WePad und WeMagazine

Ringier - Nach der Euphorie macht sich Ernüchterung breit.

Beim Thema E-Book will Ringier zuvorderst mit dabei sein und hält deshalb mehrere Eisen gleichzeitig im Feuer. So ist der grösste Schweizer Verlag zum einen mit Tamedia, NZZ, Orell Füssli und Swisscom beim E-Book-Projekt "Codex" involviert, erwarb sich aber bereits auch die Lizenz für die Software WeMagazine der Berliner Software-Firma Neofonie, die das Tablet WePad entwickelt hat (persoenlich.com berichtete http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=87765&criteria=Walder&display_search=true). Doch macht eine Kombination überhaupt Sinn? Für Ringier offenbar schon. "Ringier beteiligt sich nach wie vor mit viel Engagement am Projekt ‚Codex’", hält Ringier-Sprecher Stefan Hackh auf Anfrage fest. Auch habe man dort bewusst keine Exklusivität vereinbart.

Den Unterschied zwischen "Codex" und WePad/WeMagazine erklärt Hackh so: Das Projekt "Codex" wolle die Schweizer Zeitungen und Zeitschriften den Leserinnen und Lesern digitalisiert und koordiniert auf einem noch zu definierenden Endgerät anbieten. "Bei der Zusammenarbeit mit Neofonie hingegen will Ringier seine Publikationen angereichert mit einem multimedialen Feuerwerk als so genannte E-Magazine auf Endgeräte ausliefern - also mit zusätzlichen Video- und Audio-Applikationen, diversen Verlinkungen und so weiter. " Konkret plane man die digitale Aufbereitung und Anreicherung der Magazine "Schweizer Illustrierte" und "Cicero". Vorgesehen sei ferner, "dass die Titel der ‚Blick’-Gruppe als multimediale Publikation auf den diversen Endgeräten folgen werden".

Dass die Firma Neofonie sich selbst bei der Präsentation des WePad zum Gespött machte, weil sie keinen funktionierenden Prototypen zeigte, sondern sich mit einer Endlosschleife auf Windows behalf, scheint Hackh zunächst wenig zu kümmern. "Wir gehen davon aus, dass Neofonie rechtzeitig voll funktionierende Applikationen und Geräte wird anbieten können", schreibt der Ringier-Sprecher. Die Spezialisten von Ringier seien jedenfalls mit der Berliner Firma in engem Kontakt. Verglichen mit der Euphorie, die Marc Walder, Chef von Ringier Schweiz, an der Bilanzmedienkonferenz vor zwei Wochen versprühte, sind dies allerdings bemerkenswert vorsichtige Töne.

Vollends stutzig macht dann aber Hackhs Antwort auf die Frage, ob denn bei Ringier jemand die Software WeMagazine je schon mal ausprobieren konnte und ob man sicher sei, dass sie wie versprochen Plattform-unabhängig funktioniere – also beispielsweise auch auf dem iPad? "Wie bei allen Software-Entwicklungen steht nun dieser Prozess an - dazu gehört auch die Anpassung an die diversen Endgeräte", kommt es etwas kleinlaut aus der Ringier-Zentrale. Mit andern Worten: Ringier hat noch keine Ahnung.

Fazit: Man wird den Eindruck nicht los, dass Ringier dem iPad-Hype zu sehr erlegen ist und die Kooperation mit Neofonie vorschnell kommuniziert hat. Schlimmstenfalls ging man der Berliner Firma gar auf den Leim. Umso wichtiger ist es nun, sich beim Projekt Codex weiter zu engagieren. (Text: Markus Knöpfli)