Wer hat die Identität der Frau preisgegeben?

Tamedia - In der Diskussion um den Artikel von Claudia Blumer bleibt eine wichtige Frage offen: Warum hatte die Frau ein Interesse an einer Richtigstellung? Laut der «Schaffhauser AZ» war der Fall in Schaffhausen vielen schon länger bekannt.

von Edith Hollenstein

Nachdem am Wochenende Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser zur Kritik an einem Tagi-Artikel über die Rolle der Kesb bei Elternkonflikten Stellung genommen hatte, bleiben Fragen offen. Ein wesentlicher Punkt betrifft den Persönlichkeitsschutz, dem der «Tages-Anzeiger» laut eigenen Angaben hohe Priorität eingeräumt hatte.

«Durch unseren Artikel sind die betroffenen Personen nicht identifizierbar. Weder Orte noch Namen wurden genannt, nicht einmal ein Kanton», erklärte Rutishauser am Sonntag gegenüber persoenlich.com. Der Tamedia-Chefredaktor ist der Ansicht, dass erst aufgrund des Artikels in der «Schaffhauser AZ», der von der Mutter der Kinder initiiert wurde, die Leserschaft Details kennt, die zur Identifikation führen könnten, etwa dass es sich um eine Familie aus Schaffhausen handelt. Rutishauser schiebt in dieser Frage also sozusagen den Schwarzen Peter weiter an die Berufskollegen in Schaffhausen: «Das haben die Mutter und die Schaffhauser AZ zu verantworten», sagt Rutishauser.

Vater sendete E-Mail an Politiker und Behörden

Eine Nachfrage bei der Redaktion der «Schaffhauser AZ» zeigt nun aber, dass es auch anders gewesen sein könnte. «Die Frau sah ihre Anonymität bereits nach dem Tagi-Artikel nicht mehr gegeben. Der Vater hat sich in einem Mail-Grossverteiler an diverse Politiker und Politikerinnen und Behörden bereits mehrfach abfällig über sie und zum Fall allgemein geäussert. Mehrere Personen sagten gegenüber der AZ, den Fall und die Identität der Frau erkannt zu haben nach Lektüre des Tagi-Artikels», schreibt Co-Redaktionsleiter Marlon Rusch am Montagabend auf Anfrage von persoenlich.com. Die AZ habe durch die Nennung des Kantons den Kreis derjenigen, die sie erkennen konnten, «nicht wesentlich vergrössert».

«Unkritisch aus der Sicht des Vaters»

Und warum hatte die Frau ein Interesse an einer Richtigstellung, wenn doch ihre Identität aufgrund des Tagi-Artikels nicht identifizierbar gewesen sein soll? «Die Mutter fand sich ungerecht behandelt. Sie wollte die Angelegenheit richtigstellen, auch wenn sie das ein weiteres kleineres Stück ihrer Anonymität kostete», antwortet Rusch auf diese Frage.

Die «Schaffhauser AZ» hatte letzte Woche den Tagi kritisiert (persoenlich.com berichtete). Der Text von Medienjournalistin Claudia Blumer habe unkritisch die Perspektive eines verzweifelten Vaters kolportiert. Blumer habe die Trennung eines Ehepaares mit zwei Kindern verkürzt dargelegt und die Verurteilungen von verschiedenen Instanzen gegen den Mann – er ist gleichzeitig der Informant des «Tages-Anzeigers» –, nicht erwähnt. Blumer wies diese Vorwürfe von sich. Der Fall liegt nun in Form einer Beschwerde beim Tamedia-Ombudsmann.