat der Presserat zudem auch die 2. überarbeitete und stark erweiterte Auflage seines Vademekums - vorerst nur in der deutschen Fassung - aufgelegt. Dieser Leitfaden zu den Stellungnahmen des Presserates stellt als Ergänzung zur Website http://www.presserat.ch ein handliches Instrument dar, mit dessen Hilfe es Journalistinnen und Journalisten und weiteren Interessierten ohne weiteres gelingen sollte, Antworten oder zumindest Anregungen zu berufsethisch heiklen Fragestellungen zu finden.