"Wenn altmodisch heisst, auf billige Effekte zu verzichten, dann sind wir es"

- Das für Qualitätsjournalismus bekannte SR DRS-Politjournal "Echo der Zeit" stand in den letzten Tagen ungewöhnlich oft in der Kritik. Im Hörtest der Weltwoche schnitt die Sendung schlecht ab und wurde als "intellektuell bescheiden", "selbstbezogen" und "brav-bieder" disqualifiziert. Der SRG-Ombudsmann wiederum rügte die Berichterstattung zur letzten nationalen Abstimmung. Im Interview mit "persoenlich.com" reagiert "Echo"-Redaktionsleiter Casper Selg auf die Kritik.

Herr Selg, das "Echo der Zeit" wurde in letzten Tagen von mehreren Seiten angegriffen. Wie sehr hat Sie dies beschäftigt?

Das "Echo" wird immer wieder mal kritisiert, das ist für uns nicht neu. Wir setzen uns mit Kritik auseinander, das gilt auch für diese beiden Fälle, sie wurden im Haus besprochen.

Der DRS-Ombudsmann kommt in einer Stellungnahme zum Schluss, Ihre Berichterstattung am Tag der Asyl- und Ausländergesetz-Abstimmung sei nicht ausgewogen gewesen. Was entgegnen Sie ihm?

Das werden wir zuerst dem Ombudsmann sagen. Es gibt diesen und jenen Punkt, den wir noch einmal mit Herrn Casanova besprechen müssen, um aus seinem Bericht praktische, umsetzbare Schlüsse ziehen zu können. Aber sein Anliegen einer sachgerechten, fairen Berichterstattung teilen wir selbstverständlich.

Wie links ist die "Echo"-Redaktion tatsächlich?

Gar nicht. Wir haben Leute, die ursprünglich von links in den Journalismus kamen und andere von rechts. Es gibt hier im Haus zum Beispiel Linke, die ganz grosse Europaskeptiker sind. Es gibt hier Konservative, die sehr stark auf das Thema Umwelt pochen. Gibt das zusammen links? Oder rechts? Wir suchen für unsere Arbeit kritische Geister, die die Dinge hinterfragen. Aber wir führen hier bewusst keine links-rechts-Grundsatzdiskussionen. Wir diskutieren gute oder weniger gute Fragestellungen.

Hätten Sie als Leiter des "Echo der Zeit" nicht stärker auf eine ausgewogenere Berichterstattung pochen müssen?

Ich führe diese Diskussion immer wieder. Bei verschiedenen Themen. Es gab durchaus schon Bereiche, in denen ich meine, wir hätten den Blick etwas offener halten müssen. Aber: das bewegt sich in einem kleinen Rahmen, wir rennen da nicht von Problem zu Problem.

Wie stellen Sie sicher, dass ausgeglichen über das politische Geschehen berichtet wird?

Indem wir täglich an unseren Redaktionssitzungen darüber diskutieren, was die legitimen, wirklich relevanten Fragen zu einem Thema sind. Wir müssen natürlich darauf achten, dass verschiedene Stimmen zur Sprache kommen, insbesondere, wenn es um kontroverse Sachverhalte geht. Genau dies attestiert uns der Weltwoche-Artikel ausdrücklich! Das Problem: Der Autor findet das offenbar langweilig.

Wie werden Sie konkret auf die Rüge Casanovas reagieren?

Sie müssen sehen: Casanova bekommt viele Beschwerden. Nur die allerwenigsten davon führen zu Beanstandungen. Wir sprechen mit Casanova immer wieder darüber, wie wir sein und unser Anliegen der Sachgerechtigkeit in der Praxis am besten umsetzen.

Die Weltwoche kommt in ihrer aktuellen Ausgabe zu einem ähnlichen Befund wie Casanova. Auch Autor Thomas Widmer stellt beim "Echo" einseitig einen "ärgerlich unkritischen Journalismus" fest. Ein Zufall?

Ja. Denn Herr Casanova meinte, ganz im Gegenteil, wir seien am Tag der Abstimmung zu (!) kritisch gewesen, mit den Abstimmungsgewinnern.

Ihre Sendung wird üblicherweise selten bis nie kritisiert und Konkurrenz hat sie kaum. Wie verhindern Sie, dass Ihre Redaktion sich nicht zu stark auf ihrem Status ausruht und selbstgefällig und selbstbezogen wird, wie die Weltwoche findet?

Ich versuche seit 20 Jahren Selbstgefälligkeit damit zu bekämpfen, dass ich hohe Ansprüche stelle und unsere Leistung mit der wirklich relevanten Konkurrenz vergleiche, mit den grossen nationalen und vor allem internationalen Zeitungen des nächsten Tages. Und mit den grossen anderen Informationsmedien wie Tagesschau, Tagesthemen, mit französischen oder britischen Informationssendungen.

Widmer findet das "Echo" bieder, man wage zu selten das intellektuelle Risiko. Rütteln Sie zu wenig stark am Weltbild ihrer Hörer?

Wer weiss ... . Die Hörer und Hörerinnen finden bei uns neben den News, den neuesten Fakten, die wir halt auch liefern müssen (was der Weltwoche-Autor bei seiner Kritik etwas übersehen hat), auch Einordnungen, Verständnishilfen, von Sachkenntnis untermauerte Schlussfolgerungen. Aber eine un-biedere Story wie: "Ein Blowjob auf Knien ist doch nicht unterwürfig" (Titelseite jener Weltwoche) werden Sie bei uns sicher nie sehen.

Zum Schluss: Erklären Sie uns bitte, weshalb heute das "Echo" heute in seiner Form nicht altmodisch ist.

Wenn altmodisch heisst, dass man sich etwas Zeit nimmt um sich ernsthaft mit einem Thema auseinander zu setzen, wenn altmodisch heisst, dass man auf billige Effekte verzichtet, dass man sich an der Wichtigkeit von Themen orientiert und nicht primär an deren Quoten-Wirkung, dann sind wir durchaus etwas altmodisch. And proudly so. Nebenher: wir haben 700 000 Hörer und Hörerinnen jeden Tag. 50 Prozent Marktanteil allein auf DRS 1.