Mitte September hat PR-Berater Sacha Wigdorovits seine Gratiszeitung ".ch" lanciert. Mit seinem Blatt will er an die Honigtöpfe des Werbemarkts gelangen, die bislang vor allem "20 Minuten" vorbehalten blieben. Erfolg versprach sich der Neo-Verleger ursprünglich vor allem vom Distributionskonzept: ".ch" sollte direkt vor die Haustüre der potenziellen Leserschaft geliefert werden. Ob das Konzept funktioniert, darüber herrscht Unklarheit in der Branche: Laut Presseberichten wird mittlerweile ein beträchtlicher Teil der Auflage über normale Zeitungsboxen an Bahnhöfen und Busstationen ins Publikum gebracht.
Tamedia, die Eigentümerin von "20 Minuten" reagierte auf die Lancierung von ".ch", indem sie mit "News" in Zusammenarbeit mit der Basler Zeitung Medien eine zweite Gratiszeitung herausgab, die ausschliesslich auf gut aufbereitete Nachrichten setzt. Für Branchenkenner ist ausgemacht: Von den beiden neu lancierten Titeln überlebt nur einer. Spätestens in der nächsten Rezession wird eine der Zeitungen das Zeitliche segnen. Welche, darüber scheiden sich die Geister.
Wie lautet der Zwischenstand im Zweikampf zwischen den beiden Gratisblättern? Welcher Titel hat die Nase vorn? "persoenlich.com" hat fünf Branchenkenner um eine Einschätzung gebeten:
Rainer Stadler, Medien-Journalist NZZ:
"Sowohl '.ch' wie 'News' vermögen auf dem Informationsmarkt da und dort mit Eigenleistungen gewisse Akzente zu setzen. '.ch' etwa am Mittwoch mit einem Beitrag zum Steuerstreit Schweiz/EU. Dem Projekt 'News' stand ich vor dem Start skeptisch gegenüber. Nun sehe ich das etwas anders. Man merkt, dass 'News' von der grossen Verlagskraft von Tamedia profitiert. Wer mehr Inserate hat, kann den Gesamteindruck positiv beeinflussen. Auch punkto redaktioneller Leistung gebe ich 'News' mehr Punkte. Die 'Kolumnen' machen '.ch' zwar inhaltlich farbiger. In optischer Hinsicht vermag jedoch die blasse Schrift nicht zu überzeugen. In diesem Sinne: 'News' hat die Nase vorn."
Karl Lüönd, Publizist:
"Da ich kein Anhänger der Grenzwissenschaften bin, tue ich mich im heutigen Zeitpunkt mit dieser Frage schwer. Beide Blätter sind handwerklich in Ordnung -- aber darauf kommts nicht an. Entscheidend ist, wie die Vertriebssysteme funktionieren. '.ch' operiert mit einem neuen System, das besonders schwierig einzuschätzen ist. Soweit wir uns nicht an Grenzwissenschaften halten wollen, müssen wir die ersten offiziellen WEMF-Daten abwarten. Nach wie vor bin ich der Überzeugung, 'News' sei ein reines Kampfprojekt gegen '.ch'. Meine mit Pietro Supino abgeschlossene Wette gilt unverändert: Sollte '.ch' vom Markt verschwinden, würde auch 'News' innert zwei Monaten über den Jordan gehen."
Nick Lüthi, Chefredaktor Klartext:
"Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Als strategisches Verlagsprojekt mit der Macht eines Grosskonzerns im Rücken besitzt 'News' klar die besseren Karten als '.ch', das seinerseits viele Sympathien verspielt hat mit den Problemen bei der Distribution. Auch aus publizistischer Sicht liegt 'News' besser im Rennen. Der Titel hält, was er verspricht. Nachrichten, unprätentiös serviert. Leicht verdauliche Pendlerkost.
'.ch' hingegen ist eine Wundertüte. Zwar durchaus gefällig gemacht, doch -- mit Ausnahme von Fernsehprogramm und Sport -- weiss der Leser nicht, was ihn erwartet. Doch nun zum zweiten Blick: Wie wir wissen, können Grosskonzerne sehr schnell den Stecker ziehen, wenn plötzlich die Prioritäten anders liegen. Eine hartnäckige und ehrgeizige Einzelmaske erscheint im Vergleich dazu fast als der grössere Garant für Kontinuität -- vorausgesetzt die Millionen fliessen weiter."
Andy Lehmann, CEO Aegis Group Switzerland:
"Wir haben für beide Titel noch keine 'offiziellen' Leser-Zahlen. Ein Vergleich ist für mich also nur auf Basis der von den beiden Verlagen abgegebenen "Vertriebs-Versprechen" möglich. Der Vertrieb von "News" funktioniert mit Boxen und Strassenverteilung offensichtlich gut. Die Zeitungen gehen weg, die Boxen sind mehrheitlich leer und die Verteiler machen eine gute Arbeit.
'.ch' hat das anspruchsvolle Distributionsversprechen, als erste Zeitung am Morgen mit Ständern in den Wohngebieten präsent zu sein, nicht eingelöst. Dieses Manko wurde durch höhere Präsenz in Boxen kompensiert und jetzt wird offensichtlich versucht, trotzdem die Wohngebiete irgendwie wieder zu erschliessen. Distributionssieger ist also sicher 'News'. Anzeigenkunden wollen Sicherheit und sind nicht bereit, 'Trial and error'-Konzepte zu finanzieren."
Stephan Küng, CEO Initiative Media:
"Beide Titel sind gut gemacht, aber auch sehr austauschbar (oder würden Sie merken, wenn der Inhalt des einen Titels im Layout des anderen gedruckt würde?). Entschieden wird der Kampf letztendlich sowieso über die Distribution. Und hier hat '.ch' schlicht ein Problem. Die von Beginn weg negativen Schlagzeilen in Bezug auf die Haushaltzustellung, gefördert durch passive, intransparente Kommunikation des Verlages, hat zu einer totalen Verunsicherung im Markt geführt. Hier besteht grosser Handlungsbedarf. Schafft es '.ch' nicht, mit Transparenz nachweislich Vertrauen zu schaffen, wird 'News' das Rennen machen, zumindest im Anzeigenmarkt."