Herr Thalmann, es schlägt wieder 13. Diesmal muss Zehnder Medien in Wil (SG) dran glauben. Als ersten Verlag haben Sie Anfang Jahr Tamedia angezeigt. Mit Wirkung: Weil eine Busse drohte, wird inzwischen die Arbeitszeit erfasst. Dennoch sind Sie unzufrieden.
Ja. Denn bei Tamedia wurde ein völlig unpraktisches System zur Arbeitszeiterfassung eingeführt: eine Excel-Tabelle. Offensichtlich hat Tamedia zu lange gewartet und musste dann wegen Zeitdrucks auf die Schnelle etwas aus dem Hut zaubern. Das müsste nicht sein: Es gibt beispielsweise praktische Apps, mit denen man einfach und locker die Zeit erfassen kann. Noch besser geht es, wenn sich die Sozialpartner auf ein Modell einigen, so wie es der Vorschlag des Bankensektors vormacht.
Welche Methode wäre denn ideal?
Es ist noch zu früh, um dies zu sagen. Im Moment muss man theoretisch, bzw. streng nach Gesetz, auch die Pausen erfassen. Das ist relativ aufwendig. Wir wären bereit, eine Zeiterfassung zu diskutieren, die nur die effektive Arbeitszeit ohne Pausen erfasst. Voraussetzung dafür ist, dass sie im Rahmen eines Gesamtarbeitsvertrags geregelt ist, der dann als ganzer den Arbeitnehmerschutz genügend gewährleistet.
Sie sagen, dass die Überarbeitung der Journalisten zum Geschäftsmodell für Verlage geworden ist. Können Sie das etwas genauer erklären?
In den meisten Redaktionen wird viel mehr gearbeitet, als im Arbeitsvertrag steht und oft auch mehr, als gesetzlich zugelassen ist. In Kombination mit der fehlenden Arbeitszeiterfassung weiss dies der Arbeitgeber offiziell aber gar nicht. Denn wenn er es wissen würde, müsste er Gegenmassnahmen treffen und mehr Personal einstellen. Am Personal wird aber gespart, sobald ein Renditeziel nicht erreicht ist. Wenn Journalisten das Gesetz einhalten würden, gäbe es keine Zeitungen.
Deshalb ist Ihr oberstes Ziel ein Gesamtarbeitsvertrag. In einem Interview mit persoenlich.com sagte Verena Vonarburg, Direktorin des Verbandes Schweizer Medien, dass die Arbeitszeiterfassung überhaupt nicht im Dienst der Journalisten sei und vor allem der falsche Ansatz, um einen GAV erreichen.
Das war, bevor die Banker ihre Lösung präsentiert haben! Vielleicht hat sie inzwischen Ihre Meinung geändert.
Glauben Sie das wirklich?
Wenn in der Bankenbranche der Weg über den GAV der richtige Ansatz ist, sehe ich keinen Grund, warum das bei uns nicht klappen sollte! Die Arbeitszeit ist ein Teil der Arbeitsbedingungen, ein GAV macht nichts anderes, als diese zu regeln. Ich verstehe nicht, weshalb dies nicht zusammengehören soll. Klar: Der Verband Schweizer Medien hat sich als extrem resistent entpuppt gegenüber Ansätzen, die für uns vernünftig scheinen. Ich wage keine Prognosen, hoffe aber auf ein Signal.
Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument legte Ihnen in Interlaken sogar nahe, aus dem Verband Schweizer Medien auszutreten.
An diese Aussage kann ich mich nicht erinnern. Wir haben kürzlich aber an einer Sitzung mit Verena Vonarburg diskutiert, ob unsere Mitgliedschaft in ihrem Verband sinnvoll ist oder nicht. Für uns ist sie ein Zeichen, dass wir lieber eine Zusammenarbeit möchten als Konfrontation. Aber wir diskutieren auch intern darüber, ob das noch Sinn macht.
Sie haben im Vorfeld des Verlegerkongresses eine eigene Medienkonferenz durchgeführt. Erschienen sind drei Personen. Bei der Tagung zum 10-jährigen GAV-losen Zustand im Juni war der Saal ebenfalls halb leer. Woran liegt das?
Das hat verschiedene Ursachen: Der GAV als Thema ist für viele Branchenkollegen eine abstrakte Grösse. Es ist einfacher, Leute zu mobilisieren, wenn es um eine Entlassungswelle geht, um die Solidarität gegenüber den Kollegen. Ein GAV hat eine langfristige Perspektive, deshalb ist es extrem schwierig, dass sich Leute dafür engagieren. Und Journalisten gehören aus naheliegenden Gründen generell nicht zur mobilisierungsfähigsten Branche. In Interlaken waren persoenlich.com, die SDA und Edito da - und das waren die wichtigsten Leute. Wir haben nicht erwartet, dass die Verleger auftauchen. Aber es ist richtig, dass wir in Interlaken unter Zeitdruck standen und die Medienkonferenz nicht früher ankündigen konnten. Das war keine Absicht...
...sondern schlechte Kommunikation.
Das stimmt. Wir würden die Kommunikation im Verband gerne professionalisieren und in diesen Bereich mehr investieren. Es ist eine Frage der Ressourcen. Vor allem vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen müssen wir besser vermitteln, was wir alles machen und weshalb es uns braucht.
Warum brauche ich denn Impressum? Der halbe Preis für den Flug Genf-Lugano und das Presse-Gilet in Neongelb überzeugen mich nicht.
Die Rabatte sind ein Vorteil, aber kein schlagendes Argument. Das war früher mal so, als wir beispielsweise das GA noch zum halben Preis anbieten konnten. Wichtig sind der Rechtsschutz und die Rechtsberatung. Wir bieten einen branchenspezialisierten Rechtsschutz, wie niemand sonst – auch keine Rechtsschutzversicherung. Die Vernetzung mit Berufskollegen ist ein weiterer Punkt, der besonders in diesen Zeiten des Umbruchs sehr hilfreich ist. Es braucht zudem einen starken Verband, um die Interessen der Branche zu vertreten. Und zwar überall. Bei den Verlegern der Deutschschweiz ist die Situation im Moment zwar eher trist. Aber unser Druck hilft dennoch: Immerhin die Mindeststandards gibt es wohl nur, weil wir ständig mit dem GAV Druck machen. Hinzu kommt die Vertretung in der Politik: Ich sitze zum Beispiel in der eidgenössischen Medienkommission, welche bis jetzt über die Medienförderung diskutiert hat. Und die Stärkung des Journalismus und der journalistischen Arbeitsbedingungen ist im Bericht. Das kommt nicht von ungefähr, verursacht Aufwand und kostet Geld. Wir können die Interessen der Journalisten nur vertreten, wenn wir genügend Mitglieder haben. Einerseits finanziell, andererseits ist es wichtig für unsere Legitimation. Derzeit sind wir mit rund 5‘000 Mitgliedern immer noch eine starke Branchenvertretung.
Warum sind Ihrer Meinung nach junge Journalisten weniger engagiert bzw. nicht Mitglied in einem Berufsverband? Bei der GAV-Veranstaltung im Juni habe ich den Altersdurchschnitt deutlich nach unten gezogen.
Sie sind jung, dynamisch, kommen in diesen Beruf, alles ist noch möglich. Der GAV und der Rechtschutz ist nicht das, woran Sie zuerst denken. Und das ist okay: In Ihrem Alter hat man das Selbstbewusstsein, glaubt an seine Ziele und arbeitet an sich und seinen eigenen Projekten. Nicht im Sinne von Egoismus: Junge Journalistinnen wie Sie erkennen einfach die Notwendigkeit noch nicht. Sobald Sie eine Familie ernähren müssen, ändert sich das. Hinzu kommt: Wer jung ist und für wenig Geld viel arbeitet, hat gar keine Zeit für einen Verband. Immerhin glaube ich, die Unsicherheit in der Branche führt wieder zu mehr Zusammenhalt. Ich bin beispielsweise beeindruckt vom Engagement unserer Partner "Junge Journalisten Schweiz".
Sie waren vor Ihrem Engagement bei Impressum als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Fribourg tätig. Haben Sie je im Journalismus gearbeitet?
Meine einzige Erfahrung im Journalismus war ein Praktikum bei der "Basler Zeitung". Das war eine gute, tolle Erfahrung. Aber mein Berufswunsch relativierte sich. Tagesjournalismus war mir damals zu schnelllebig: Ich hatte Mühe, heute für etwas zu arbeiten, das mir morgen schon wieder wie kalter Kaffee vorkam.
Wieso engagieren sie sich dann so stark für die Journalisten?
Die Branche faszinierte mich schon immer, sie liegt mir am Herzen. Aber mir liegt besser, mich für die Journalisten einzusetzen, als den Beruf selber auszuüben.
Aber es ist doch schlecht für Ihre Glaubwürdigkeit und jene des Verbandes, dass der Geschäftsführer nie journalistisch tätig war.
Das glaube ich absolut nicht. Im Gegenteil: Unser Verband besteht ja aus Journalisten! Unsere Chefs, der Vorstand, sind auch aktive oder ehemalige Journalisten. Sie arbeiten aktiv in Projekten mit, wo journalistische Erfahrung gefragt ist. Im Zentralsekretariat sind wir die Umsetzer. Und wir bieten jene Kompetenzen, die den Journalisten fehlt, sie aber dennoch brauchen: das juristische Know-how zum Beispiel.
Interview: Seraina Etter