Wenn Kollegen vor Häme triefen

- Am Dienstag vermeldete die deutsche Presse, dass Star-Kolumnist Michael Graeter (Bild) in Zürich festgenommen wurde, weil er gegen Bewährungsauflagen verstossen hat ("persoenlich.com" berichtete). Für den Publizisten Helmut-Maria Glogger zeigt der Fall des deutschen Gesellschaftsreporters vor allem eines: Nämlich wie schnell Kollegen über einen herfallen, der ihnen an Wissen, Recherche und auch Unbestechlichkeit himmelweit überlegen war. Und ist.

Die Meldung liest sich so: Der deutsche Starreporter Michael Graeter ist am Montagmorgen in Zürich festgenommen worden. Der "Klatsch-König" sei von drei Zivilbeamten der Kantonspolizei noch vor Morgengrauen aus dem Bett geholt worden, heisst es in einem Bericht auf Bild Online. Gegen Graeter lag laut dem Boulevardblatt ein europäischer Haftbefehl aus München vor. Der Society-Reporter wurde wegen mutmasslicher Steuerhinterziehung gesucht, ausserdem soll er gegen Bewährungsauflagen verstossen haben. Schon im April 2007 hatte die Münchner Staatsanwalt Haftbefehl und Ausflieferung beantragt.

Und dann häufen sich schon die Fehler: In Zürich soll er bei einem Privatradio gearbeitet haben. Ach ja. Schon sehen Kollegen ihn in Abschiebehaft sitzen, zusammen mit abgewiesenen Asylbewerbern. Mit denen er dann nicht wie bei ihm üblich "über den roten Teppich latscht", sondern im Gefängnishof Runden dreht. Da summieren sich Phantasie, "Copy & Paste"-Taste und reine Erfindung zu einem Gebräu, das echt zum Kotzen ist.

1. Michael Graeter hat nicht bei einem Zürcher Privatradio gearbeitet. Er war lange Nachrichtenchef des Schweizer Privatsenders StarTV.

2. Michael Graeter sitzt auch nicht mit irgendwelchen Herren aus Drittweltländern zusammen, die vom Flughafen Kloten aus in ihre Heimatländer ausgeflogen werden. Ein einfacher Anruf beim Bundesamt in Bern hätte hier für Aufklärung gesorgt. Das Bundesamt für Justiz in Bern bestätigte die Verhaftung Graeters: "Herr Graeter wurde am Montag in Haft genommen", sagt Pressesprecher Volko Galli und erläutert die Details der Auslieferung: "Es gibt zwei Möglichkeiten: Stimmt Herr Graeter zu, gibt es eine einfache Auslieferung, das geht ziemlich rasch." Würde er sich juristisch wehren, gäbe es ein ordentliches Auslieferungsverfahren. "Das kann ziemlich lange dauern", sagt Galli. Was unter Garantie so ist.

3. Über "rote Teppiche" ist er auch nie "gelatscht" und wird auch nicht in Gefängnishöfen jetzt seine Runden drehen.

Bei Recherchen stets voraus

Absurde Phantasien von sattsam bekannten journalistischen Geiern über einen Mann, der fraglos deutsche Gesellschaftsgeschichte geschrieben hat. Da werden jetzt Horrorgeschichten über Graeter zusammengeschnulzt. Und die, denen er mehr als nur eine Nase bei Recherchen voraus war, nutzen die Chance, ihm mal so richtig eins auszuwischen. Was er sich wirklich hat zu schulden kommen lassen? Wissen wir es wirklich? Füttert da nicht wieder eine promi-besessene Staatsanwaltschaft die Medien nach Lust und Laune? Dieser bajuwarisch-juristische Grossverein verfolgt ja auch mit messianischem Eifer Boris Becker.

Und gieren jetzt nicht wieder genau die auf geile Schlagzeilen, die Graeter stets als "Sesselfurzer" verhöhnten? Eben die, die auf der Besuchertribüne bei der Oscar-Preisverteilung in Los Angeles ein billiges Plätzchen gefunden haben und stocksauer waren, wenn dieser Graeter unten auf dem nun wirklich roten Teppich stand und ungeniert mit den Grossen der Filmwelt plauderte? Und die, die sein Wissen schamlos ausnutzten? Die schreiben zwar Briefe an den "Lieben Gott", halten sich jetzt aber sehr bedeckt. Um ihren eigenen Namen mal wieder im "Spiegel" oder sonst wo als "Autor" gedruckt zu sehen? Mit dem Wissen, das Graeter ihnen verraten hat.

Nebenbei: Die einzige Gegendarstellung, die Graeter in seinen langen Jahren bei der "Bunte" bekam, hat er sich nur deshalb eingehandelt, weil er einen Informanten nicht preisgab. Die Sache selbst stimmte: Dass ein Promi in der Münchner Bar 'Trader Vic's' mit einem Mädel unterm Tisch zugange war.

Als Baby Schimmerlos in TV-Serie verewigt

Michael Graeter ist ein Reporter. Basta. Einer, der sich nie zu schade war, stundenlang auf einen Coup zu warten; einer, der bei Nacht und Nebel aufbrach, um am Ort des Geschehens zu sein -- und nicht einer, der vom wohlig-warmen Arbeitsplatz Journalisten hin- und herdirigierte; dass er dabei die eine oder andere Story im wahrsten Sinne des Wortes "zu Tode recherchierte" spricht nur für ihn als Journalist. Dass er nicht Jedermanns Freund war, gehört zum Schicksal eines guten Reporters. Er war eben nicht immer der "nette Michi". Zumal er verbal ganz gerne auch an Grenzen ging. Dass er kein Geschäftsmann war? Gegenfrage: Welcher Journalist, der seinen Beruf ernst nimmt, kam je zu Geld? Ich kenne keinen.

Wer aber ist nun dieser Michael Graeter? Sein Handwerk hat er in Augsburg gelernt. Dort gründete er flugs eine Boulevardzeitung, bevor er von Werber Friedmann, dem legendären Zeitungsgenie, zur "Münchner Abendzeitung" geholt wurde. Da arbeitete er erst als Lokalchef und hatte unter andem Michael Ringier (ja den) unter seinen Fittichen. Zu den Mitarbeitern der AZ gehört damals übrigens so berühmte Journalisten wie Erich Böhme (später Spiegel-Chefredaktor), Peter Glotz (später Minister und Medienchef der SPD), Michael Jürgs (später "Stern"-Chef), Frank Plasberg ("Hart, aber fair"), Andreas Petzold (heute Co-Chef vom "Stern") und Claus Strunz (Chefredaktor der "Bild am Sonntag").

Aus einem schlechten "Heimathafen" kommt er also nicht, der Graeter Michi. Immerhin wurde er der Nachfolger des legendären "Hunter" und hievte mit seiner ironisch-satirischen Schreibe die Bussi-Bussi-Gesellschaft und die Auflage hoch. Später enthüllte er im Auftrag von "Bild" und "Bunte" die Glitzerwelt als einen Komödienstadl. Dass Graeter dann von Regisseur Helmut Dietl und Drehbuchautor Patrick Süskind (Weltbestseller "Das Parfum") als "Baby Schimmerlos" in einer TV-Serie verewigt wurde, spricht grundsätzlich ja nicht gegen das handwerkliche Können eines "gesellschaftlichen Trüffel-Schweins".

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit schrieb Graeter auch Bücher, die brillant recherchiert waren: "Eitelkeit" ist so ein Standardwerk, aber auch sein "Lexikon des Klatsch" ist ein Buch, hinter dem sehr viel Arbeit und Fleiss steckt. Wie gesagt: Er ist mit Leib und Seele Reporter. Dass ihm die Grosskotze der Münchner Politik- und Wirtschaftsamigos dann einredeten, dass er doch zu Höherem geboren sei -- vielleicht hätte er da gar nicht zuhören sollen. Wie auch immer. Jeder Journalist möchte schliesslich endlich mal einen Bestseller schreiben oder es zumindest "denen da oben" auch mal zeigen. Und da hat er sich eben schon a bisserl zuviel auf all die Straussens, Gauweilers, Schörghubers, Houdeks, die Flicks oder wie die sonst alle heissen, verlassen.

Nicht zur Hochfinanz geboren

Logisch, dass die heute so tun, als hätten sie einen "Herrn Graeter" nur aus der Zeitung gekannt. So sind sie eben, die wirklich Reichen. Ich nahm Graeters Ausflüge in die Welt der Gastronomie ("Café "Extrablatt" in Münchens überteuertem Schwabing, später in Berlin) nie ernst, auch seine Abenteuer als Filmpalast-Besitzer haben mich nie beeindruckt. Irgendwie passte das alles nicht zu Michael. Den ich mir nie als knallharten Geschäftlemacher vorstellen konnte, so mit Treuhänder, Anwälten, Buchhaltern, Steuerberatern und all den Herren, die ihm ja auch irgendwann das finanzielle Genick brachen. Denn zur Hochfinanz war er nun wirklich nicht geboren. Dazu war er viel zu bieder, ja auch naiv und vor allem zu gutgläubig.

Was einen guten Journalisten ja auch irgendwie auszeichnet. Dass er trotz all den Schweinigeleien, die einer in seinem Berufsleben so mitbekommt, immer noch an das eigentlich Gute glaubt. Und sich dann nur schwer vom Gegenteil überzeugen lässt. Wenn er das aber recherchiert hat, dann wurde das auch gedruckt. Und nicht etwa abgeschwächt oder abgemildert -- ein journalistischer Eingriff, der Graeter so gegen den Geist ging, dass er in Verkennung der realen Welt und seiner Mächte sich auch mit dem Burda-Verlag überwarf.

Zu Hochform lief er immer auf, wenn er was journalistisch aufdecken wollte: So war er der Erste und Einzige, der Gunter Sachs und seine gerade angetraute Brigitte Bardot vor seinem oberbayerischen Gut aufspürte. Und die Geschichte natürlich exklusiv hatte. Wenn ein Hollywood-Star mit einem silbernen Besteck landete, um sich auch fern des heimischen Dealers an Kokain zu laben. Dann schrieb er das. Auch wenn die eine vom Freund des Ehemannes schwanger war und gleichzeitig sich mit dem Gehörnten fotogen ablichten liess.

So war er der Erste und Einzige, der die Liebe zwischen Ernst August Prinz von Hannover und Caroline von Monaco öffentlich machte. Trotz den juristischen Drohungen von allen Seiten: Die Story war einmal mehr wasserdicht. Nebenbei: Ein Gunter Sachs, eine Begum Aga Khan, ein Arthur Cohn und andere finden bis heute nur lobende Worte über Graeter. Als Journalist. Als Geschäftsmann war er auch ihnen eher unbekannt.

Mit Pseudos wie Verona Pooth-Feldbusch tat er sich schwer

Ich kenne Michael seit Jahrzehnten. Wir kamen uns als Kollegen nie ins Gehege. Wir schätzten uns, mögen uns bis heute. Er schrieb für mich, ich mal für ihn. Wir verfassten gemeinsam das "Alphabet der Eitelkeit". Wir trafen uns oft in Zürich. Auch im TV-Studio, auch auf der Redaktion, auch privat. Seine Probleme mit irgendwelchen Gerichten und Verfahren waren Privatsache. Da sprach er nicht drüber, lieber über Geschichten, die man mal wieder verschlafen hat, oder über Menschen, über die man doch längst was Gutes, Sauberes, auch Gemeines lesen will.

Die Schweiz war für den Oberbayer ein Hort der politischen Ruhe. Da fühlte er sich wohl, nicht in der pseudolinken Kamarilla Windfähnchen gleicher "Kollegen". Natürlich war es hart für einen schreibenden, reportierenden Dino wie ihn, zu sehen, wer heute in die Harfe greift, geht es um Geschichten aus dem Gesellschaftsressort. Da gibt es heute eben keine Gregor von Rezzoris, keine Martin Morlocks, keine Peter Brügges und keine Michael Jürgs mehr. Allein deren Reisespesen würden heute jedem Chefredaktor den Kopf kosten. Und wer heute noch den alten Satz von Ex-Bild-Chef Günter Prinz zitiert: "Meine Reporter wohnen dort, wo die Stars wohnen" der kennt keine Redaktions-Realität von Heute.

Auch mit Pseudos wie einer Verona Pooth-Feldbusch oder einen Pop-Protz à la Dieter Bohlen tat sich Graeter schwer. Da litt er, wenn die sich angeblich "den Penis brachen" oder sonst einen Quatsch verzapften: Das war für ihn kein Journalismus mehr, nur mehr Schrott. Vielleicht hat ja Michael Graeter jetzt endlich die Muse, das Buch zu schreiben, auf das ich schon lange warte: "Die wahre Geschichte der Deutschen Gesellschaft". Stoff genug dafür hat er ja wirklich.

(Text: Helmut-Maria Glogger. Der Autor war 22 Jahre lang in den Chefredaktionen von "Schweizer Illustrierte", "Blick", "SonntagsBlick" sowie "GlücksPost" tätig und hat zahlreiche Bücher verfasst.)