Spätestens seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine im Februar 2022 ist der Name des Präsidenten Wolodimir Selenski für die Welt ein Begriff. Bekannt ist auch der Name der Hauptstadt Kiew. Weniger bekannt ist, dass diese Namen, wenn sie aus dem Ukrainischen transkribiert werden, anders buchstabiert werden, nämlich so: Wolodymyr Selenskyj und Kyjiw.
Bisher hielten sich die Deutschschweizer Tamedia-Titel an die erste Schreibweise, die der Transkription aus dem Russischen entspricht. Mitte März kündigte Chefredaktorin Raphaela Birrer in einer Meldung «in eigener Sache» an, dass die Redaktion von nun an die ukrainische Schreibweise übernehmen würde.
Ringier und CH Media ändern nichts
Das bisherige Übertragen sei historisch gewachsen, schreibt Birrer. Das «hängt damit zusammen, dass das Russische in der Sowjetunion mit ihren 15 Republiken die dominierende Sprache war.» Seit dem Ende der Sowjetunion 1991 sei aber die Ukraine ein souveräner Staat mit einer eigenen Amtssprache. Mit der neuen Praxis werde die Amtssprache anerkannt.
Mit diesem Schritt geht Tamedia weiter als die anderen Medienhäuser. Diese halten an der traditionellen Schreibweise fest, zumindest für die Begriffe, die im deutschen Sprachraum vertraut sind.
So stehen «Lesbarkeit und Verständlichkeit sowie die Vertrautheit für die Leserinnen und Leser» im Zentrum bei CH Media, schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Die Bezeichnung «Kiew» sei «bei der Leserschaft und in der Schweizer Öffentlichkeit nach wie vor am geläufigsten», erklärt CH Media.
Auch Ringier orientiere sich an den «Lesegewohnheiten» der Leserschaft und verwendet die Transkription aus dem Russischen. Weder bei Ringier noch bei CH Media gibt es Pläne, die Schreibweisen anzupassen.
Dnipro ja, Kyjiw nein
SRF und die NZZ haben einen differenzierten Ansatz. Das Thema der Schreibweise beschäftige seit Kriegsbeginn, schreibt SRF. In gewissen Fällen werde die ukrainische Schreibweise übernommen, so zum Beispiel für den Fluss Dnipro, der auf Russisch Dnjepr heisst. Kiew hingegen ist immer noch Kiew. «Es ist uns wichtig, unser Publikum nicht zu verwirren», erklärt die Medienstelle.
Die NZZ verwendet nach Angaben der Kommunikationsabteilung seit geraumer Zeit für Orts- und Personennamen die ukrainischen Formen. So sind zum Beispiel Namen wie Charkiw, Lwiw und Dnipro sowie Serhi und Andri statt Sergei und Andrei in Artikeln zu lesen. Es gibt aber Ausnahmen wie Tschernobyl und Odessa. Auch Kiew wird nicht Kyjiw geschrieben. Es gehe darum, die Wiedererkennbarkeit für das Publikum zu wahren.
Dass die Leserschaft die ukrainische Schreibweise als irritierend empfinden kann, zeigen die Kommentare zum Tamedia-Artikel «In eigener Sache». «Die Umstellung ist mehr verwirrend als hilfreich», heisst es. Einige Lesende fragen sich auch, ob auch Schreibweisen aus anderen Sprachen wie Arabisch angepasst werden. Eine Person bezeichnet den Schritt als «linkswoke».
Die Kommentarspalte beinhaltet auch viel Zuspruch. Leute betonen, dass der Entscheid von Respekt zeugt und auch ein Zeichen der Solidarität sei.
Anerkennung der Souveränität
Auch für Sylvia Sasse, Slawistin an der Universität Zürich, signalisiert die Wahl «journalistische Sorgfalt und Respekt». Mit der russischen Variante von Namen werde auch die koloniale Perspektive übernommen, erklärt sie gegenüber persoenlich.com.
Sie erinnert daran, dass Ukrainisch im Russischen Reich zum Teil verboten wurde. Menschen, die Ukrainisch sprachen, wurden abgewertet. «Unter diesen historischen und den aktuellen Umständen des Krieges, in dem es um die Anerkennung der Souveränität geht, sind Ukrainerinnen und Ukrainer froh, wenn man das bei uns auch sieht und versteht», so die Professorin.
«Besser spät als nie», ist auch in den Kommentaren zu lesen. Warum Tamedia die Umstellung jetzt macht, lässt die Medienstelle auf Anfrage offen. «Die Entscheidung zu diesem Wechsel wurde schon seit Längerem diskutiert», heisst es bloss. Die Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung, die die ukrainische Schreibweise verwendet, habe keine direkte Rolle gespielt.