«Wer hat heute noch Attitude?»

René Scheu - Vor über einem Jahr ist der promovierte Philosoph René Scheu als Feuilletonchef der NZZ zurückgetreten. Heute ist er Geschäftsführer des neu gegründeten Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern. Hat sich dieser Schritt gelohnt?

von Matthias Ackeret

Herr Scheu*, Sie sind nun über ein Jahr weg von der NZZ, wo Sie als Feuilletonchef einen der prestigeträchtigsten Jobs des Schweizer Journalismus hatten. Haben Sie Ihren Abgang je einen winzig kleinen Moment bereut?
Ganz ehrlich: Nein. Und dies, obwohl ich fürs Leben gern Feuilletonchef war. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, vor Vollendung des ersten halben Jahrhunderts meines Daseins auf diesem Planeten nochmals etwas zu reissen, von A bis Z. Es bot sich mir eine einmalige Gelegenheit, sie trägt den Namen IWP. Der Preis war, ein gemachtes Nest nach getaner Arbeit zu verlassen. Ich war fast sechs Jahre Feuilletonchef der NZZ – eine unvergessliche Zeit, die mir trotz allem niemand nehmen kann.

Lesen Sie denn noch die NZZ?
Sie scherzen! Klar, jeden Tag. Ich finde, dass Eric Gujer das analoge Blatt ebenso wie die digitale Plattform zu neuen Höhen geführt hat. Da wird insgesamt sehr kundig berichtet und unerschrocken gedacht. Die Leitartikel, am besten samstags auf dem Deckel präsentiert, sind wahre Freudenlektüren. Das Lesen der NZZ ist für mich, wie Hegel einst sagte, eine Art von realistischem Morgensegen.

Nun sind Sie Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern (IWP). Was sind die wesentlichsten Unterschiede zu Ihrer früheren Tätigkeit als Schweizer Chefphilosoph?
Chefphilosoph – haha, sehr schön, das merke ich mir! Der Philosoph ist ja eigentlich ein bunter Vogel, der sich fast überall zurechtfindet. Und die Politische Ökonomie interessiert mich, wie Sie wissen, seit Langem …

«Die neuere Pädagogik hat hier nicht nur Gutes bewirkt»

Manche Feuilleton-Kritiker warfen Ihnen in der Tat vor, zu ökonomisch zu denken und zu wenig kulturaffin zu sein.
Die Frage ist, was mit Kultur gemeint ist. Ich halte mich hier an den römischen Begriff: Kultur kommt von «colere», «kultivieren», also pflegen, Sorge tragen, bewirtschaften. Das umfasst mehr als Oper, Theater und Poesie. Im Sinne der erweiterten Kulturpflege bin ich also sogar sehr kulturaffin, würde ich meinen: Von der Bewirtschaftung zur Wirtschaft ist es ein Katzensprung. Klar denken, verständlich schreiben, das Wesen der Medien begreifen, Menschenkenntnis: All das kommt mir auch bei meiner neuen Aufgabe als Geschäftsführer eines Wirtschaftsforschungsinstituts zugute. Ich zeichne hier für das Operative und die Kommunikation verantwortlich.

Wie schätzen Sie den Wissenschaftsstandort Schweiz ein? Wo gibt es Verbesserungsmöglichkeiten?
Wissensvermittlung beginnt früh – und die Schweizer Volksschulen sind zweifellos ein Asset. Als Vater zweier schulpflichtiger Kinder würde ich allerdings sagen: Die neuere Pädagogik hat hier nicht nur Gutes bewirkt. Denn auch im digitalen Zeitalter gilt: Kompetenzen braucht es zwar, aber erst mal zählt das erworbene Wissen, und die Klassenlehrer bleiben unverzichtbare Bezugsgrössen für die Schüler und Jugendlichen. Stolz sein können wir auf das duale Bildungssystem, wir vermitteln praktisches Know-how auf hohem Niveau – das beweisen die guten Rangierungen von Schweizern an Berufsweltmeisterschaften. Und auch einige Hochschulen können international mithalten, an erster Stelle natürlich ETH und EPFL.

«Ein erster Bestseller ist unsere Swiss Inequality Database»

Wo sehen Sie die Marktlücke Ihres Instituts?
Darin, relevante Fragen zu stellen, Forschung zu betreiben, die die besten verfügbaren Schweizer Daten zur Einkommensverteilung bietet, und die Ergebnisse für alle Bürger verständlich zu vermitteln. Da können Sie nachschauen, wie sich Steueraufkommen, Einkommensverteilung und staatliche Umverteilung von 1917 bis heute entwickelt haben, auf Kantons- und Bundesebene. Im Herbst kommen neue Funktionen hinzu. Solche Tools sind wichtig, um heisse ideologische Debatten zu versachlichen. Man sieht da zum Beispiel: Die oberen 5 Prozent der Topverdiener kommen in der Schweiz für 40 Prozent der Steuern auf. Oder: Die Einkommensverteilung ist hierzulande seit über 100 Jahren sehr stabil.

Welche Projekte bearbeiten Sie momentan?
In einer neuen Studie haben wir damit begonnen, das Staatswachstum neu zu berechnen – eine Herkulesaufgabe, die uns noch länger beschäftigen wird. Aber Transparenz ist für die Bürgerinnen und Bürger gerade in diesen Belangen wichtig. Demnächst wollen wir die Bürgernähe eidgenössischer Politik zum ersten Mal auf sauberer Datengrundlage vermessen. Ein anderes Leuchtturmprojekt ist ein Steuersimulationsmodell für die ganze Schweiz – das würde helfen, die finanziellen und fiskalischen Auswirkungen möglicher Reformen im Voraus abschätzen zu können. Zum Beispiel im Falle der Einführung der Individualbesteuerung. Oder im Falle eines Ausbaus der Erbschaftssteuer.

Sie gelten als sehr belesen. Was ist momentan Ihre Lieblingslektüre?
Ich lese gerade Werner Herzogs Autobiografie mit dem Titel «Jeder für sich und Gott gegen alle». Was für ein verrücktes Leben, das der genialische deutsch-amerikanische Regisseur mit der ihm eigenen Ruhe beschreibt, als ginge ihn das alles nichts an. Ebenfalls zu empfehlen: «Der Mensch als Tier» des Bonner Superphilosophen Markus Gabriel, das allerdings erst in Druckfahnen zu greifen ist. Und einige Bücher zur Geldtheorie, unter anderem des verstorbenen Publizisten Paul C. Martin. Mit dem Geld verhält es sich wie mit der Zeit – es betrifft uns unmittelbar, wir brauchen es täglich. Aber je mehr wir es zu verstehen versuchen, desto fremder wird es uns.

Was hat Sie mehr berührt: der Tod der Queen oder der Rücktritt von Roger Federer?
Wenn Sie mich so fragen: der Tod der Queen. Allerdings ist «berührt» in meinem Fall das falsche Wort. Eher habe ich mit Staunen beobachtet, wie andere gerührt waren. Beide – die Königin und der Sportskönig – haben zweifellos viel geleistet, sie haben aber auch auf eine unglaublich gekonnte Art repräsentiert. Nicht der Inhalt zählte, sondern die Form, der Stil, die Attitude – und Hand aufs Herz: Wer hat heute noch Attitude?

Nun ja. Wie aber erklären Sie sich diese emotionale Aufwallung bei diesen beiden Ereignissen?
Dadurch, dass die beiden Stilisten, wenn ich so sagen darf, wie Figuren aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum, oder besser vielleicht: wie aus Zeit und Raum gefallene Figuren, wirken. Sie waren immer gleich stylish, immer gleich cool, immer gleich beherrscht und diszipliniert – das Gegenteil der dauerempörten Zappelphilippe, die heute in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den Ton angeben.


*René Scheu, 1974 geboren, ist Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern (IWP). Der promovierte Philosoph hat von 2016 bis 2021 das Feuilleton der NZZ geleitet. In den letzten Jahren hat er zahlreiche Bücher publiziert und herausgegeben, zuletzt die beiden Gesprächsbände «Gespräch und Gegenwart» und «Gespräch und Gestalt» (beide NZZ Libro). Scheu ist weiterhin publizistisch tätig, unter anderem als Kolumnist des Blicks und für die NZZaS.

Das ausführliche Interview ist in der aktuellen Printausgabe von «persönlich» erschienen.